Verrückt in Gott

Von der Figur eines ihrer Stücke sagt die Autorin Silja Walter, diese erscheine «nur darum ‹verrückt›, weil sie im ‹Dahinter› steht». Ihr selbst ist wichtig, «hinein[zu]schauen in das, was im Geheimnis hinter der Welt und durch sie hindurch wirklich geschieht». Handelt es sich bei dem christlichen Existenzbewusstsein letztlich also um die Spielart eines ganz besonderen Surrealismus? Denen jedenfalls, die in ihm beheimatet sind, bleibt die sogenannte Wirklichkeit immer nur etwas Vordergründiges und Vorläufiges. Das eigene Leben hingegen wird zum «Mysterienspiel», dem sich als Tiefenstruktur ein heute vergessenes Wort einzuschreiben vermag: «Heilsgeschichte». So zu denken und entsprechend zu handeln – das ist närrisch, das ist christlich. Es überrascht nicht, wenn wir nach alledem mit dem Eingeständnis der Verfasserin konfrontiert werden, dass «der Trottel, der Narr … immer» ihre «Trägerfigur» sei.

Stellen wie diese sind es, hinter die in der Altersautobiographie von Silja Walter Ausrufezeichen zu setzen wären. Mit liedhaften Gedichten hatte die Tochter aus renommierter katholischer Verlegerfamilie und ältere Schwester des Schriftstellers Otto F. Walter frühe Berühmtheit erlangt. 66 Jahre ist dies nun her. Ein wiederholt angesprochenes Erlebnis, dessen Geltungsanspruch überwältigend gewesen sein muss, veranlasst die begabte Schriftstellerin 1948 zur praktischen «Umkehrung der Werte im geistlichen Leben». Sie tritt in das Benediktinerinnenkloster Fahr ein und wählt damit die äussere Enge, um innere Weite zu gewinnen. Einer Mentalität, die bloss in den Verheissungen der Säkularität ihr Genügen findet, wird dies schwer zu vermitteln sein. Die strenge Klausur, zu der Schwester Maria Hedwig (so Silja Walters Ordensname) sich ausdrücklich bekennt, ist das völlige Gegenprogramm zur Moderne. Unter dem Vorzeichen des «dreifarbenen Meeres», einer komplexen Metapher für Realitäten, die sie gläubig annimmt, findet sie hier die Möglichkeit zur Abkehr von der «Tyrannei der Dinge».

Auch als Nonne bleibt Silja Walter literarisch produktiv. Ihr Gesamtwerk füllt zehn stattliche Bände, die durch die vorliegende Fortsetzung von «Der Wolkenbaum. Meine Kindheit im alten Haus» (1991) ergänzt werden. Neben der Schilderung eines Daseins zwischen monastischer Auslöschung «des Ego durch den Gehorsam, die Armut, die Beständigkeit» kommt das eigene Werk und kommen dessen Kontexte nicht zu kurz. Silja Walter braucht nicht den Schutzraum einer Rubrik christlicher Dichtung – was manchen ihrer Verehrer ebenso entgegenzuhalten wäre wie denen, für die eine im Kloster lebende Dichterin von vornherein gar nicht erst unter die allgemeinen Qualitätskriterien von Literatur fällt. Diese Autorin kann viel. Gewiss – auch Silja Walter entgeht der «Spannung zwischen Vorgabe und Geheimnis» nicht, die darin besteht, sich auf Wahrheiten zu beziehen, die jenseits ihrer Subjektivität liegen. Anderseits findet man bei ihr mehr an Fremdheit, an aussergewöhnlicher Erfahrung, als in manchen Titeln, deren vermeintlicher Exzessivität das Feuilleton so leicht auf den Leim geht. Was Silja Walter zum Schreiben drängt, ist ja doch viel unerhörter.

Von ihrer Zeit «in der kirchlichen Jugendbewegung» her resultiert die Leidenschaft für das Theater, die die Autorin seither nie verlassen hat und die mit der Fortsetzung «der Tradition biblischer Spiele» auch im ökumenischen Raum wirksam geworden ist. So mag sich denn in diesem Zusammenhang noch der gedrängte Hinweis auf eine Neuerscheinung anbieten, aus der (von der anderen Konfession her) die Zeittiefe jener religiösen Dramatik erhellt, die Schwester Maria Hedwig mit spezifischen Akzenten fortsetzt. Innerhalb der «Neuen Folge» der «Schweizer Texte» hat Friederike Christ-Kutter «Sant Pauls bekerung» und «Oelung Dauidis des Jünglings vnnd sein streit wider den Risen Goliath», die beiden biblischen Stücke von Valentin Boltz (1489–1560), erstmals wieder zugänglich gemacht und kundig kommentiert. Um an den turbulenten Zügen der personenreichen Spiele Freude zu finden, muss man nicht unbedingt ein Fachgelehrter sein. Theater war für Boltz, ab 1546 ein knappes Jahrzehnt hindurch Spitalpfarrer in Basel, eine Angelegenheit der ganzen Stadtgemeinde. Auch hieran knüpft Silja Walter mit…

«Der beste Journalismus ist der,
den man liest, obwohl einen das Thema bis dahin gar nicht interessiert hat.
Beim MONAT passiert mir das ständig.»
Niko Stoifberg, Schriftsteller und Redaktor bei «getAbstract», über den «Schweizer Monat»