Vernunft ist keine Privatsache

Eine Verteidigung der bürgerlichen Gesellschaft und ihrer Medien

Vernunft ist keine Privatsache

Die Trennung des menschlichen Daseins in eine Sphäre der Privatheit und eine Sphäre des Öffentlichen – und mitnichten das Rad – ist die grossartigste und wirkmächtigste Erfindung der Menschheit. In ihr gründen die Idee der Vernunft, die Demokratie, der Rechtsstaat, die Legitimität des Geheimnisses und die Intimität.

Die über 2400 Jahre zurückreichende Trennung des Privaten und des Öffentlichen, die wie nichts anderes unser Alltagsleben auf unseren Hinter- und Vorderbühnen prägt, ist jedoch fragil: totalitäre Herrschaftssysteme in der Moderne bekämpften den Dualismus von Öffentlichkeit und Privatheit mit Netzwerken informeller Mitarbeiter, und unsere Spätmoderne unterminiert ihn mit der Privatisierung des Öffentlichen und der Vernetzwerkung der Menschen in social networks. Wie kommt es zu dieser Neujustierung? Um zu verstehen, was Privatheit und Öffentlichkeit bedeuten und wie sie aufeinander wirken, werfen wir einen Blick auf jene historischen Wellenbewegungen, die die grossartigste Erfindung hervorbrachten, und auf neuere Entwicklungen, die sie aushöhlen.

Von den alten Griechen…
Die Trennung des Privaten vom Öffentlichen geht auf das Athen des Perikles im 5. Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung zurück. Beide Sphären, das Private wie das Öffentliche, beziehen sich hier auf unterschiedliche Lebensweisen: der Kern des Privaten wurde mit dem oikos, dem Landgut der besitzenden Bürger, gleichgesetzt, der Kern des Öffentlichen mit der agora, dem Stadtplatz Athens.

Das Private entspricht dem Reich der Notwendigkeit. In ihm vollzieht sich alles, was zur Reproduktion der Gattung unabdingbar ist: Arbeit, um zu essen, Herstellen, um sich zu schützen, und Geschlechtsverkehr, um sich zu vermehren. Im Reich der Notwendigkeit unterscheiden sich die Menschen wenig von den Tieren, die auch für ihre Reproduktion arbeiten müssen. Zumal Sklaven, Frauen, Kinder und Gesinde nur im Reich des Notwendigen leben, ist für die Griechen die Tyrannis im Privaten gerechtfertigt.

Dagegen gilt das Öffentliche als das Reich der Freiheit. Im Reich der Freiheit können alle zum Thema machen, was ihnen so wichtig erscheint, dass es über das Private hinaus auch das Gemeinwesen etwas angeht. Was alle etwas angeht, ist das Politische. Des Politischen bedarf es, weil die Menschen verschieden sind und dennoch ähnliche Interessen und gemeinsame Einsichten haben können. Ihre individuelle Verschiedenheit unterscheidet die Menschen von den Tieren (die nur im Reich der Notwendigkeit leben), und die Besonderheit der Gattung Mensch liegt in der Existenz einer Sprache, durch die sie voneinander lernen können. Damit sind die Grundlagen für den Dualismus von Öffentlichkeit und Privatheit geschaffen.

Im Reich der Notwendigkeit erfolgt die Reproduktion der Gattung, hier arbeitet der Mensch und stellt Dinge her, während er im Reich der Freiheit bloss kommuniziert und damit einen Sinn des Lebens und Vernunft (logos) schafft. Auf dieser Basis entstand die mächtigste nichtreligiöse Utopie der Menschheit: wenn die Menschen frei miteinander sprechen können, dann sind sie zur Vernunft fähig. Und wenn sie sich Einsichten anschliessen können, sind sie in der Lage, ihre Gesellschaft, ihre Geschichte und ihre Zukunft selbst zu bestimmen. Demgegenüber erscheinen die Tyrannis und die Oligarchie, insofern sie diesen Raum des Politischen verneinen, als barbarische Herrschaftsformen. Sie konstituieren die Gesellschaft in ihrer Gesamtheit als Reich der Notwendigkeit.

Den Bürgern der Polis Athen erschien nun die Demokratie, im Sinne des Zusammenstimmens der vielen, als die einzig mögliche Form der Vergesellschaftung. Dieser säkularen Utopie verdanken wir ideengeschichtlich die wichtigsten Bürger- und Menschenrechte, die alle auf der Freiheit der Rede, der Medien und der Versammlung aufbauen. Gleichzeitig war jedoch bei den Griechen auch die Idee einer Balance zwischen den Reichen der Notwendigkeit und der Freiheit angedacht: indem der (zugangsberechtigte) Bürger im Reich der Freiheit seine Vernunft entwickeln kann, profitiert auch das Reich der Notwendigkeit von den Einsichten freien Denkens und Redens. Die Losungen der Vernunft werden von der agora in den oikos getragen, was eine Zivilisierung…

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Francis Cheneval, Professor für politische Philosophie,
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