Vermeintliche Sicherheit

Was ist schon sicher?

Für einen Artikel habe ich kürzlich Interviews mit Menschen geführt, denen ich hier auf Sansibar begegnet bin und die zu meinen Freunden geworden sind. Es ist ein persönlicher Text entstanden, denn es verbindet mich viel mit ihnen: Wir alle haben einen Moment erfahren, der unser Leben komplett verändert hat. Und wir haben gewagt, wovon viele nur hin und wieder vage träumen: Das altbekannte, gesellschaftskonforme Leben hinter sich zu lassen. Der Sehnsucht, in Afrika zu leben, zu folgen.

Ein Thema kam in all ihren Lebensgeschichten unweigerlich auf: die Sicherheit. «Ich habe mein sicheres Leben aufgegeben», sagte meine niederländische Freundin Caroline, die vor 15 Jahren auf einer Sanddüne in Namibia sass und spontan beschloss, in Afrika leben zu wollen. Sie ist hier schon mehrmals fast gestorben. Maurizio, einst ein sehr erfolgreicher, aber ausgebrannter Musikmanager, sagte mir: «Hätte ich Sicherheit gewollt, wäre ich in Italien in einer Fabrik gelandet und wäre jetzt wahrscheinlich tot.»

Auch ich habe Sicherheiten aufgegeben: meinen Job und damit meinen Anspruch auf Arbeitslosengeld, mein festes Einkommen, meine Wohnung inklusive Hausrat. Auch lebe ich weniger sicher auf Sansibar. Jüngst sind schwere Malariafälle aufgetreten hier, auch die Kriminalität ist höher als im Emmental, wo ich geboren wurde. Von der medizinischen Versorgung wollen wir gar nicht reden.

Bereue ich den Schritt? Im Gegenteil! Ich würde mir nicht verzeihen, wenn ich ihn nicht getan hätte. Es geht mir exakt wie Caroline und Maurizio: Beide können sich nicht vorstellen, in ihr überorganisiertes Leben in Europa zurückzukehren. Die gewonnene Freiheit und Zufriedenheit wiegen die verlorene Sicherheit alleweil auf, zumal diese relativ und oft vermeintlich ist. In unserem Streben nach Sicherheit vergessen wir manchmal, dass wir als Winzlinge auf einem kleinen Planeten festsitzen, der ungesteuert mit 107 280 Kilometern pro Stunde durch die Galaxie rast, die sich wieder­um mit 1 987 000 Kilometern pro Stunde durchs Weltall bewegt. Was also ist schon sicher?

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Werner Kieser, Unternehmer,
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