Verlassen wir uns nicht nur auf den Staat

Um uns auf künftige Schocks vorzubereiten, müssen wir die kollektive durch individuelle Resilienz stärken. Nicht an Infrastruktur, sondern an klarem Management und Verantwortung mangelte es in der Coronakrise.

 

Wie gut haben die Schweiz und andere Länder die Covid-19-Pandemie in den Griff bekommen? Die Frage ist nicht leicht zu beantworten, denn wir können nicht mit Sicherheit sagen, wie es uns unter anderen Szenarien ergangen wäre. Und doch kann uns eine umfassende Analyse Anhaltspunkte geben, wie wir uns besser auf zukünftige Krisen vorbereiten und mit Herausforderungen umgehen können, die sich hinter der vermeintlichen «Normalität» verbergen, in der wir uns derzeit befinden.

Das jeweilige Versagen oder der Erfolg staatlicher Pandemiebekämpfungsmassnahmen soll dabei anhand von zwei Messgrössen beurteilt werden: der Zahl der Toten (im Verhältnis zur Bevölkerung) einerseits und der wirtschaftlichen und sozialen Kosten andererseits. Was diese Kriterien betrifft, zeichnen sich in ausgewählten europäischen Staaten sowie den USA und Südkorea zwei Trends ab, und die untersuchten Länder lassen sich darauf aufbauend in drei Gruppen unterteilen: gut, okay und schlecht (Abbildung).

Die in die letztere Gruppe fallenden vier grossen europäischen Volkswirtschaften müssen dringend analysieren, was sie falsch gemacht haben.

Die Schweiz fällt zwischen die Gruppen okay und gut, da sie bis anhin eine gute Wirtschaftsleistung beibehalten konnte, in den pandemiebezogenen Todesfällen pro Million Einwohner aber weniger gut abschneidet. Ein Grund dafür könnte die Nähe zu ­Italien und Frankreich sein, in denen die grossen Ausbrüche in Europa ihren Ursprung hatten. Die Grenzen hätten (wie in Österreich geschehen) früher geschlossen werden können.

Eine der grössten Fragen ist die nach der Rolle des Lockdowns für diesen Erfolg. Ausgangsbeschränkungen sind eine mittelalterliche Massnahme und verantwortlich für die hohen wirtschaft­lichen und sozialen Kosten, die viele Länder erst noch zu spüren bekommen werden. Es gibt Belege dafür, dass die Infektionsraten (R0) bereits vor der Verhängung der Ausgangssperre signifikant gefallen waren, in einigen Schweizer Regionen sogar unter 1, weil die Menschen Verantwortung für ihre eigene Sicherheit übernommen hatten und andere Massnahmen Wirkung zeigten. Unsere Untersuchungen zeigen, dass Variationen bei der Strenge der Ausgangsbeschränkungen viel geringere Auswirkungen auf die vorläufige Bilanz hatten als bislang angenommen. Eine Verschärfung der Beschränkungen vom Niveau Schwedens auf das von Frankreich rettet demnach etwa 50 bis 100 Menschenleben pro Million Einwohner. Daher sind Behauptungen, der Lockdown habe hunderttausende Menschenleben gerettet, möglicherweise unzutreffend. In der Gruppe mit schlechter Bilanz hat der lange Lockdown dagegen mit Sicherheit grosse ökonomische und so­ziale Kosten verursacht, die von den hunderten Millionen ihrer Einwohner noch viele Jahre lang getragen werden müssen. Arbeitslosigkeit und Immobilienpfändungen im Zuge von Kreditausfällen werden diese Länder unweigerlich hart treffen. So befanden sich zum Beispiel in Grossbritannien Mitte August noch 9,5 Millionen Beschäftigte im staatlich bezuschussten Zwangsurlaub, und eine Umkehr des Trends ist nicht in Sicht. Wird diese Situation nicht bald korrigiert und eine schnelle Rückkehr zur Vollproduktion eingeleitet, könnten Millionen dieser Arbeitsplätze für immer verschwinden.

Es gibt drei Schlüsselelemente, mit denen westliche Länder die Epidemie ohne Ausgangssperre in Schach gehalten haben:
1) eine gesunde und normalgewichtige Bevölkerung – starke Immunsysteme und niedrige Adipositasraten sind ein grosser Vorteil –, 2) gutes Sozialverhalten und Gesetzestreue sowie 3) effektiver Schutz von Risikogruppen, insbesondere sehr betagten Menschen. Der zivilisierte Hintergrund der Schweizer Gesellschaft und Bevölkerung war bei der Bekämpfung des Virus von grosser Bedeutung und sorgte dafür, dass die Menschen sich ihm gegenüber widerstandsfähiger zeigten und seine Ausbreitung einzudämmen vermochten. Ähnliches liess sich auch in Dänemark und Österreich beobachten.

Falsche Sicherheit

SARS-CoV-2 ist ein sehr ungewöhnliches Virus, das zu einer sehr ungewöhnlichen Krankheit, Covid-19, führt. Auch wenn es gemeinhin als hochinfektiös gilt, gibt es immer mehr medizinische Anhaltspunkte dafür, dass breite Bevölkerungsschichten dank T-Zellen im Blut eine natürliche Immunität gegenüber schwacher Virusexposition aufweisen, die das an unseren Gewebezellen haftende Virus blockiert. Die Stärke dieser Immunität verändert sich im Alter, was erklären könnte, weshalb Kinder im wesentlichen immun gegen die Krankheit sind und sehr alte Menschen die grösste Risikogruppe darstellen.

Dies wirft sehr heikle, aber grundlegende ethische Fragen auf. Zum einen müssen wir uns fragen, wie ethisch es ist, moderne Technologie dazu einzusetzen, menschliches Leben für einzelne weit über die biologischen Grenzen hinaus zu verlängern, insbesondere wenn deren Lebensqualität erheblich eingeschränkt ist. Zum anderen müssen wir uns angesichts der potentiell gigantischen Kosten von Notfallmassnahmen der Zentralbanken und Regierungen, die ein falsches Gefühl der wirtschaftlichen Sicherheit vermitteln und deren volle Auswirkungen wir erst noch spüren werden, fragen, wie gerechtfertigt der Lockdown war. Mit Kosten meinen wir nicht nur solche finanzieller Natur, sondern auch die gesundheitlichen Auswirkungen und Todesfälle durch unbehandelte Krankheiten, die Folgen ausbleibender Ausbildung, die seelischen Traumata und die durch den Unterbruch von Lieferketten gefährdeten Menschenleben.

Eine Analyse der Mortalität in der Schweiz von Januar bis Juni 2020 zeigt überraschenderweise eine nur sehr geringe Übersterblichkeit. Im Januar und Februar lagen die Todesfälle unterhalb des 5-Jahres-Mittels, was auf eine milde Grippesaison zurückzuführen sein könnte. Dasselbe gilt für Mai und Juni. Es scheint so, als hätten sich die planmässigen Sterbefälle im ersten Halbjahr auf die Monate März und April konzentriert, was den Anschein einer Katastrophe erweckt. Natürlich ist es wünschenswert, Covid- und Grippetote zu vermeiden. Kaum jemand aber hat in den vergangenen Jahren so strenge Massnahmen wie einen Lockdown empfohlen, um die Zahl der Grippetoten zu reduzieren.

Während die Schweiz bisher sehr gut durch die Krise gekommen ist, lässt sich das von den grossen europäischen Volkswirtschaften Frankreich, Italien, Spanien und Grossbritannien nicht behaupten. Die grossen Volkswirtschaften dieser Länder konnten nur durch millionenschwere finanzielle Zuwendungen für die Bevölkerung aufgefangen werden. So haben sich riesige Schuldenberge aufgetürmt. Die Praxis aller westlichen Staaten, den «vor­übergehend» Arbeitslosen grosszügige Unterstützungsleistungen zu gewähren, hat dazu geführt, dass in dieser Zeit nach der gesundheitlichen Krise ein Gefühl von Normalität vorherrscht. Am Zürcher Seeufer ist es so voll wie jedes Jahr. Schweizer Touristen haben chinesische und amerikanische abgelöst. Zwar ist die Schweiz besser als andere westeuropäische Staaten, vielleicht sogar europaweit am besten gerüstet, um die derzeitige Rezession zu überstehen. Sie könnte sich aber als Insel in einem Meer von grossen Nationen wiederfinden, die in Bankrotte und Unruhen abzugleiten drohen.

Denn die Liste sozialer Missstände und bürgerrechtlicher Einschränkungen ist lang. Die Gefahr ist gross, dass viele Entwicklungsländer, die ohnehin am Rand des Untergangs standen, nun endgültig im Chaos versinken. Afrika zum Beispiel, chronisch abhängig von Nahrungsmittelimporten aus Europa, könnte Hungersnöte biblischen Ausmasses erleiden, die es – wenn überhaupt – seit Hunderten von Jahren nicht mehr gegeben hat. Die UNO warnt vor einem Massensterben mit hunderttausenden Toten pro Tag. Hier geht es um junge, vitale Menschen, nicht um solche, die in einem westlichen Pflegeheim bereits dem Tod nahe waren. Ist es in moralischer Hinsicht nicht verwerflich, für das Leben einiger Senioren im Westen, deren Ableben bereits absehbar ist, Millionen junger Leben in Afrika zu opfern?

Hier vor unserer Haustür müssen wir uns fragen, ob das Bankensystem sich gegenüber den bereits stark steigenden Schuldenabschreibungen als robust genug erweisen wird. Und wie widerstandsfähig werden sich EU und Euro gegenüber dem drohenden Kollaps grosser Volkswirtschaften wie Spanien und Italien zeigen? Ist Deutschland reich genug, den ganzen Kontinent zu retten?

Heute mag in der Schweiz der Anschein der Normalität herrschen, aber diese Normalität kann trügerisch sein, beruht sie doch auf kostenlosem Geld, das an die vielen Arbeitslosen ausgeschüttet wird, vor allem in den Nachbarländern. Wird der Geldhahn zugedreht, könnte das Chaos ausbrechen. Politiker und Entscheidungsträger täten gut daran, die Schwere ihrer begangenen Fehler einzugestehen.

Keine Überraschung

Beim nächsten Notstand gilt es auf bestehende Pläne zurückzugreifen. Diese Pandemie war keine Überraschung: Das Szenario wurde im WEF jedes Jahr als eines der grössten Risiken eingestuft und stand in den Erwägungen von Wissenschaftern und internationalen Gesundheitsorganisationen ganz oben. Der im Jahr 2018 verabschiedete, detaillierte Pandemieplan der Schweiz gibt klare Richtlinien vor und rät insbesondere von einem Lockdown ab, wie er nun verhängt wurde. Die inkohärenten Reaktionen der verschiedenen Regionen der Schweiz und die durch unausgegorene Modelle sowie sensationslüsterne Medien und soziale Netzwerke verstärkte Angst führten zu suboptimalen Gegenmassnahmen. Wir brauchen keine besseren Pläne, vielmehr müssen Entscheidungs- und Befehlsketten darauf vorbereitet werden, bestehende Pläne richtig umzusetzen. Wir haben das Chaos unzusammenhängender und widersprüchlicher Entscheidungen in westlichen Staaten im Frühling mit eigenen Augen gesehen. Das Haupt­problem war nicht, dass Risiken übersehen oder falsch beurteilt worden wären. Vielmehr wurden die Probleme hervorgerufen durch Political Correctness, rührselige Sentimentalität, schlechte Gesundheit, Abhängigkeitskultur, Diszi­plinlosigkeit, Egoismus, eine Anspruchshaltung, die auf Rechte pocht, ohne die dazugehörigen Pflichten wahrnehmen zu wollen, schwarzmalerische Medien. Das alles führt zu Mängeln bei Regierungsarbeit und Organisationsmanagement.

Viele argumentieren, der Lockdown sei notwendig gewesen, da die meisten Länder nicht über eine ausreichende Infrastruktur verfügten. Wir halten dagegen, dass die Mängel nicht so sehr in der Infrastruktur lagen, sondern in intransparenten, unklaren Anweisungen, wie die bestehenden, höchst angemessenen Pandemiepläne zu befolgen und umzusetzen waren. Schweizer Epidemiologen haben bereits Mitte Februar eindringlich gewarnt, dass eine klare Kommunikationsstrategie und rigoroses Contact-Tracing notwendig seien, um einen landesweiten Lockdown zu vermeiden. Diese und ähnliche Warnungen wurden allerdings in vielen Ländern ignoriert und Menschen wie verantwortungslose Kinder behandelt. Nicht an Infrastruktur, sondern an klarem Management, Verantwortung und Vertrauen mangelte es.

Das können wir besser

Anstatt sich untereinander abzusprechen, setzte jedes Land lieber seinen eigenen Katalog nichtmedizinischer Massnahmen um. Aus unserer Analyse ergibt sich eine grosse Kluft bei der Förderung und Entwicklung individueller Resilienz als Ergänzung zu kollektiven Massnahmen, die sich je nach Traditionen, Kultur, politischer Verfassung sowie Ressourcen in den einzelnen Ländern stark unterschieden. Wir sollten flächendeckende Informationskampagnen entwickeln, wie wir unsere Immunsysteme stärken können. Diese sollten sich nicht auf den laufenden Kampf gegen die Covid-19-Pandemie beschränken, sondern einen systematischen und dauernden Aufklärungsprozess der Öffentlichkeit in Gang setzen, wie jeder von uns sein wichtigstes Kapital, die Gesundheit, schützen kann. Unser Vorschlag lautet, diese Kampa­gnen parallel zur Bekämpfung von Umweltverschmutzung und zum Streben nach Nachhaltigkeit zu entwickeln, die durch unser modernes ökonomisches und gesellschaftliches Entwicklungsmodell gefährdet worden ist. Der künftige Kurs muss ernsthafte Aufklärung zu richtiger Ernährung und körperlicher Betätigung beinhalten und dabei die Eigenverantwortung betonen.

Um die Widerstandskraft des einzelnen zu stärken, muss die Gesellschaft die Verantwortung jedes Individuums stärken und fördern. Genau dies läuft den Trends in westlichen Demokratien und anderen politischen Systemen entgegen, wo Menschen vermehrt vom Staat erwarten, dass er sich um sie kümmert, und ihm die Schuld geben, wenn etwas nicht richtig funktioniert. Die Staaten sollten breitenwirksame Aufklärungs- und Schulungsprogramme ausarbeiten und in diese investieren, um das Bewusstsein der Öffentlichkeit für die oben erwähnten, wissenschaftlich anerkannten Tatsachen zu wecken und die Menschen aus ihrer Haltung der Gleichgültigkeit oder Trägheit herauszuholen. Nur wenn sie individuelle Verantwortung übernehmen müssen, sind Menschen in der Lage, sich wirklich um ihre langfristige Gesundheit und Sicherheit zu kümmern. Nur dann werden sie zu kritischem Denken und Aufgeschlossenheit gegenüber Fakten sowie anderen Ansichten ermuntert und sind in der Lage, diese in einem kon­struktiven Fact-Checking-Verfahren zu hinterfragen. Dies sind grundlegende Faktoren, um langfristige individuelle Resilienz auszubilden, die wiederum zu einer grösseren Resilienz der Gesamtbevölkerung führt. Mit ihrer Kultur der direkten Demokratie, die informierte Entscheidungen und das eigenverantwortliche Handeln der Bürger fördert, hat die Schweiz dies im Vergleich zu anderen Ländern wohl recht gut gehandhabt. Ein Grund zur Selbstzufriedenheit ist das aber nicht. Wir können es noch besser.

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Francis Cheneval, Professor für politische Philosophie,
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