Verhindern statt mildern

Henry Dunant, der Pazifist Eveline Hasler, bekannt für ihre Romane über historische Persönlichkeiten, in denen sie recherchierte Tatsachen mit fiktionalen Elementen erzählerisch verbindet, veröffentlichte 1991 eine Biographie über Henry Dunant, den Gründer des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz. Im folgenden porträtiert sie einen Dunant, der den Krieg nicht nur zivilisieren, sondern verhindern wollte und nicht zuletzt gerade daran scheiterte.

Am 24. Juni 1859 gerät der Handelsreisende Henry Dunant in das Schlachtgeschehen von Solferino, 300’000 Mann mit neuartigen Waffen im Einsatz, ein Taumel des Tötens, die Felder übersät mit Verletzten und Sterbenden. Dunant errichtet ein improvisiertes Lazarett und versucht, ohne Rücksicht auf die Nationalität der Verletzten, Linderung zu bringen. Erst zwei Jahre später ist er fähig, über seine Eindrücke zu schreiben; das Ziel der Publikation ist die Gründung einer internationalen Vereinigung zur Hilfe für die Kriegsverwundeten. Wenn Dunant viel später feststellt, er habe mit dem Roten Kreuz eine Vereinigung gründen wollen, die mithülfe, Kriege zu verhindern und nicht eine Art Ordnungsequipe, die nach den Kriegen das Schlachtfeld säubere, so sucht man in «Souvenir de Solférino» vergeblich pazifistische Töne. Dunant weiss: Seine Adressaten, kriegsbegeisterte Staatenlenker, verfügen über wenig Zeit – gleich zu Beginn des Buches gilt es, ihre Aufmerksamkeit zu gewinnen. Der Autor hat Feldpläne studiert, er lässt Fahnen wehen, Uniformen unter der oberitalienischen Sonne glänzen, die Namen der Generäle und Kriegsintendanten werden zelebriert. Erst später, während er die Schlacht schildert, weicht der Glanz, Dunant reisst dem Krieg die Maske vom Gesicht, die Unmenschlichkeit wird sichtbar.

Es sind Dichter, die zuerst hellhörig werden auf diesen neuen Ton. So schreibt Victor Hugo: «Sie rüsten die Menschlichkeit auf und dienen der Freiheit…». Und die Gebrüder Goncourt: «Hat man dieses Buch gelesen, so verdammt man den Krieg…». Ernest Renan: «Sie haben das grösste Werk des Jahrhunderts geschaffen. Europa wird es vielleicht nur zu nötig haben…».

Auch auf der Werbetour für die 1863 stattfindende Konferenz von Genf hütet sich Dunant vor pazifistischen Tönen. Höflich, zurückhaltend, ja, scheu bringt er bei den Kriegsbegeisterten sein Anliegen vor. Er appelliert an die Menschlichkeit, der sich damals noch Regierende und Kriegsintendanten verpflichtet glauben. So sagt nach der Begegnung in Dresden König Johann von Sachsen: «Ich werde tun, was in meinen Kräften steht, denn sicherlich würde ein Volk, das sich nicht an diesem menschenfreundlichen Werke beteiligte, von der öffentlichen Meinung Europas in die Acht erklärt werden.» Nicht zuletzt verdankt man es Dunants Ausstrahlung, dass sich im Oktober 1863 in Genf Delegierte aus sechzehn Staaten einfinden. Schon ein Jahr später werden die Beschlüsse ratifiziert: Die Institution, die später das Rote Kreuz heisst, ist geboren. Schon bald erlebt die junge Institution ihre erste Herausforderung: 1866, Krieg mitten in Europa, im preussisch-österreichischen Krieg siegt das erstarkte Preussen. Durch den Einsatz des Roten Kreuzes werden in den Lazaretten Menschenleben gerettet. An der Siegesfeier in Berlin empfängt man Dunant wie einen Monarchen, neben den preussischen Fahnen hängt aus den Fenstern auch sein Zeichen, das Rote Kreuz. Dunant verkörpert den Geist der Menschlichkeit, er mildert den rohen Aspekt des Kriegshandwerks, der sich bei Siegesfeiern einstellt. In den marschierenden Reihen gehen unsichtbar die vierzigtausend Toten mit. Beim anschliessenden Empfang wird die Kriegsstrategie gelobt, wir haben unseren Clausewitz gelernt, sagt lächelnd einer der Generäle. Doch die Königin hält fest: Dank Dunant wurde auch der moralische Aspekt nicht vernachlässigt, auch der verwundete Feind wurde gepflegt. Im nächsten Krieg werden sogar die verwundeten Franzosen gepflegt, bemerkt einer der Kriegsintendanten augenzwinkernd. Dunant schweigt betroffen. Ist es das, wovon er bei der Niederschrift von Solferino geträumt hat: Teil einer Kriegsfeier zu werden an einem kriegsbegeisterten Hof? Annektiert nun der Krieg das Hilfswerk samt dem Gründer? Dunant schaudert es. Nach dem Festmahl erklärt die Königin der achtjährigen Prinzessin: «Herr Dunant hat durch sein Werk viele Menschen gerettet, denn nun verbinden freiwillige Helfer auf dem Schlachtfeld die Verwundeten.» Da schaute das Mädchen gross zu ihr auf: «Warum verwundet man sie denn, wenn man sie nachher pflegt?»

Einen weiteren Schritt hin zum Pazifismus macht Henry Dunant vier Jahre später im Deutsch-Französischen Krieg. Zu diesem Zeitpunkt hat er seinen persönlichen Zusammenbruch hinter sich; seine durch humanitäre Einsätze vernachlässigten Geschäfte sind gescheitert, die Schuldenmasse beträgt über eine Million. Viele kapitalkräftige Genfer haben in Dunants Algerienpläne investiert, nun trägt der gescheiterte Geschäftsmann für die frommen Kalvinisten das Kainszeichen auf der Stirn. Der Präsident des Roten Kreuzes streicht Dunant aus den Listen seiner eigenen Institution, die Vaterstadt Genf weist ihn aus. Mittellos in Paris, versucht der erst 39jährige zwischen den Kriegsfronten zu vermitteln. In der französischen Hauptstadt bilden revolutionäre Intellektuelle die sogenannte Kommune. Ein Bürgerkrieg bricht aus, während der Semaine infernale brennen das Rathaus und die Tuilerien. Der Krieg hat die Menschen wie eine Geisteskrankheit befallen. Hunderttausende sind geschlachtet worden, die blutige Auseinandersetzung hat keine Konflikte gelöst, der Friede von Versailles liefert nur Zündstoff für einen nächsten Krieg.

Konsequenter als bei der Niederschrift von «Souvenir de Solférino» beginnt Dunant den Krieg zu hassen. Er nennt ihn den Agenten der Unmoral, die nie versiegende Quelle des Hasses, des Leidens, des Elends und der Barbarei. Um der Menschheit weiterhin solche Erfahrungen zu ersparen, gründet er unter dem Schock die «Allgemeine Allianz für Ordnung und Zivilisation». Dieser Vereinigung gehören angesehene Persönlichkeiten an, zum Beispiel Ferdinand de Lesseps, der Erbauer des Suezkanals, der Bischof von Orléans, der General de Beaufort, der Ökonom und Pazifist Frédéric Passy. Doch Dunants Gedanken über die Sicherung des Friedens gehen noch weiter. Er findet in der sozialen Ungerechtigkeit der Industrienationen die eigentliche Quelle des Unfriedens, doch nach den Schreckenstagen der Kommune sieht er im Marxismus kein Angebot zu einer Lösung. Als einer der raren bürgerlichen Impulse sucht seine Allianz bei den Unternehmern das Gefühl sozialer Verantwortung zu wecken, sie prangert Missstände an, sieht Stellenvermittlungen für Arbeitslose vor. Immer mehr erkennt Dunant, dass es die Vorurteile sind, die friedlichen Lösungen entgegenstehen: «Der Feind, euer wirklicher Feind, ist nicht die andere Nation, sondern der Hunger, das Elend, die Unwissenheit, die stumpfe Routine, der Aberglaube, das Vorurteil… Aber die Wahrheit macht Angst.»

Die Menschen, so erkannte er, haben ihre fest zementierten Vorstellungen, und es ist leichter, eine Armee auf die Beine zu stellen, als ein einziges Vorurteil im Kopf abzubauen. In diese Zeit fällt auch die Idee eines internationalen Schiedsgerichts und die Errichtung einer Universalbibliothek. Diese Bibliothek soll die kulturellen Errungenschaften der Nationen aufführen. Wer eine Nation achtet, kann nicht gegen sie Krieg führen – eine Art Vorausnahme der späteren Unesco.

1872 wird Dunant vom Kongress für Soziale Wissenschaften nach England eingeladen, in Plymouth spricht er im September über ein internationales Schiedsgericht als Mittel zur Kriegsverhinderung. In seiner Rede weist er darauf hin, dass die moralischen Folgen des Krieges noch schwerer wiegen als die materiellen Zerstörungen und Verluste: «Der Krieg tötet nicht nur den Körper, er tötet nur allzuoft auch die Seele. Er erniedrigt, korrumpiert, brandmarkt, entwürdigt… Vor dem Krieg und seinen Forderungen kann es weder Freiheit noch Brüderlichkeit geben, nicht Familie, nicht Freund, Nachbar, ja, nicht einmal ein Gewissen.» Nur mühsam ringt Dunant sich im Vortragssaal von Plymouth seine Worte ab, seine Rede wird wegen eines Schwächeanfalls unterbrochen. Niemand ahnt, dass der in den englischen Zeitungen gelobte Mann aus Genf an Hunger leidet, sein Amt als Sekretär der Peace Society ist ehrenamtlich, Menschenfreunde, nimmt man an, machen alles umsonst. Dunant kann vom Englischen Roten Kreuz weder Aufträge noch Unterstützung erwarten, Moynier, Leiter des Roten Kreuzes in Genf, warnt von Genf aus vor dem Bankrotteur, zudem überwachen die Spitzel der Gläubiger Dunants Unternehmungen, bereit, seine Einkünfte zu pfänden.

Jahre der Unruhe. Erst mit sechzig gönnt sich Dunant den Rückzug in das appenzellische Heiden und bleibt dort am Puls der Zeit. Durch neue Kontakte, vor allem mit friedensbegeisterten Frauen, wird sein Pazifismus in eine neue, noch aktivere Phase treten. Unter dem Stichwort «L’avenir sanglant» sammelt er Zeitungsartikel und macht sich Gedanken über die Kriege der Zukunft, die eine fortschreitende Technik immer unmenschlicher macht und die die Zivilisation der friedlichen Jahre vernichten, Dunant verurteilt vehement Aufrüstung und Militarismus. Die österreichische Friedenskämpferin

Friedenskämpferin Berta von Suttner, eben bekannt geworden durch ihren Bestseller «Die Waffen nieder», sucht Dunant in Heiden auf. Zusammen stellen sie fest, dass die Staaten für Milliarden aufrüsten und dieses Geld der Wirtschaft, der sozialen Fürsorge, der Erziehung, der Kultur und Zivilisation entziehen. Gemeinsam wollen sie Einfluss nehmen auf die Friedenskonferenz im Haag und die Entwicklung der Schiedsgerichte.

Immer mehr sucht Dunant in diesem letzten Lebensabschnitt die sogenannt weiblichen Prinzipien in die Friedensarbeit einzubinden. Frauen, so erkennt er, sind an Frieden und Versöhnung mehr interessiert, weil sie an die nächste Generation denken. Aus dieser Erkenntnis plant Henry Dunant nochmals eine Gründung: eine feministische Allianz, das Grüne Kreuz. Frauen sollen innerhalb des Staates aufgewertet werden, indem sie gleichen Lohn erhalten und soziale Besserstellung: Je stärker sich der weibliche Einfluss in einem Volk bemerkbar macht, um so mehr ent-wickelt sich die Friedensliebe. Das moralische Niveau eines Volkes misst sich am Rang, den die Frau in der Gesellschaft einnimmt. 1893 sagt die Tochter eines Freundes, Sara Bourcart, provisorisch als Sekretärin der feministischen Allianz zu. Wieder befolgt Dunant seine Taktik der kleinen Schritte. Sara Bourcart soll in Zürich in jedem Stadtkreis weibliche Mitglieder finden, eine Zeitschrift über Frauenaktivitäten wird geplant. Als weitere Etappe ist für 1896 ein feministischer Kongress in Zürich vorgesehen, dann soll die weltweite Ausbreitung der Idee folgen. Doch die Ziele der Allianz ecken an, das Postulat der Gleichberechtigung der Geschlechter ist gerade in den bürgerlichen Zürcher Kreisen, in denen die Bourcart rekrutiert, verfrüht. Liest man in dem erst vor kurzer Zeit gefundenen Dossier über die Croix Verte, so erscheint Dunant weniger als Feminist denn als Pazifist: Die Aufwertung und der Individualismus der Frau dient keinem Selbstzweck, die Frau soll mehr Gerechtigkeit und Frieden in eine Gesellschaft bringen, die von Macht und Gewalt beherrscht ist. Für diese Umpolung bedarf es fähiger Frauen; aber Männer, so räumt Dunant ein, könnten sich ebenso einsetzen für diese, den Frauen zugeschriebenen Prinzipien der Gewaltlosigkeit und Versöhnung. Doch für eine solche Neugründung reicht Dunants Energie nicht mehr aus, die Ziele sind verfrüht, die Frauenallianz kann nur in Holland und Belgien kurz Fuss fassen, bevor sie mit anderen humanitären Bestrebungen verschmilzt.

Eveline Hasler, geboren in Glarus, erhielt für ihr literarisches Werk, das in viele Sprachen übersetzt wurde, zahlreiche Preise.

«Der beste Journalismus ist der,
den man liest, obwohl einen das Thema bis dahin gar nicht interessiert hat.
Beim MONAT passiert mir das ständig.»
Niko Stoifberg, Schriftsteller und Redaktor bei «getAbstract», über den «Schweizer Monat»