Vergessen Sie die News!

Für eine gesunde Nachrichtendiät.

Vergessen Sie die News!

Dieser Text ist ein Gegengift gegen News. Er ist lang. Wenn Sie es schaffen, ihn zu Ende zu lesen, können Sie sich glücklich schätzen. Sie gehören noch nicht zu den News-Junkies, die so viel von dem Kurzfutter konsumieren, dass sie ihre Konzentrationsfähigkeit verloren haben. Halten Sie also durch. Entzugstherapien sind immer schwer. Diese ganz besonders. Wir sind so gut informiert und wissen doch so wenig. Warum? Weil wir vor zweihundert Jahren eine toxische Wissensform namens «News» – Nachrichten aus aller Welt – erfunden haben. Es ist Zeit, dass wir deren schädliche Auswirkungen erkennen und die nötigen Schritte unternehmen, um uns vor ihren Gefahren zu schützen.

«News sind für den Geist, was Zucker für den Körper ist.»

In den letzten Jahrzehnten haben wir die Gefahren erkannt, die mit falscher Ernährung einhergehen: Insulinresistenz, Übergewicht, Anfälligkeit für Entzündungen, Müdigkeit. Wir haben unsere Ernährung umgestellt und gelernt, den verführerischen Reizen von Zucker und anderen einfachen Kohlenhydraten zu widerstehen. Heute sind wir in Bezug auf News an dem Punkt, wo wir in Bezug auf Fast Food vor zwanzig Jahren standen. Denn – News sind für den Geist, was Zucker für den Körper ist. News sind appetitlich, leicht verdaulich und gleichzeitig höchst schädlich. Die Medien füttern uns mit kleinen Häppchen trivialer Geschichten, mit Leckerbissen, die unseren Hunger nach Wissennicht wirklich stillen. Anders als bei Büchern und guten Magazinartikeln stellt sich beim Newskonsum keine Sättigung ein. Wir können unbegrenzte Mengen von Nachrichten verschlingen, sie bleiben billige Zuckerbonbons für den Geist. Die Nebenwirkungen kommen – wie beim Rauchen und bei Fast Food – erst später zum Vorschein.

Ich lebe seit zwei Jahren gänzlich ohne News und kann die Wirkungen dieser Freiheit sehen, spüren und aus erster Hand schildern: klareres Denken, wertvollere Einsichten, bessere Entscheidungen und mehr Zeit. Mein guter Freund, der Philosoph und Finanzmathematiker Nassim Nicholas Taleb («Der schwarze Schwan»), hat mich als erster auf die Toxizität von News aufmerksam gemacht. Viele meiner Erkenntnisse verdanke ich ihm.

1. News führen zu einer falschen Risikokarte im Kopf

Unser zentrales Nervensystem reagiert unverhältnismässigstark auf sichtbare, skandalöse, aufsehenerregende, schockierende, personenbezogene, laute, plakative, schnell wechselnde, farbige Reize – und unverhältnismässig schwach auf abstrakte, mehrdeutige, komplexe, auf einander aufbauende und deutungsbedürftige Informationen. News-Produzenten nutzen diese Wahrnehmungsverzerrung systematisch aus.

Die Newsmedien, ob gross oder klein, setzen auf das Sofort-Sichtbare. Packende Geschichten, schreiende Bilder und aufsehenerregende «Fakten» fesseln unsere Aufmerksamkeit. So funktioniert nun einmal das Geschäftsmodell – die Werbung, die den News-Zirkus finanziert, wird nur verkauft, wenn sie gesehen wird. Die Folge: alles Feinsinnige, Komplexe, Abstrakte und Hintergründige muss systematisch ausgeblendet werden, obwohl diese Inhalte für unser Leben und das Verständnis der Welt relevanter wären.

Nehmen wir folgendes Ereignis: ein Wagen fährt über eine Brücke. Die Brücke bricht zusammen. Worauf richten die Medien ihren Fokus? Auf das Auto. Auf die Person im Auto. Woher sie kam. Wohin sie wollte. Wie sie das Unglück erlebte (sofern sie es überlebt hat). Was für eine Art Mensch sie ist (oder vor dem Unfall sie war). Doch all das ist völlig irrelevant. Wirklich relevant ist – die Brücke! Die strukturelle Stabilität der Brücke. Die Frage, ob es noch andere Brücken dieses Konstruktionstyps und -materials gibt und wo diese anderen Brücken stehen. Das ist, was wirklich zählt. Das Auto oder der Fahrer hingegen sind komplett irrelevant. Jedes Auto hätteden Zusammenbruch der Brücke verursachen können. Vielleichthätte auch starker Wind oder ein über die Brücke streunenderHund genügt, um sie zum Einsturz zu bringen. Warum aber berichtendie Medien über das zerknautschte Auto? Weil es wunderbargrässlich aussieht, weil man die Story an einer Person aufhängenkann – und weil sich diese Nachricht billig produzieren lässt.

Als Folge des Newskonsums spazieren wir mit einer falschen…

«Jeden Monat frische Denküberraschungen! Eine gehaltvolle und elegant gestaltete Zeitschrift.»
Francis Cheneval, Professor für politische Philosophie,
über den «Schweizer Monat»