Vergangene Pracht

Die georgische Stadt Tskaltubo war einst einer der populärsten Kurorte der Sowjetunion. Heute sind die 22 ehemaligen Arbeiterpaläste verkommen und werden von abchasischen Flüchtlingen bewohnt.

Vergangene Pracht

 

Tskaltubo, eine Bäderstadt im Westen Geor­giens, war ab den 1930er Jahren eine der populärsten Kurdestinationen der Sowjetunion. Arbeiter und hohe Parteifunktionäre badeten gemeinsam in der Stadt, die in ihrer Blütezeit bis zu 100000 Urlauber pro Jahr beherbergte. Sogar Genosse Stalin, der in seiner Regierungszeit Millionen von Sowjets in die Zwangsarbeit schickte oder direkt hinrichtete, hielt sich hier eine Datscha. Viermal täglich brachte ein Schnellzug erholungssuchende Reisende aus dem 2000 Kilometer entfernten Moskau zu den radonhaltigen Heilquellen, die sogar Lahme geheilt haben sollen.

Glanz und Grandezza Tskaltubos versank mit dem Zusammenbruch der Sowjetunion. Die Sanatorien wurden mangels Gäste aufgegeben, während die einstige Grossmacht innerhalb weniger Monate in fünfzehn souveräne Staaten zerfiel. Georgien war eine der ersten dieser neuen Republiken und erlangte im April 1991, acht Monate vor dem offiziellen Ende der UdSSR, die Unabhängigkeit.

1992 brachen in der abtrünnigen Region Abchasien blutige Kämpfe aus. Die Sanatorien von Tskaltubo wurden zum willkommenen Hafen für rund 200000 aus ihrer Heimat vertriebene, ethnische Georgier. Was als Übergangslösung gedacht war, wurde für einige zur dauerhaften Bleibe. Auch wenn dort, wo sich einst erschöpfte Proletarier und hohe Parteifunktionäre erholten, heute Regen durchs Dach tropft.

Bei unserem Besuch in Tskaltubo im April 2019 trafen wir Menschen, die in der Vergänglichkeit der einstigen Prachtbauten eine neue Heimat gefunden haben.

 

Hinter wild wucherndem Grün und alten Baumbeständen lugen sie hervor – die imposanten Fassaden der neoklassizistischen Prachtbauten. Insgesamt zweiundzwanzig morsche Paläste säumen die Hügel rund um den zentralen Stadtpark. Die Sanatorien von Tskaltubo wirken als Gegenentwurf zu der oft brutal anmutenden sowjetischen Architektur geradezu grazil: Ihre hellen Marmortreppen, imposanten Granitsäulen, luftigen Säulengänge und kunstvollen Mosaike könnten italienische Palazzi schmücken. Noch heute schimmert die ehemalige Schönheit unter der Patina hervor, die sich während der letzten fünfundzwanzig Jahre darübergelegt hat.

Während der Hochblüte des Sozialismus erholten sich Millionen von Sowjetbürgerinnen und -bürgern auf Staatskosten in den Sanatorien der sowjetisch sozialistischen Republiken der UdSSR. Die Freizeit ihrer Bürger beschäftigte die sowjetischen Politiker. Bereits das Arbeitsgesetz von 1922 verankerte zwei Wochen Ferien pro Jahr. 1936 nahm Stalin das «Recht auf Erholung» sogar in die Verfassung auf. Die staatlich verordneten Bäderkuren waren ein bewusstes Gegenprogramm zum westlichen Tourismus, der in den Augen der Sowjets ausschliesslich dem Konsum und der Unterhaltung diente. Jedes Detail des Lebens im Sanatorium wurde durchorganisiert, mit dem Ziel, den «Homo sovjeticus» zu perfektionieren.

Der sowjetische Urlauber begann seine Ferien mit dem Besuch beim Arzt. Dieser stellte ihm ein massgeschneidertes Kurprogramm zusammen. Auch die 21tägigen Bäderkuren in Tskaltubo sollten letztlich der Produktivitätssteigerung dienen – erholte Arbeiterinnen und Arbeiter leisten mehr. Einige Kurhotels verraten sogar den Beruf ihrer einstigen Gäste: Das Sanatorium «Schachtjör» war den Bergarbeitern vorbehalten. Das «Metallurgi» war für die Arbeiter aus dem Metallgewerbe reserviert. Darin widerspiegelt sich der Grundgedanke, dass Industriearbeiter und Werktätige mit medizinischen Problemen vorrangig Anrecht auf die «Putevki» haben sollten. Sie erhielten dazu Reisegutscheine, die den Urlaub im Sanatorium überhaupt erst möglich machten. In Tat und Wahrheit gingen die besten Plätze jedoch oft an Funktionäre mit guten Beziehungen und wichtigen Posten. So waren auch Genosse Stalin und seine engsten Vertrauten immer wieder Gäste in Tskaltubo.

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