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Verdrängtes aus dem Stausee

Dominik Bernet: «Marmorera». Muri: Cosmos, 2006.

Vor Jahrzehnten habe ich einmal ein Lager beim Marmorera- Stausee verbracht, und seither kann ich nicht über den Julier fahren, ohne an diese Woche zu denken und an die Faszination, die diese gestaute Wucht anhaltend ausübt. Am 17. Oktober 1948 verkauften die Einwohner Marmoreras der Stadt Zürich ihr Dorf. Es wurde überfl utet, ging unter, doch es verschwand nicht ganz. Immer noch, so heisst es, sei bei tiefem Wasserstand die mahnende Spitze des alten Kirchturms zu sehen. Der Stausee, der dazu dient, die Stadt Zürich mit Strom zu versorgen, ist eine grossartige psychoanalytische Metapher. Auf dem Grund dieses Kunstsees geht das Leben und Treiben weiter. Das Verdrängte stirbt ja nicht besonders nachhaltig und hält sich nicht zuverlässig im Spielfeld des Toten. So hat dieses technische Menschenund Meisterwerk die Rechnung ohne die seelische Natur und ihre Nixen gemacht. Über das versinkende Dorf ergoss sich hektoliterweise ein kollektiver Fluch, die Last der ewigen Wiederkehr verjährter Schuld. Dass die Einwohner ihre Geschichte verscherbelt haben, zahlen sie länger als ein Leben.

Dominik Bernet hat diesen Zaubersee zum Titel und Schauplatz eines Romans gewählt. Mehrere Menschen, man zählt wohl ein halbes Dutzend Leichen, treten in ihm auf bizarr-komische Weise ab. Deshalb gilt das Buch als Kriminalroman. Aber es wird nicht nur gestorben, es kommt auch zu Wassergeburten. Dabei ist nichts lästiger als geheimnisvolle Tote, die ungefragt aus dem Dunkel des vermeintlich Vergangenen auftauchen. Hauptfi gur ist ein Zürcher Psychiater mit Bündner Namen, eine off enbar gespaltene Figur. In Marmorera fi ndet er eine Tote, die misslicherweise zu leben beginnt und seine Patientin wird. Sie spricht nicht und geistert als Unbekannte, als eine weibliche Kaspar-Hauser-Figur, durch die Geschichte. Der Psychiater hat besonderen Grund, langsam den Verstand zu verlieren. Die Erzählung, die mit langen Dialogen arbeitet, unterhält mit literarischen Anspielungen, der Verulkung medizinischer und psychiatrischer Sitten und schwarzhumoriger Situationskomik. Gesetzt, es gebe eine Grenze zwischen Realistik und Phantastik, so wird sie da und dort überspielt. Dass sich das Buch auch als Mystery-Th riller lesen lässt, hat seine Film-Adaption gezeigt.

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