Vatermord

Die an Universitäten gelehrte Ökonomie sei «absurd», «zerstörerisch», eine «Religion», die auf dem falschen Menschenbild des «Homo oeconomicus» beruhe, und die meisten Ökonomen seien «neoliberale Ideologen» – so steht das in manch wortgewaltigem Leitartikel, so denken entsprechend viele Zeitgenossen. Aber: das war nicht immer so. Der jüngere Siegeszug derart pauschaler wie populärer Verachtung der Ökonomie […]

Die an Universitäten gelehrte Ökonomie sei «absurd», «zerstörerisch», eine «Religion», die auf dem falschen Menschenbild des «Homo oeconomicus» beruhe, und die meisten Ökonomen seien «neoliberale Ideologen» – so steht das in manch wortgewaltigem Leitartikel, so denken entsprechend viele Zeitgenossen. Aber: das war nicht immer so.

Der jüngere Siegeszug derart pauschaler wie populärer Verachtung der Ökonomie lässt sich bis 1973 zurückverfolgen. Damals erschien in England das Buch «Small is beautiful», eine essayistische Kritik der Ökonomie und der Ökonomen. Ihr Autor, Ernst Friedrich Schumacher, dessen Vater Hermann Schumacher Professor für Nationalökonomie in Deutschland gewesen war, beging damit den klassisch-literarischen «Vatermord» der 68er Generation. Bereits vor dem Zweiten Weltkrieg nach England geflüchtet, fiel der junge E.F. Schumacher John Maynard Keynes auf, der ihn förderte. Doch statt – wie Vater und Mentor – Professor der Ökonomie zu werden, fiel E.F. Schumacher sozusagen dem Teufel vom Karren: Inspiriert durch seine Reisen nach Asien, knüpfte er in «Small is beautiful» an das buddhistische Weltbild an. Technologiekritik, das Glorifizieren des kulturellen Werts herkömmlicher Produktionsmethoden und die Rückkehr zum «menschlichen Mass» hatten zwar schon manche Kulturpessimisten vor Schumacher gepredigt. Doch nur er verstand es, diese Botschaft in die kulturkritische Sprache der 1970er zu verpacken. Sein Erfolg war enorm.

Wenn von jüngeren Klassikern der Ökonomie die Rede ist, wird «Small is beautiful» zwar weithin ausgeblendet, gleichwohl hat es die Reputation der Wirtschaftswissenschaften nachhaltig geprägt respektive zerstört. Seine Methode wird von Journalisten und Politikern nur zu gern nachgeahmt. Sollten Sie also in den Medien künftig über eingangs erwähnte Schlagworte stolpern, denken Sie daran, dass Sie es hier mit fast 50 Jahre alten Ressentiments zu tun haben: die Eingangszitate stammen alle aus «Small is beautiful».


Andrea Franc
ist Wirtschaftshistorikerin und forscht zu Nord-Süd-Handel sowie ökonomischer Theoriegeschichte. Sie lebt in Basel.