Utopisch für Anfänger

Ein Hobbylinguist verliert die Kontrolle über die von ihm erfundene Sprache.

Sprachen neigen ein wenig zum Chaos. Sie entwickeln sich über Jahrhunderte in einem ungeplanten, demokratischen Prozess und strotzen deshalb nur so vor Unregelmässigkeiten und Spitzfindigkeiten. Müsste eine solche Kommunikationsform «designt» werden, käme niemand dabei auf so etwas wie Englisch, Mandarin oder auf irgendeine andere der mehr als sechstausend heute gesprochenen Sprachen.

«Natürliche Sprachen sind adäquat – das heisst aber nicht, dass sie optimal sind», erläuterte mir John Quijada, ein 53 Jahre alter Ex-Angestellter der staatlichen kalifornischen Motorfahrzeugbehörde. 2004 veröffentlichte er eine Monografie namens «Ithkuil: Ein philosophischer Entwurf einer hypothetischen Sprache». Die vierzehnseitige Website, wie ein linguistisches Lehrbuch geschrieben, brachte es auf etwa 160 000 Wörter. Sie dokumentierte Grammatik, Syntax und Wortschatz einer Sprache, an der Quijada drei Jahrzehnte lang in seiner Freizeit getüftelt hatte: Ithkuil.

Quijadas Erleuchtung war «Leben in Metaphern», das bahnbrechende, 1980 erstmals publizierte Buch der Linguisten George Lakoff und Mark Johnson. Die beiden zeigten, dass unser Denken von Konzepten strukturiert wird, die grossenteils metaphorischer Natur sind, zu sehen bei Ausdrücken wie «Das Leben ist eine Reise» oder «Zeit ist Geld». Quijada wollte, dass Ithkuil zu etwas fähig ist, was natürliche Sprachen laut Lakoff und Johnson nicht können: Ithkuil sollte die Sprecher zwingen, ganz exakt zu identifizieren, was sie sagen wollen. Kein Herumdrucksen, kein Herumstottern, kein Kaschieren von Bedeutung hinter Jargon und Metaphern.

 

Die perfekte Sprache?

In seinem Vorwort schrieb Quijada, sein Ziel sei es, «etwas zu erschaffen, das Menschen, auf sich alleine gestellt, nie einfach so erfinden würden, sondern nur durch einen bewussten intellektuellen Effort: eine idealisierte Sprache, deren Ziel der höchstmögliche Grad an Logik, Effizienz, Detailtiefe und Erkenntnisgenauigkeit ist; eine Sprache, die Unklarheit, Vagheit, Unlogisches, Überfluss und Polysemie (verschiedene Bedeutungen) sowie die generelle Willkür, die in den natürlichen Sprachen so allgegenwärtig zu sein scheint, minimiert».

Ithkuil vereint also zwei auf den ersten Blick inkompatible Ziele: maximal präzis und maximal konzis zu sein, fähig, jeden menschenmöglichen Gedanken einzufangen, dazu aber nur so wenige Laute wie möglich zu brauchen. Gedanken, die in anderen Sprachen nur in ungelenke Umschreibungen gefasst werden könnten, bricht Ithkuil auf ein einziges Wort herunter. Ein Satz wie: «Im Gegenteil, ich denke, es mag sich herausstellen, dass diese zerklüftete Bergkette sich irgendwo verliert» verwandelt sich etwa in: «Tram-mļöi hhâsmařpţuktôx».

Kurz nachdem Quijada sein Manuskript im Internet veröffentlicht hatte, erkannte eine Gruppe von Sprachliebhabern, was der Freizeitlinguist erreicht hatte. Eine Website verkündete, dass Ithkuil «ein Denkmal des menschlichen Erfindergeists und Designs» sei. Und tatsächlich: Ithkuil könnte die bislang ausgereifteste Umsetzung eines quijotischen Traums sein, der die Philosophen jahrhundertelang verzückte: die Erschaffung einer makelloseren Sprache. Wie aber funktioniert sie?

Die endgültige Version von Ithkuil, die Quijada 2011 publizierte, kennt 22 grammatikalische Verbkategorien (im Gegensatz zu den sechs des Englischen – Zeit, Aspekt, Person, Anzahl, Stimmung und Aktiv-/Passivbildung). Daneben verfeinern 1800 Suffixe die Aussageabsichten des Sprechers. In einem Konjugationsprozess, der noch den kompetentesten Lateingrammatiker verwirrt, zwingt Ithkuil den Sprecher, die auszudrückende Idee ganz exakt anzupeilen, um so jede mögliche Vagheit zu verhindern.

In der ursprünglichen Ithkuil-Version bedeutet der Begriff «Ithkuil» denn auch «hypothetische Darstellung einer Sprache», was der Tatsache Rechnung trägt, dass die Sprache nie dazu gedacht war, gesprochen zu werden. Ithkuil ist ein Versuch aufzuzeigen, was Sprache sein könnte, nicht was sie sein sollte. Quijada beschreibt das so: «Hinter Ithkuil steht die Idee, Ebenen der menschlichen Wahrnehmung auszudrücken, die tiefer liegen als jene, die normalerweise in der menschlichen Sprache ausgedrückt werden.» Der Ausdruck «typisch für einen einzelnen Komponenten in der synergetischen Amalgamierung verschiedener Dinge» lässt sich beispielsweise in einem einzigen Adjektiv ausdrücken: «oicaštik’».

Dass die Hervorbringung dieses Wortes extreme Mandelgymnastik voraussetzt, liegt daran, dass weder Töne noch Silben in Ithkuil verschwendet werden. Jede Sprache hat ihre eigene Klangbibliothek, aus der die Sprecher ihre Worte aneinanderreihen können. Sie ist in der Ursprungsversion von Ithkuil nur ein wenig grösser als gewöhnlich, beinhaltet die Ithkuil-Klangbibliothek doch ein Repertoire von Grunzern sowie keuchenden und hustenden Lauten, die den abgelegensten Sprachen der Welt entlehnt sind. Ein ganz besonders schwieriger, klickartiger Klang, ein stimmloser, ausgestossener Zäpfchenreiblaut, wurde zuvor etwa nur in der kaukasischen Sprache Ubychisch verwendet. Deren letzter Sprecher starb 1992.

 

Siegeszug einer Utopie: Teil I

Eine Erwähnung in «Computerra», einem russischen Magazin für Populärwissenschaft, war 2004 das erste Pressestück über Ithkuil. Unter dem Titel «Die Geschwindigkeit des Denkens» stellte der Artikel bemerkenswerte Ähnlichkeiten zwischen Ithkuil und einer imaginären, vom Science-Fiction-Autor Robert Heinlein für seine Novelle «Der Nova-Effekt» (1955) erdichteten Sprache fest. Heinlein beschreibt in seiner Geschichte eine Geheimgesellschaft von Genies, die sich «New Men» nennen und die dafür trainieren, schneller und präziser zu denken, indem sie eine Sprache namens Speedtalk verwenden, in der man ganze Sätze in einzelnen Worten bündeln kann. Bald nach Veröffentlichung des Artikels bekam Quijada unzählige E-Mails, die von Adressen stammten, die auf .ru endeten – und in denen Quijada mit Fragen überhäuft wurde, E-Mails, in denen man ihn bat, Änderungen an der Sprache vorzunehmen, damit die Worte einfacher auszusprechen seien. Alexej Samons, ein russischer Softwareingenieur, nahm die monumentale Herausforderung an, die Ithkuil-Website ins Russische zu übersetzen – worauf im Nu drei russische Webforen aus dem Boden schossen, in denen über Vorzüge und mögliche Verwendungen von Ithkuil debattiert wurde. Quijada wunderte sich zunächst über dieses Interesse. «Ich war zu einem Drittel demütig, zu einem Drittel geschmeichelt und zu einem Drittel fasziniert», erzählte er mir. «Davon abgesehen wollte ich aber vor allem wissen: Wer sind diese Leute?»

2010 erhielt Quijada eine E-Mail von einem ukrainischen Akademiker namens Oleg Bakhtiyarow, der sich in gebrochenem Englisch als Direktor einer neugegründeten Bildungsinstitution namens «Universität für effiziente Entwicklung» und als führender Advokat einer philosophischen Bewegung namens «Psychonetik» vorstellte. Als Quijada «Bakhtiyarow» und «Psychonetik» googelte, fand er «jede Menge undurchdringlichen Jargon», der von Bemühungen schwafelte, «den menschlichen Geist mittels einer Mischung von westlichen und östlichen Ideen zu entwickeln», aber nichts, was ihn im Hinblick auf die Motive dieser Gruppe hellhörig gemacht hätte. Ja, man lud Quijada sogar ein, an einer unter dem Titel «Kreative Technologien: Perspektiven und Mittel der Entwicklung» firmierenden Veranstaltung teilzunehmen, die in Elista stattfinden sollte, der Hauptstadt der Republik Kalmückien, einem kleinen halbautonomen Staat in der Russischen Föderation, gelegen irgendwo am ausgedörrten westlichen Ufer des Kaspischen Meers.

Falls überhaupt ist Kalmückien für zwei Dinge bekannt: Erstens ist es der einzige mehrheitlich buddhistische Staat westlich des Urals und zweitens hat es mit Kirsan Iljumschinow einen exzentrischen Ex-Präsidenten, einen Oligarchen, der Politiker wurde und der Millionen Dollar aus seiner eigenen Schatulle investierte, um eine staubige, vergessene Ecke der russischen Steppe in die Schachhauptstadt der Welt zu verwandeln.

Nach der Landung in Elista wurde Quijada eilig in die «Chess City» verfrachtet, eine Ansammlung von Mittelklassestadthäusern im kalifornischen Stil in den Aussenbezirken der Stadt, wo 1998 die Schachweltmeisterschaften stattgefunden hatten. Dort traf er eine junge Studentin, die ihn darüber informierte, dass Studierende der «Universität für effiziente Entwicklung» in Kiew in den vergangenen zwei Jahren intensiv Ithkuil studiert hätten und dass sie die Sprache als wichtigen Bestandteil ihres Psychonetik-Trainingsprogramms betrachteten. Quijada hatte nach wie vor keinen Schimmer, was Psychonetik war oder warum die «Universität für effiziente Entwicklung» daran Interesse hatte. Er war einfach nur sprachlos.

An diesem Abend gab es, nach einer Reihe von Interviews mit der kalmückischen Presse, eine Zusammenkunft von Konferenzteilnehmern bei Oleg Bakhtiyarow, jenem Professor, der Quijada nach Kalmückien eingeladen hatte. Die Psychonetiker redeten bis tief in die Nacht über ihre Experimente zur «Dekonzentration von Aufmerksamkeit» und über andere Techniken der spirituellen Selbstentwicklung. Doch je mehr Quijada auf eine Erklärung ihrer Philosophie drängte, desto unfassbarer wurde sie ihm. Am allerwenigsten verstand er, warum diese Leute so versessen auf seine Sprache waren. «Ich war umgeben von allen diesen Leuten, die mir an den Lippen hingen. Es war berauschend – besonders für einen Eigenbrötler wie mich», sagte Quijada. «Für einen Tag schlüpfte ich in die Rolle eines Akademikers. Ich sah, wie es hätte sein können, wenn ich weiterstudiert hätte und professioneller Linguist geworden wäre. Am Abend ging ich zurück in mein Zimmer, duschte, und dann brach ich in Tränen aus.»

 

Siegeszug einer Utopie: Teil II

Im Mai 2011 begleitete ich Quijada bei seiner Rückkehr in die Ex-Sowjetunion, dieses Mal, um an einer zweitägigen Konferenz namens «Sing Engineering: Ithkuil & Psychonetica» teilzunehmen, diesmal in Kiew, die wiederum von, genau, der «Universität für effiziente Entwicklung» organisiert worden war. Der verwirrliche Titel der Konferenz war eine schlechte Übersetzung des russischen Ausdrucks «znakotehnologiya», was allerdings nur unwesentlich mehr Sinn macht, wenn man es mit «Sign Engineering» (in etwa: «Zeichenentwicklung») übersetzt.

Am Flughafen wurden wir von Alla Vishneva, einer attraktiven Brünetten, abgeholt. Vishneva, früher Ukrainischprofessorin an der «Geisteswissenschaftlichen Staatsuniversität Riwne» und heute Psychonetik-Studentin, war, so stellte sich rasch heraus, die Gründerin der Ithkuil-Studiengruppe in Kiew. «Unsrer Ansicht nach arbeitet das Hirn schneller, wenn man Ithkuil lernt», sagte Vishneva zu Quijada. Sie sagte es auf Russisch, weshalb sie einen Dolmetscher brauchte, da weder sie noch Quijada die gemeinsame Sprache fliessend beherrschten. «In Ithkuil muss man immer sehr viel über sich selbst nachdenken. Nutzt man Ithkuil, kann man Dinge sehen, die existieren, für die es aber noch keine Namen gibt, wie bei Mendelejews Periodensystem der Elemente, das uns ja auch Lücken zeigte, von denen wir wussten, dass noch zu entdeckende Elemente sie dereinst füllen würden.»

«Sie versteht meine Sprache!», jubilierte Quijada. Dann sagte er zu Vishneva: «Ich weiss nicht, ob Sie eine Heilige oder eine Verrückte sind.»

Die Konferenz wurde in einem Klassenzimmer aus Sowjetzeiten abgehalten, dessen Wände Kreidetafeln und waldgrünes Kunstleder zierten. Die meisten Anwesenden waren entweder Studenten oder gehörten zum Lehrkörper der «Universität für effiziente Entwicklung». Allerdings fiel Quijada rasch auf, dass keiner aussah wie die ihm sonst bekannten Sprachfreaks. Ihre Körper waren durchtrainiert, viele hatten kahlgeschorene Köpfe.

Bakhtiyarow, soeben von einer Konferenz in Ägypten zurück, lieferte den Eröffnungsvortrag. Drahtig, mit kurzem grauem Haar und schwarzem Schnauz, strahlte er eine absichtsvolle Ruhe aus, die zeitweise fast zaghaft rüberkam. Später erklärte er mir, dass er seine Karriere als Medizinstudent im Medizinischen Institut Kiew begonnen habe, jedoch wegen der Verteilung «provokativer Literatur» ausgeschlossen worden sei. Ende der 1960er Jahre heftete ihm der KGB das Etikett «politisch unzuverlässig» an und schickte ihn für zwei Jahre ins Gefängnis. Nachdem er freigekommen war, verlegte er seine Studien auf Biologie und wurde schliesslich Psychologe. In den 1980ern arbeitete Bakhtiyarow für das Sowjetregime an einem Projekt, bei dem Stress-Management-Techniken für Kosmonauten, Soldaten und andere Menschen in psychologischen Extremzuständen entwickelt wurden. Diese Techniken sind heute Grundlage der Psychonetik, einer quasimythischen, quasiphilosophischen Selbsthilfebewegung, die «Technologien des menschlichen Bewusstseins» entwickeln will.

Nachdem ich ihn oft genug nach einer Demonstration dieser Technologien gefragt hatte, startete Bakhtiyarow auf seinem Laptop ein Programm: Ein halbes Dutzend farbige Kreise hüpften langsam auf dem Bildschirm herum wie Billardkugeln und schossen in neue Richtungen auseinander, sobald sie aufeinandergetroffen waren. Bakhtiyarow instruierte uns, den Bildschirm als eine einzige vereinheitlichte Gestalt zu betrachten, statt uns auf einen einzelnen Kreis zu konzentrieren. «Ihre Aufmerksamkeit erschafft Subjekte und Objekte, während es den Strom von Daten filtert», sagte er. «Mit Dekonzentration haben wir keine Objekte, sondern nur ein Gefühl von allem – in einem einzelnen, ganzheitlichen Ganzen.» Nach einer Weile wurden alle Kugeln schwarz, und man erwartete von uns, dass wir laufend deren ursprüngliche Farbe im Auge behielten, während sie weiter über den Bildschirm hüpften. Das war natürlich unmöglich. Dennoch greifen Psychonetiker – jedenfalls wenn es nach Bakhtiyarow geht! – durch genau solche Übungen auf die tieferen Ebenen ihrer Intuition über die Welt zu.

«Ein Psychonetiker darf nichts unbewusst lassen. Alles muss bewusst sein», erklärte Bakhtiyarow. «Dasselbe Ziel verfolgt Ithkuil! Menschliche Wesen haben eine Art linguistisches Dasein, aber wir sind längst in einer Übergangsphase zu einem anderen. Wir können die Sprache besiegen und überwinden.» Er begriff Ithkuil als Werkzeug, das behilflich ist, alle unbewussten Gedanken und Gefühle unter bewusste Kontrolle zu bringen.

Neben der «Universität für effiziente Entwicklung» in Kiew existieren psychonetische Laboratorien in Charkow, Odessa, Minsk, Elista, St. Petersburg, Almaty, Krasnojarsk und Moskau. Institutionen, an denen Praktiker versuchen, Zugang zu den «tiefen Ebenen des Bewusstseins» zu finden, um so «effizienter im Geschäftsleben zu werden und Willenskraft, kreative Fähigkeiten, Problemlösungsgeschick und Führungsstärke zu fördern». An der Konferenz verkündete Bakhtiyarow, dass ab dem folgenden Semester Ithkuil obligatorischer Bestandteil des Lehrplans des Kiew-Instituts und der angeschlossenen Schulen werde.

Gennadi Overchenko, ein Absolvent der «Universität für effiziente Entwicklung», erklärte, dass er Psychonetik nutze, um Fähigkeiten in einer Vielzahl von Disziplinen zu erreichen, in denen er bisher keine Expertise hatte – von Schach übers Kochen bis zu Gouachemalerei. Später erzählte er mir, dass er, nach einer halben Stunde Meditation, in der Lage sei, Beethovens «Mondscheinsonate» ab Blatt zu spielen – obschon er bisher kaum je Klavier gespielt habe. «In den vergangenen zwei Jahren fiel ich nie um – nicht einmal auf Eis – und habe nichts fallengelassen oder zerbrochen», fuhr er fort.

Eine andere Konferenzteilnehmerin, Marina Balioura, beschrieb, dass sie dank psychonetischer Techniken zeitgleich mit jeder Hand einen anderen Satz schreiben könne. Ein junger Anwalt namens Ilja Petichenko legte noch eines drauf und sprach von einer Übung, die Ithkuil nutze, um «in das Feld der reinen Begriffsinhalte zu gelangen». Seine Frau Victoria erklärte schliesslich, wie Psychonetik ihr helfe, «vor Kreativität über den Boden zu hopsen».

Ich blickte flüchtig zu Quijada, der erstaunt war, wie gut die Leute die Grundsätze seiner Sprache erfassten – und doch immer nervöser wurde ob deren Unheimlichkeit. Die Gruppe hatte sich versammelt, um über linguistische Transparenz zu diskutieren, trotzdem wurde ihr Interesse an Quijadas Sprache immer obskurer, je besser sie es zu erklären versuchten.

 

Absturz

Ein düsterer Typ mit kurzgeschorenem Haar nahm die Tagung derweil mit seinem Camcorder auf. Er krümmte sich sitzend in seinem Sessel und zeigte nur phasenweise Interesse, bis er schliesslich nach vorne trat und sich ans Plenum wandte. Er stellte sich als Igor Garkawenko vor. Statt den Camcorder während seinem Vortrag wegzulegen, behielt er ihn in der Hand und richtete ihn ziemlich genau auf mich und meinen Übersetzer.

Letzterer flüsterte mir seine Übersetzungen ins Ohr; Garkawenko sprach so schnell und monoton, dass es schwerfiel, mitzukommen. Er erwähnte, dass er neulich einen Abstecher ins Gefängnis gemacht habe, und beschrieb, wie er tagtäglich Bakhtiyarows Buch «Aktives Bewusstsein» in der Zelle gelesen habe.

Irgendwann gegen Ende dieses Vortrags verstummte mein Übersetzer. Alle Farbe war aus seinem Gesicht gewichen, als er flüsterte: «Hast du eine Ahnung, wer der Kerl ist? Der wohl zweitmeistgesuchte Terrorist der Ukraine.» Schon eine kurze Googelei förderte eine Reportage samt Foto unseres Referenten zutage. Es stellte sich heraus, dass Garkawenko der Gründer einer militant-russischen, rechtsextremistischen Nationalistenorganisation namens «Revolutionäre Volksarmee der Ukraine» ist. 1997 wurde er für neun Jahre weggesperrt, weil er Büros verschiedener ukrainischer Parteien, kultureller Organisationen und das Israelische Cultuszentrum in Charkow mit Brandbomben angegriffen hatte.

Ich wandte mich an meinen Übersetzer. «Was um alles in der Welt macht dieser Typ an einer Linguistikkonferenz?»

Ich lehnte mich zu Quijada vor und erzählte ihm, was ich da gerade gelesen hatte. Wir schauten uns um, besahen uns die Ansammlung junger Männer und Frauen, die im Publikum sassen, und es dämmerte uns, lieber spät als gar nie, eine Frage: Was hatte überhaupt irgendeiner dieser Leute hier verloren?

Nach dem Vortrag tranken Quijada und ich Kaffee und liessen die Ereignisse Revue passieren, um herauszufinden, in was wir hineingeraten waren. Wir suchten im Internet nach Bakhtiyarow und Garkawenko, und mit Google Translate übersetzten wir russische Texte, inklusive einer Reihe antisemitischer Blogposts aus der Feder Garkawenkos. «Eine beträchtliche Anzahl Menschen kennt die Rolle des Staates Israel und der dazugehörigen Eliten in den desaströsen Prozessen, in denen die Völker der ehemaligen Sowjetunion momentan leben», stand in einem seiner Essays. Ich las das Quijada vor, der zunehmend beunruhigt an den Trägern seines Reisegepäcks herumfummelte.

Wir entdeckten, dass Bakhtiyarow zusätzlich zu seiner Arbeit für Psychonetik nebenberuflich politisiert: 1994 trat er der Führungsriege der «Partei der slawischen Einheit» bei, einer kurzlebigen ultranationalistischen Bewegung, deren Ziel die Wiedervereinigung von Russland, der Ukraine und Weissrussland in einer Slawischen Konföderation war, die auch nicht vor Polen, Tschechen, Serben, Slowaken und Bulgaren haltmachen sollte. In Interviews schwadroniert Bakhtiyarow von der Entwicklung «intellektueller Spezialeinheiten», die die «Re-Etablierung einer grossen Macht» in Grossrussland herbeiführen sollen und die zur Geburt einer «neuen Rasse […], die wirklich übermenschlich genannt werden kann» führen würden.

Eine intellektuelle Elite, die dazu fähig ist, durch Lügengewebe zu den darunter liegenden Essenzen der Dinge zu sehen, benötigt eine Sprache, die diese neue Art des Denkens auszudrücken in der Lage ist. Genau wie Heinleins fiktionale Genie-Geheimgesellschaft, die auf Speedtalk setzt, um schneller und klarer zu denken, glauben Bakhtiyarow und die Psychonetiker, dass ein Ithkuil-Training das Potential hat, das menschliche Bewusstsein neu zu formen und dazu beizutragen, «Probleme schneller zu lösen». Obschon er in Abrede stellt, dass die Psychonetik ein politisches Projekt sei, fällt es schwer, Bakhtiyarows Traum, einen slawischen Überstaat und den slawischen Übermenschen (der eine disziplinierte, transparente Sprache wie Ithkuil spricht) zu erschaffen, davon zu trennen.

«Wenn ich heimkomme, werde ich einen Brief an Dr. Bakhtiyarow schreiben und ihm sagen, dass ich nichts mehr mit Psychonetik zu tun haben will», vertraute mir der niedergeschlagene Quijada an. «Was – Gott behüte! –, wenn das als Pseudowissenschaft abgetan wird? Oder als eine Art von Kult? Ich möchte nicht mitschuldig werden an so etwas. Herauszufinden, dass ich letzten Endes nur ein Bauernopfer bin für diese irregeleiteten Nietzsche-was-auch-immer-die-eigentlich-sind, das stösst mich einfach ab.»

Nicht nur Quijada und ich haben gegoogelt. Garkawenko bloggte seinen Bericht von der Konferenz auf «Live Journal» und postete das Video, das er von mir gemacht hatte, auf YouTube. Er notierte: «Auf der Konferenz war eine Person … mit einem Übersetzer. Kurz und knapp: dem stand Pentagon ins Gesicht geschrieben. Ganz klar und deutlich: die stereotypische Karikatur der Visage eines Regierungsagenten. … Immer wenn er die Initiative ergriff und Fragen stellte, war es genau das, was ein Regierungsagent ganz unverblümt gefragt hätte.»

Garkawenko war auch nicht entgangen, wann genau meinem Übersetzer und mir klar wurde, wer da vor uns stand. «Er veränderte sich vor meinen Augen. … Es war klar, dass er mir im Internet begegnet war. Hinterher fand ich heraus, wen uns das Schicksal gebracht hatte. Joshua Foer … einen bekannten Journalisten … ein Nachfahre von Juden aus Odessa, die einst in den Westen flohen, als es ungemütlich wurde für sie. Sie konnten sich schon immer auf ihre Intuition verlassen. Wie also können sie dort drüben ein Phänomen wie Oleg Bakhtiyarows Projekt ignorieren?»

 

Finale

Eine neu geschaffene Sprache in die freie Wildbahn zu entlassen, wo sie sich entwickelt und in fremden Mäulern korrumpiert werden kann, war noch nie einfach für ihre Schöpfer. Stets begleitete ihre Freisetzung dieselbe nagende Enttäuschung, die wohl auch der biblische Gott erfahren haben musste, als er seine perfekten Schöpfungen in die Welt entliess – und entdeckte, dass sie alles andere als perfekt waren. Charles Bliss, Buchenwald-Überlebender und Erfinder der piktographischen Sprache «Blissymbolics», wurde aus der Bahn geworfen, als er erfuhr, dass Lehrer seine Sprache für Schüler mit Kinderlähmung anpassten. Volapük, im 19. Jahrhundert von Johann Martin Schleyer erfunden, wurde einst in 880 über die ganze Welt verteilten Klubs gesprochen und hatte mehr Sprecher als Esperanto – allerdings nur, bis Schleyer sich irgendwann weigerte, anderen Leuten zu erlauben, neue Worte zu prägen.

Gegen Ende der Kiewer Konferenz sagte eine Professorin der «Universität für effiziente Entwicklung» zu Quijada, dass sie nicht verstehe, warum er keine Bewegung von Ithkuil-Sprechern und -Studenten mit aufbauen wolle. «Ihre Sprache gewinnt ein Eigenleben», sagte sie, «Sie sollten Teil davon sein!»

«Das ist nicht meine Passion», antwortete Quijada freundlich. «Es war eine Art 25jähriger Juckreiz, den ich wegkratzen musste. Und ich kratzte ihn weg. Wenn andere meine Arbeit aufnehmen und weiterbringen wollen, wunderbar – aber ich habe erreicht, was ich erreichen wollte. Sie zeigten mir, dass Sie meine Arbeit weitaus besser verstehen, als ich es je erwartet hätte. Sie verstehen das Potential der Sprache möglicherweise sogar besser als ich.»

Ein paar Monate nach der Rückkehr aus Kiew hatte Quijada Gelegenheit, sein Idol George Lakoff zu treffen. Quijada stand unter Adrenalin: «Das ist ein weiterer Schritt meines Abenteuers», sagte er.

«Warum ich?», fragte Lakoff.

«Weil Sie mein Held sind», entgegnete Quijada.

Lakoff hatte sich mit dem Ithkuil-Manuskript vertraut gemacht.

«Ich habe eine Menge Fragen», sagte er. «Zunächst einmal: Metaphern tauchen nicht einfach so in den Sprachen auf. Metaphern sind nicht in den Worten. Sie sind in den Gedanken. Das lässt sich nicht einfach so mit Grammatik wegwischen. Ihre Sprache geht von einer Effizienz aus, die angesichts der Funktionsweise des Gehirns eben doch nicht effizient ist. Weil das Metaphorische fehlt. Aber das, was daran funktioniert, ist alles andere als banal. Es mag eine unmögliche Sprache sein. Aber als Konzeptkunst fasziniert sie.»

Mehr als einmal schon hatte Quijada sich mit einem Künstler verglichen und vom Schöpfungsimpuls gesprochen – aber dies war das erste Mal, dass ich ihn oder jemand anderen von Ithkuil als Kunstwerk reden hörte.

Wieder zu Hause, nahm Quijada letzte Optimierungen der Ithkuil-Grammatik vor und erklärte sein 34 Jahre währendes Unterfangen für vollendet. Er publizierte eine definitive, 439 Seiten starke Beschreibung seiner Sprache im Eigenverlag. Obschon er das Opus Alla Vishneva, der attraktiven Brünetten aus Kiew, widmete, lehnte er weitere Konferenzeinladungen ab.

Nachdem die Enttäuschung von Kiew ganz abgeklungen war, fragte ich Quijada, ob er mir einen kurzen Satz in Ithkuil senden könne, der die Reise, die er und seine Sprache hinter sich gebracht hatten, zusammenfasse. Er schickte mir den folgenden Satz: «Eipkalindhöll te uvölîlpa ípçatörza üxt rî’ekçuöbös abzeikhouxhtoù eqarpaň dhai’eickòbüm öt eužmackûnáň xhai’ékc’oxtîmmalt te qhoec îtyatuithaň.» – «Ich bin privilegiert, die seltene Erfahrung gemacht zu haben, dass das, was ich für ein Hobby hielt, mich an weit abgelegene Orte trieb, wo man neue Ideen, neue Kulturen und neue Leute trifft, die grosszügig sind in ihrer Gastfreundschaft und in ihrem Respekt, die mich zu bescheidener Introspektion führten und zu einer neuen Wertschätzung des menschlichen Geistes und der Wunder der Welt.»

Selbstverständlich trifft auch diese Umschreibung den Kern der Aussage nicht ganz genau.


Joshua Foer
ist Autor und freischaffender Journalist mit Fokus auf exakte Wissenschaften. Seine Arbeiten erscheinen u.a. in «The New Yorker» und in «Slate». Sein Erstling «Moonwalking with Einstein» (Penguin, 2012) wurde in 33 Sprachen übersetzt. Er ist Mitbegründer von «Atlas Obscura», einem Reiseführer zu den wundersamsten und merkwürdigsten Orten der Welt, des Design-Wettbewerbs «Sukkah City» und er gewann 2006 die «USA Memory Championship». Er ist der Bruder des Schriftstellers Jonathan Safran Foer. Der vorliegende Text ist eine gemeinsam mit dem Autor stark gekürzte Fassung eines im «New Yorker» erschienenen Stückes und erscheint hier erstmals auf Deutsch.


Übersetzt aus dem Amerikanischen von Gregor Szyndler.

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Francis Cheneval, Professor für politische Philosophie,
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