Utopie mit Bodenhaftung

Der Photograph Christoph Schreiber

Utopie mit Bodenhaftung

Kann ein Jurastudium befreiend sein? Für einen Künstler offenbar ja. «Juristen», so die Erklärung Christoph Schreibers, «orientieren sich an der Lebenswirklichkeit. Nicht an der Utopie.» Nach seiner Ausbildung an der Hochschule für Gestaltung und Kunst in Zürich begann er daher ein Jurastudium, das er fünf Jahre später mit dem Lizentiat abschloss. Ob seine Bilder deswegen lebenswirklicher sind, mit mehr Bodenhaftung und weniger utopisch als die Bilder von Künstlern ohne solch einen juristischen Hintergrund? Auf den ersten Blick möchte man antworten: Aber sicher! Wie etwa seine Photographie der verglasten Vorderfront eines Bürokomplexes, so wie er in jeder Stadt gleich dutzendfach zu finden ist, oder jene eines leeren, betonierten Platzes zwischen Industriegebäuden, oder einer Gruppe entlaubter Bäume im herbstlichen Nebel. Alles nicht ungewöhnlich, alles schon gesehen, alles durchaus realistisch. Wie ein juristischer Text. Sachlich und zurückhaltend, ohne leidenschaftliche Behauptungen, schrille Aussagen und subjektive Standpunkte. Tasächlich?

Fehlt der Frontansicht nicht die dritte Dimension, die Räume hinter den Fenstern? Ist auf einem anderen Bild wirklich alles in Ordnung mit den Proportionen? Ist das himmelstrebende Hochhaus nicht unverhältnismässig gross im Vergleich zur versteppten Landschaft ringsherum? Und das Licht? Aus welcher Richtung fällt es nun? Ist es die schattenlose Mittagssonne im Zenit oder das Streiflicht am Abend oder beides auf einmal?

Die Irritation ist beabsichtigt. «Einerseits liebt es der Mensch, sich mit Dingen zu umgeben, die er kennt; doch auf der anderen Seite macht ihn dies unglücklich, weil es ihn langweilt.» Die Alternative ist die Utopie? «Nur bis zu einem gewissen Mass, zuviel ist auch nicht gut.» Mit subtilen Veränderungen des Bekannten provoziert Christoph Schreiber daher Verunsicherung, aber massvoll, er schafft einen Realismus, der mit der Fiktion flirtet, sich ihr aber nicht hingibt.

Der Photograph möchte sich selbst nur eingeschränkt als Photographen bezeichnen. Eher als Maler, als einen «klassischen Maler» – mit den Mitteln der Photographie. Die Kamera ist sein Skizzenblock, mit dem er durch Städte und Landschaften zieht und Gebäude, Plätze, eine Wasseroberfläche oder ein Lastauto festhält. Sein Schreibtisch ist die Staffelei, der Computerbildschirm die Leinwand, das Programm zur digitalen Bildbearbeitung liefert ihm Farbtuben, Palette und Pinsel, mit deren Hilfe er die Skizzen aufgreift, kombiniert, etwa Neues schafft. Das dauert seine Zeit. Bis zu zwei Jahre arbeitet er an einem Bild, nimmt es immer wieder hervor und verändert den Hintergrund oder ein Detail, fügt zwei, drei Bildausschnitte zusammen. Knapp ein Dutzend neuer Werke kann er so jedes Jahr fertigstellen.

Wann ist ein Bild fertig? «Wenn es funktioniert», sagt er mit der Lässigkeit, die ein Künstler einem Laien in diesen Dingen voraushat. Funktioniert? «Das ist eine existentielle Erfahrung. Von aussen kann das nicht beurteilt werden, das ist anders als bei einem Wissenschafter, der ein Ergebnis begutachtet.» Eine photographische Dokumentation der Wirklichkeit, die vor dem Blick des Sachverständigen standhalten könnte, interessiert Christoph Schreiber daher nicht. Er möchte jene «existentiellen Augenblicke» evozieren, die ihm persönlich unter die Haut gehen und denen er in der Kunst, in der Natur und im «urbanen Dschungel» begegnet. Und warum «funktionieren», trotz dieser auf Subjektivität und Innerlichkeit beruhenden Beurteilung, seine Bilder auch für den Betrachter und machen ihn neugierig? Vielleicht ist es ja tatsächlich so, dass ein Jurastudium die Phantasie soweit bändigen kann, dass sie nicht ins Fiktive abrutscht und sich in Beliebigkeit verliert. Das Ergebnis: Utopien mit Bodenhaftung.

Christoph Schreiber, geboren 1970 in Wädenswil, Schweiz, lebt in New York, wohin es ihn 2004 dank einem Stipendium der Stadt Zürich verschlagen hat. Abbildungen seiner Werke finden sich auf den Seiten 7, 12, 30/31, 45, 55 sowie dem Titelblatt und der Innenklappe. (www.christoph-schreiber.com)

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