USA gegen China

Wie gross ist die Gefahr eines Nuklearkriegs?

Nach dem Zusammenbruch der UdSSR Ende 1991 schienen die Nuklearwaffen in den internationalen Beziehungen kein Thema mehr zu sein. Dies traf vor allem für Europa zu. In Asien zeichnete sich jedoch eine andere Entwicklung ab. Beobachter der Szene stellten fest, dass die politischen Spannungen zwischen den USA und China sukzessive zunahmen, obwohl gleichzeitig die wirtschaftlichen Beziehungen zwischen den beiden Staaten immer intensiver wurden. Seit 1992 begründen die verschiedenen amerikanischen Administrationen die eigene Aufrüstung auch mit dem Hinweis auf China. Dieselbe Begründung gilt ebenfalls für die Modifikationen der eigenen nuklearen Zielplanung. In der Öffentlichkeit wenig bekannt ist aber, dass der Einsatz von Nuklearwaffen gegen China bereits seit den sechziger Jahren vorbereitet ist.

Sehr aufschlussreich ist, wie die verschiedenen Nachrichtendienste in den letzten 15 Jahren die Modernisierung von Chinas Nuklearwaffen beurteilt haben. So wurde 2006 in einem Bericht vor dem Verteidigungsausschuss des Senats festgestellt, dass China bereits heute mehr als 100 nukleare Gefechtsköpfe besitze. In einem anderen Bericht von 1999 wurde behauptet, dass China über eine Erstschlagfähigkeit gegenüber jedem anderen Land, mit Ausnahme Russlands und der USA, verfüge. Eine weitere Behauptung in diesem Bericht war, ein neuer U-Boot-gestützter Flugkörper SLBM sei in Entwicklung , mit dem aufgrund der Reichweite von 12’000 km die Chinesen das ganze Territorium der USA bestreichen könnten.

Aufgrund der Geheimniskrämerei der Chinesen und auch der Übertreibungen der amerikanischen Nachrichtendienste sind bis heute keine genauen Angaben über die Bestände an chinesischen Nuklearwaffen zugänglich. So schätzte in den sechziger Jahren das U.S. Pacific Command, China würde 1973 über 435 nukleare Gefechtsköpfe verfügen. Das Pentagon schätzte 1999, dass China im Jahre 2020 für die Abdeckung von Zielen in den USA 155 bis 220 ballistische Flugkörper interkontinentaler Reichweite mit Mehrfachgefechtsköpfen besitzen würde.

Die gegen China gerichteten Nuklearwaffen der USA gehen noch auf die Mitte des letzten Jahrhunderts zurück. Bereits während des Koreakrieges befahl Präsident Harry Truman die Verlegung von nuklearfähigen B-29-Bombern nach Guam. Präsident Dwight D. Eisenhower soll in den Krisen um die Taiwan-Strasse 1954, 1955 und 1958 wiederholt den Einsatz von Nuklearwaffen gegen China erwogen haben. Bis 1960 war aber China nicht Teil der determinierten nuklearen Zielplanung der USA. Als im Oktober 1964 in China der erste nukleare Gefechtskopf explodierte, hatten die USA in Asien, so in Guam, Südkorea, Okinawa, den Philippinen und Taiwan, 2’400 nukleare Gefechtsköpfe verfügbar, die seegestützten Nuklearwaffen nicht eingerechnet.

Ab 1982 wurde das nukleare Einsatzpotential im Pazifik durch ein neues Waffensystem schrittweise verändert. U-Boote des Typs Ohio, die mit Trident-I-C4-Flugkörpern ausgerüstet waren, wurden in den Pazifik verlegt. Gegenüber den früheren Polaris A3-Flugkörpern mit einer Reichweite von 4’620 km hatten die Trident I eine Reichweite von 7’400 km. Die Zielgenauigkeit war von 0.9 auf 0.5 km gesteigert worden. Nun konnten harte militärische und industrielle Ziele bekämpft werden. Die Stationierung der U-Boote in vorgeschobenen Stützpunkten wie Guam war nicht länger notwendig. Bangor im Staat Washington wurde zum Hauptstützpunkt.

Offensichtlich lassen verschiedene Berichte aus den USA erkennen, dass die Silos der chinesischen interkontinentalen ballistischen Flugkörper (ICBM) DF-5A in Luoning, Provinz Henan, durch U-Boot-gestützte Flugkörper der USA abgedeckt sind. Die USA verfügen mit 2’000 nuklearen Gefechtsköpfen, die jederzeit das chinesische Territorium treffen können, über eine eindrückliche Überlegenheit in Ostasien. Mit einem nuklearen Erstschlag könnten die USA theoretisch einen grossen Teil der strategischen Nuklearwaffen, die Einsatzführung und die konventionellen Streitkräfte Chinas ausschalten. Der chinesische Gegenschlag mit den 20 Interkontinentalflugkörpern DF-5A dürfte sich, so chinesische Aussagen, gegen die Grossstädte der USA richten. Dies ist der Grund, warum die Bush-Administration ein Abwehrsystem gegen ballistische Flugkörper errichtet.

Für einen möglichen Nuklearkrieg zwischen den USA und China wird theoretisch folgendes erwogen. Ein nuklearer Erstschlag der USA und der chinesische Gegenschlag. Ein amerikanischer Erstschlag könnte das Ziel haben, die chinesischen DF-5A-Silos mit Hilfe von Flugkörpern der Ohio-U-Boote auszuschalten, die im Pazifik sind. Wenn die chinesischen Interkontinentalraketen in diesem Erstschlag nicht ausgeschaltet werden, dann kommt es zum Gegenschlag der Chinesen auf die Grossstädte der USA. Mit der möglichen Reichweite von 13’000 km könnten die Chinesen mit den DF-5A theoretisch beinahe das gesamte Territorium der USA treffen. Soll die Aufschaltung des russischen Warnsystems vermieden werden, dann wäre es denkbar, dass die Chinesen für ihren Gegenschlag nicht die Bahn über den Nordpol benützen, die über russisches Gebiet führt. In diesem Fall würde eine Flugbahn bis zur Ostküste mehr als 17’000 km betragen. Mit einer solchen Flugbahn könnten nur die Grossstädte an der amerikanischen Westküste getroffen werden. Mit der Sprengkraft von 4 bis 5 Megatonnen würde eine Stadt wie Los Angeles ausgelöscht. Sollten die Chinesen aber trotzdem die Bahn über den Nordpol wählen, dann würden auch New York und andere Städte der Ostküste getroffen. Durch den Zweitschlag könnten – sofern das amerikanische Abwehrsystem nicht funktionieren sollte – über 15 Millionen Menschen direkt getötet und weitere 45 Millionen Menschen verwundet werden. Die Kontamination würde sich über das gesamte Gebiet der USA und das östliche Kanada erstrecken.

Die Wirkung des amerikanischen Erstschlages würde auf zwei Voraussetzungen beruhen: Überraschung und Zerstörung im Ziel. Während der erste Faktor aufgrund des Einsatzes der U-Boot-gestützten Flugkörper im Pazifik weitgehend gegeben ist, muss der zweite Faktor aufgrund der Stellungen der chinesischen Silos mit einem Fragezeichen versehen werden. Wenn durch den amerikanischen Erstschlag nicht alle Silos vernichtet werden, dann müssen die Amerikaner mit einem chinesischen Gegenschlag rechnen, der für sie verheerend wäre.

Die Überraschung und die Zerstörung der chinesischen Silos sind nur dann möglich, wenn diese von der anderen Seite angegriffen werden. Diese Möglichkeit gibt es heute. Mit ihren B-52-Bombern, die über Afghanistan Einsätze fliegen, könnten die Amerikaner luftgestützte Marschflugkörper einsetzen, die mit nuklearen Gefechtsköpfen ausgerüstet sind und eine Reichweite von ça 3’000 km aufweisen. Eine andere Möglichkeit wären Stealth-Bomber B-2A, die von der Insel Diego Garcia starten, über Afghanistan nach Luoning fliegen und über den chinesischen Silos Freifallbomben mit einer Sprengkraft von bis zu 50 Kilotonnen abwerfen würden. In beiden Fällen wären Überraschung und Wirkung gesichert. Dieses Szenario ist auch ein Hinweis auf die Bedeutung Afghanistans, die dieses Land in der Geostrategie der USA einnimmt.

Die entscheidende Frage, die aufgrund der geschilderten Szenarien gestellt werden muss, lautet: Soll die politische Rivalität zwischen den USA und China tatsächlich durch einen Krieg mit Nuklearwaffen bewältigt werden? Angesicht der schwerwiegenden Probleme, mit denen die Menschheit konfrontiert ist, müsste es doch andere Lösungsansätze ­geben.

Albert A. Stahel, geboren 1943, ist Titularprofessor für Strategische Studien an der Universität Zürich.

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Francis Cheneval, Professor für politische Philosophie,
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