Unzumutbar, aber grossartig

Vorbemerkung zu Adam Johnsons «Dark Meadow»

Zeit ist ein knappes Gut. Und die folgende, angebliche «Short Story» von Adam Johnson ist immerhin 20 Seiten lang. Die Geschichte über einen Mann, der gegen seine Pädophilie und die Verbindungen zu einem US-Westküsten-Kinderporno-Ring ankämpft, überschreitet auch inhaltlich manche Grenzen. Aber gerade deshalb ist sie es wert, gelesen zu werden!

«Ist etwas passiert?», fragte Kollege Rittmeyer vom anderen Ende des Büros. «Du siehst so blass aus.» Die rasche Antwort war unmöglich, mein Mund so trocken wie die Stimme Adam Johnsons zu Beginn seiner Lesung. Gerade hatte ich dem Pulitzerpreisträger von 2013 über eine Stunde lang zugehört. Ruhig, zunächst völlig unaufgeregt, dann rumorend, irgendwann aufwühlend, zum Schluss beinahe panisch hatte Johnson «Dark Meadow» vorgetragen. Noch während ich mir überlegte, wie ich meinem Kollegen auch nur ansatzweise erklären sollte, was ich gerade mit angehört – und was das mit mir angestellt – hatte, war mir klar, dass diese Geschichte auf Deutsch und genau hier erscheinen musste. Aus einem Grund: weil es immer auch das Ziel dieser Zeitschrift war, ein Fenster zur aktuellen Weltliteratur zu öffnen – für einen kleinen, ausgewählten Leserkreis. Aber, fragte ich mich, ist das nicht vielleicht zu viel für den einen oder die andere? Ist «Dark Meadow» nicht überhaupt zu schockierend für jedes Publikum?

In den folgenden Wochen hörte und las die gesamte Redaktion die Geschichte. Ich kontaktierte Johnsons Übersetzerin Anke Caroline Burger, die mir den Link zu Johnsons Lesung geschickt hatte, und auch den Suhrkamp-Verlag, der die Rechte für die Übersetzung besitzt. Anke Caroline Burger hielt das Stück für «unzumutbar», aber «grossartig». Vielleicht trifft es das am besten. Einigkeit bei den Rückmeldungen herrschte jedenfalls in einem Punkt: diese Story ist alles, was Literatur leisten kann. Aber sie ist auch mehr als das. Sie schiebt den Leser aus seiner Komfortzone: Sie ist explizit. Ihr Erzähler, das Ich eines als Kind missbrauchten Computerspezialisten am Rande der Gesellschaft, taumelt auf dem schmalen, verwitterten Grat zwischen «Gut» und «Böse». Diese Kategorien kennen wir zwar aus dem medialen Gewitter um das Thema Pädophilie – in dieser Form ist der Grat den allermeisten von uns aber trotzdem glücklicherweise völlig unbekannt. Wo die populäre Debatte schubladisiert, vereinfacht, klare Grenzen zieht, wird durch diesen literarischen Zugang klar: Diese Gratwanderung ist schrecklich. Widerlich. Sie ist zerstörend. Aber auch mitleiderregend. Und Autor Johnson? Der fällt kein Urteil über seinen Protagonisten. Geht das?

Adam Johnson, der auch für verschiedene grosse US-Magazine («GQ», «Esquire») schreibt und in Stanford Creative Writing lehrt, ist bekannt für seine umfangreichen, sich oft über Jahre hinziehenden Recherchen. Im Zuge der 6jährigen Vorbereitung auf seinen Roman «Das geraubte Leben des Waisen Jun Do» (Suhrkamp) spürte er gar den sich auf der Flucht befindenden Sushi-Chef Kim Jong Ils im Exil auf – und zwar vor dessen nordkoreanischen Verfolgern in den schlecht sitzenden Polyesteranzügen. Die Frage nach der Zumutbarkeit erscheint also nebensächlich, sobald man sich vorstellt, was Johnson – liebender Vater dreier Kinder – für «Dark Meadow» recherchiert, gefunden, angesehen und sich selbst zugemutet haben muss.

Er greift hinein in diese Düsternis, ins Unaussprechliche, das nach seiner Aufbereitung seltsam klar und wirklich erscheint. Der Lektüreweg dahin aber ist eine herausfordernde Grenzerfahrung im gesellschaftlichen und moralischen Zwielicht. Kurzum: Johnsons Stories sind das exakte Gegenprogramm zur medialen Vereinfachung und Verflachung grosser Diskurse, und sie überführen damit die grosse Tradition amerikanischen Geschichtenerzählens ins 21. Jahrhundert. Mit all seinen Widersprüchen.


Michael Wiederstein ist leitender Kulturredaktor dieser Zeitschrift.


Link zu Adam Johnsons Vortrag von «Dark Meadow»: https://soundcloud.com/user942925094/dark-meadow

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