Unter Tränen lächeln

Zum 100. Todestag von Anton Tschechow Im Jahr der Uraufführung von «Der Kirschgarten» starb Tschechow, erst 44jährig, an Tuberkulose. Er wollte, so sagte er von sich, weder Liberaler, noch Konservativer, Reformator, Mönch oder Indifferenter sein, sondern ein freier Künstler.

Als der Zug, der den Sarg Anton Tschechows nach Moskau zurückbrachte, in den Bahnhof einfuhr, spielte eine Militärkapelle einen Trauermarsch. Allerdings galt dieser pompöse letzte Empfang nicht Tschechow, sondern einem in der Mandschurei gefallenen General, dessen Sarg zur gleichen Zeit in einem anderen Zug ankam. Gorki, der mit Tschechow befreundet ge-wesen war, erzählt in seinen Erinnerungen, dass er in diesem verfehlten Beginn der Trauerfeierlichkeiten eine entsetzliche Vulgarität sah, die er nur mühsam verdrängen konnte. Aber die meisten Leute, die dem grossen Erzähler und Dramatiker ihre Reverenz erweisen wollten, hatten die militärische Musik gar nicht erst wahrgenommen, und Tausende folgten dem Sarg auf dem Weg vom Bahnhof zum Friedhof des Novodevicij-Klosters, wo der Leichnam am 10. Juli beigesetzt wurde.

Tschechow war einige Tage vorher, am 2. Juli 1904, in einem geräumigen Hotelzimmer in Badenweiler gestorben, wohin er mit seiner Frau, Olga Knipper, zur Behandlung eines Lungenemphysems gefahren war. Denn seit 1884 litt Tschechow unter Tuberkulose, und obwohl er die Winter auf dem Land verbrachte und sich immer wieder auf Jalta aufhielt, brach die Krankheit, die er lange zu verneinen versucht hatte, regelmässig wieder aus. Dabei blieb seine Arbeitskraft und Schreibenergie ungebrochen. Hatte er schon als Gymnasiast in Taganrog, einer Hafenstadt am Asowschen Meer, wo er 1860 geboren worden war, ein erstes, fünfstündiges Drama geschrieben, fing er als Student in Moskau an, Geschichten und Satiren zu schreiben, mit denen er zum Lebensunterhalt der Familie beitrug. In diesen frühen Geschichten bediente Tschechow den allgemeinen Geschmack an anekdotischen Darstellungen des Ehe- und Alltagslebens, aber er machte Enttäuschung und Verzweiflung der Figuren zur Pointe der Handlung, und indem er das Komische ins Tragische wendete, legte er Selbstlügen und untertänige Verhaltensmuster bloss.

Waren es 1880 etwa 12 Geschichten, die Tschechow in Zeitschriften wie «Libelle», «Wecker» oder «Minute» unterbrachte, so veröffentlichte er 1883 in der Petersburger Zeitschrift «Splitter» schon 100 Prosatexte und 1885 in der «Petersburger Gazette» gar 130 Geschichten, die nicht nur sein Renommé vergrösserten, sondern ihm auch ein Einkommen von über 100 Rubel im Monat sicherten. Damit musste Tschechow die Eltern und die vier Geschwister unterhalten – «meine abnorme Familie», wie er sie einmal nannte. Auch als er im Sommer 1884 das Medizinstudium abschloss und sich in Moskau als Arzt niederliess, blieb die finanzielle Lage der Familie prekär. So arbeitete er unentwegt: als Arzt, als Gerichtsreporter für die «Petersburger Gazette», als Erzähler für «Splitter», und nicht zuletzt aus Geldnot versuchte er sich an einem Kriminalroman, in dem er mit den Regeln des Genres virtuos spielte und dieses zugleich destruierte. Denn nicht nur ist der Mörder der Ich-Erzähler, sondern er ist auch der Richter, der den Mord untersucht!

Zwar hängte Tschechow das Arztschild ab, nachdem er einen Typhuspatienten nicht hatte retten können, aber er praktizierte weiter und beteiligte sich immer wieder an karitativen medizinischen Aktionen. Unterdessen war er auch in der Hauptstadt Petersburg ein angesehener Schriftsteller geworden, und ab 1886 veröffentlichte er regelmässig in der Petersburger «Neuen Zeit», der einzigen russischen Tageszeitung von europäischem Rang. Während er weiterhin die kleinen Zeitschriften mit satirischer Kurzprosa belieferte, schrieb er für die grosse Hauptstadtzeitung Erzählungen, in denen er aus dem banalen Alltagsunglück kleiner Leute eine existentielle Unzufriedenheit destillierte. Tschechow minimierte die Handlung, und in nur wenigen narrativen Strichen illustrierte er die seelische Not der Figuren in einfacher, verbrämt bildhafter Sprache.

In seinem ersten – und einzigen – epischen Versuch, «Die Steppe. Geschichte einer Reise» (1888), griff er zwar auf Gogol als den grossen Wortmaler der Steppe zurück, und indem er die Landschaften der Seele sich in den Landschaften der Natur widerspiegeln liess und beide in denselben Sprachbildern zeichnete, entwarf er…

«Das intelligenteste
Magazin der Schweiz.»
Rolf Dobelli, Bestseller-Autor und Unternehmer,
über den «Schweizer Monat»