Unter die Ratschläger gekommen

Heute haben hierzulande nicht nur alle genug zu essen, sie können sich ihren Speisezettel auch nach eigenem Gusto zusammenstellen. Genuss pur! Das passt indes nicht allen: paternalistische Ernährungsexperten werden rabiat und wollen uns den Genuss dieser Freiheit verderben.

Lange glaubte man, alle Krankheiten auf die «Wollust» und die «Selbstbefleckung» zurückführen zu können. Vor allem Mediziner fühlten sich berufen, die schlimmen Folgen wollüstigen Treibens in grellen Farben auszumalen. Der Schweizer Arzt Daniel Langhans warnte z.B. 1773: «Fast unzehlbar sind die Uebel, welche das Laster der Selbstbefleckung in unserem Leibe hervorzubringen vermögend ist …»1 Damalige Schriften führen u.a. Stuhlverstopfung, struppige Haare, Kopfschmerzen, Erschöpfung, Gicht, Rheuma, Osteoporose und frühes Altern sämtlich auf die «Selbstbefleckung» zurück.2 Ersetzt man den Begriff durch «ungesunde Ernährung», so erhält man mit wenigen Retuschen einen Text, der verblüffend an die Warnungen vor den Folgen «tierischer Fette» oder «Fast Food» erinnert und sinngemäss auch in den Broschüren einer der vielen Ernährungsgesellschaften stehen könnte.

In beiden Fällen wird etwas, das mit Genuss und Befriedigung verbunden ist, als «Risiko» gesehen. Gern geht dabei vergessen: der Körper honoriert biologisches, ihm dienliches Tun mit Befriedigung. Sonst gäbe es auf dieser Welt kein Leben und keine Evolution. Die Lebewesen würden sich die Mühen der Fortpflanzung und die Aufzucht von Nachwuchs ersparen. In der Triebhierarchie stehen Essen und Trinken noch vor der Sexualität – sind also tiefer im Triebleben verankert, da zum Überleben dringlicher. Deshalb sind paternalistische Ernährungsempfehlungen noch weniger hilfreich als Tips zur korrekten Rückenhaltung beim Koitus.

Eine interessante Entwicklung mag das illustrieren: Bei so ziemlich allen Ernährungsempfehlungen der letzten fünfzig Jahre war schon mal das Gegenteil «richtig». Als ich ein kleiner Junge war, galt Fleisch noch als «ein Stück Lebenskraft». Da hätte ich den Verdauungstrakt eines Marders gebraucht, um die empfohlenen Portionen auch ordnungsgemäss verdrücken zu können. Später, im Studium, hätte ich mir einen Schnabel wachsen lassen müssen, dazu einen Kropf samt Muskelmagen, um die vielen gesunden Körner aufpicken, einweichen und im Magen mittels scharfer Steinchen vermahlen zu können. Mittlerweile bräuchte ich den Pansen eines Rindes, um das vegetarische Stroh, das heute gedroschen wird, auch verwerten zu können.

Wurden Fleisch, Eier und Butter in den Fünfzigern als unverzichtbare Grundnahrungsmittel angesehen, gerieten sie in Europa in den Siebzigern immer mehr in Verruf. Was war geschehen? Schauen wir genauer hin – in die USA: Der Vater der Idee vom bösen Cholesterin war der US-Physiologe Ancel Keys. Bereits 1953 erklärte er das Cholesterin zum Hauptschuldigen für Herzinfarkte. Der Durchbruch gelang ihm allerdings erst mit der berühmten 7-Länder-Studie, die 1958 startete.3 Darin versuchte Keys einen Zusammenhang zwischen tierischem Fett im Essen, dem Cholesterinspiegel im Blut und dem Risiko von Herzinfarkten zu konstruieren.

Insgesamt hatte Keys 22 Länder untersucht. Das klingt eindrücklich. Der Haken an der Sache: nur 7 davon liessen sich für sein Konzept zurechtbiegen. Hätte er alle 22 Länder einbezogen, wäre das Ergebnis umgekehrt ausgefallen: je mehr Cholesterin, desto weniger tödliche Herzinfarkte.4 Als er aber beispielsweise sah, dass die Massai, ein afrikanisches Hirtenvolk, mehr als doppelt so viel tierisches Fett konsumierten wie US-Amerikaner, dafür aber sehr niedrige Cholesterinspiegel hatten, meinte Keys lapidar, die Eigenarten «dieser primitiven Nomaden» hätten «keinerlei Relevanz».5

Damit aber nicht genug: Ancel Keys musste auch bei den sieben Ländern seiner Wahl manipulieren. In Finnland, Jugoslawien und Griechenland schickte er gleich mehrere Regionen ins Rennen. Bei gleichen Cholesterinspiegeln innerhalb eines Landes unterschieden sich die Todesfälle durch Infarkt von Region zu Region trotzdem um ein Vielfaches – und das bei gleicher Kost. Damit hätte sich nur belegen lassen, dass praktisch kein Zusammenhang zwischen dem Konsum tierischer Fette, dem Cholesterinspiegel und dem Herzinfarktrisiko bestehen konnte. Also pickte sich Keys einfach die passenden Provinzen heraus. Doch selbst das genügte nicht. Als er sah, dass auf Kreta Herzinfarkt selten diagnostiziert wird – dafür aber ordentlich Fleisch und Käse auf den Tisch kommt, löste er den Widerspruch elegant, indem er die Kost der Kreter während der vorösterlichen…