Unser digitaler Schatten

Das Netz umgibt uns überall. Engt es uns aber mit Kontrolle ein oder bringt es uns durch Verknüpfung weiter? Beides, meint Sascha Lobo, denn Genialisches und Diabolisches liegen immer nah beieinander. Ein Blitzgespräch über Internetphänomene und die dunkle Seite von Mark Zuckerberg.

Herr Lobo, die Digitalisierung ist ein umfassendes Phänomen. Durchlaufen wir es im Eilschritt von A bis Z: A wie Amazon!

Amazon ist eine gnadenlose Effizienzmaschine und ein Retailer, der mehr von Kundenservice und Logistik versteht als irgendjemand sonst auf unserem Planeten. In den Buchmarkt hat Amazon einige Bewegung reingebracht. Was Verlage und Autoren angeht, missbraucht Amazon seine führende Marktposition. Was aber den Kundenservice angeht, ist das Unternehmen unschlagbar; ich glaube, es gibt keine Firma, die einen besseren und effizienteren Service bietet und so konsequent die Kundenzufriedenheit im Blick hat. Kulanz und Effizienz sind riesig und für ein Internetunternehmen eigentlich einzigartig.

D wie Digital Natives.

Ich halte nicht viel von der Unterscheidung zwischen «Digital Natives» und «Digital Immigrants». Als ob das Internet eine Altersfrage wäre! Das Internet ist eine Haltungsfrage: Ich kenne 20jährige, die aus digitaler Sicht schon 70 sind und sich nicht tiefer für die digitale Sphäre interessieren. Und andererseits gibt es Senioren, die höchst aktiv sind und wahnsinnig viel Ahnung von und auch grossen Spass an den digitalen Technologien haben.

E wie Entblössung.

Entblössung ist immer eine kulturelle Frage. Im Schwarzwald war es jahrhundertelang üblich, den Frauen Bommeln auf den Hut zu setzen und mit der Farbe dieser Stoffkugeln anzuzeigen, ob die Trägerinnen schon einmal Geschlechtsverkehr hatten oder nicht. Die Art und Weise der Entblössung hat sich weiterentwickelt, und die Technologie trägt natürlich zu dieser Veränderung bei, insgesamt aber ist der akzeptable Grad der Entblössung immer etwas, was gesellschaftlich entschieden wird.

F wie Facebook.

Facebook hat an seiner Spitze jemanden, den ich für ein Genie halte – mit einer sehr dunklen Seite. Das Geniale ist, dass Zuckerberg schon weiss, was die Leute in den sozialen Medien wollen, bevor sie’s selber wissen. Seine grosse Leistung besteht nicht darin, ein soziales Netzwerk aufgestellt zu haben, sondern dieses soziale Netzwerk ständig so weiterzuentwickeln, dass es an der Spitze des Fortschritts bleibt. Facebook ist 2009 ein völlig anderes Unternehmen gewesen, als es das 2014 ist, und zwar sowohl von der Nutzung als auch vom Geschäftsmodell her – und da zeigt sich dann auch die dunkle Seite des Herrn Zuckerberg: Die Totalnutzung sozialer Daten, die er mit Facebook unternimmt, kann sehr schnell in sehr gefährliche Sphären führen.

G wie gläserne Gesellschaft.

Ich glaube, eine gläserne Gesellschaft existiert nicht, und das Ziel, eine solche zu schaffen, halte ich für totalitär. Denn Geheimnisse und eine Intimsphäre zu haben, die Möglichkeit, Dinge für sich zu behalten, das alles gehört zu den allergrundsätzlichsten Grundrechten des Menschen. Es gibt niemanden, der nichts zu verbergen hat. Wer das Gegenteil behauptet, ist entweder etwas dumm oder hat nicht lange nachgedacht. Nehmen wir mal dieses Beispiel: Ich bewerbe mich für einen neuen Job, habe aber eine schlimme Krankheit mit 50 Prozent Überlebenschancen. Wüsste der Arbeitgeber darüber Bescheid, würde er mich kaum einstellen. Es ist also in meinem Interesse, dieses «Geheimnis» nicht preisgeben zu müssen. Wenn Transparenz im persönlichen Rahmen äusserst schädlich sein kann, halte ich sie aber im administrativen Bereich für sehr sinnvoll und wichtig. Freilich ist hier die Trennlinie nicht immer ganz klar zu ziehen: Während die Steuereinnahmen der ganzen Bundesrepublik zweifellos ein öffentliches Datum sind und sein sollen, wird es bei den Steuerdaten einer bestimmten Berliner Wohnstrasse schon heikler… kurz: es gibt Graubereiche, aber grundsätzlich vertrete ich die Devise: Transparenz für den Staat und Privatheit für den Bürger.

I wie Internetaktivist.

Viele Leute glauben, ich sei ein Internetaktivist; ich selber empfinde mich nicht als solcher. Ich verfolge ein bürgerliches Engagement und bin im Prinzip ein «Verfassungspatriot», denn ich hätte gerne, dass wir in einer Demokratie leben, wo die Verfassung etwas zählt und nicht nur ein Papier ist. Und dafür setze ich mich ein mit meinen medialen Mitteln.

K wie kaputt.

Anfang 2014 habe ich in der FAZ einen Artikel veröffentlicht, in dem einer der Schlüsselsätze lautete: Das Internet ist kaputt, die Idee der digitalen Vernetzung ist es nicht. Sehr oft wird nur der erste Teil zitiert, der zweite ist mir aber genauso wichtig. Ich glaube, dass die Überwachungsmaschinerie im Netz die Privatsphäre abgeschafft hat; über viele Jahre wurde das Netz bewusst so aufgebaut, dass es leicht zu durchleuchten ist. Ich glaube, wir müssen diese Schraube zurückdrehen und das Internet so weiterentwickeln, dass es die Idee der digitalen Vernetzung auf ihren Ursprung zurückführt. Privatsphäre war darin enthalten und auch die Sicherheit, dass es im Netz Bereiche gibt, auf die keine anderen Leute zugreifen.

L wie lesen.

Im Bereich des Lesens tue ich mich gerade ökonomisch um. Mit einer Firma namens «sobooks» versuche ich, E-Books weiterzuentwickeln. Das E-Book, wie wir es heute kennen, macht nichts, ausser dass es die Druckerschwärze durch Pixel ersetzt. Wir gehen nun von der These aus, dass auch das Buch durch das Internet und die sozialen Medien beeinflusst wird, und arbeiten deshalb mit der Formel «Soziale Medien plus Buch».

M wie Macht.

Macht ist theoretisch klar zu greifen – wenn man etwa an Staatsgewalt denkt –, praktisch aber ist sie sehr differenziert und vielschichtig. In einer Demokratie, die diesen Namen verdient, muss die Frage, wie Macht ausgeübt wird, ständig diskutiert und überprüft werden, ob Feinjustierungen nötig sind. Politik darf nicht alles, aber sie soll dafür sorgen, Macht zu beschränken – politische und ökonomische.

N wie Netzfreiheit.

Für mich bedeutet Netzfreiheit, dass man das Gefühl, ein freier Bürger zu sein, auch im Netz ausleben kann. Man soll auch als digitaler Mensch ein freier Mensch sein können.

P wie Piraten.

Die «Piraten» waren ein interessantes Experiment, an dem man sehr viel ablesen kann: Man erkennt daran sehr schön, wie digitale soziale Medien Gruppen beeinflussen und wie die ständige öffentliche Kommunikation und Interaktion ihre Schattenseiten hat. Wobei man dabei geteilter Meinung sein kann, ob dies problematisch ist, weil die Gesellschaft noch nicht so weit ist, oder ob dies per se problematisch ist. Klar ist aber, dass die Piratenpartei auf mehreren Ebenen gescheitert ist und all die Überlegungen der Partei wohl nichts mehr nützen.

S wie soziale Daten.

Soziale Daten sind das grosse unterschätzte Monster im Raum, wobei ich damit nicht nur an eine böse, sondern auch an eine produktive Kraft denke. Normalerweise hat man Buchstabenketten, Filme oder Tondokumente im Kopf, wenn man von «meinen Daten» spricht. Das, was eigentlich zählt, sind aber die sozialen Daten. Wie sind die Verbindungen der Menschen untereinander? Welche Qualität haben diese Verbindungen und Beziehungen? – Diese Informationen haben eine ganz phantastische fortschrittsgewandte Seite, die man für ganz neue Geschäftsmodelle und grossartige Entwicklungen nutzen kann. Auf der anderen Seite bergen diese Daten aber auch die Möglichkeit, Kontrolle auszuüben und Leute in ihrer Freiheit zu beschneiden.

Ü wie Überwachung.

Mit diesem Thema beschäftige ich mich seit Snowdens Enthüllungen intensiv. Dass Überwachung in dieser Tiefe stattfindet und dass alle Rechtsschranken so leichtfertig überschritten werden, das hat mich überrascht und erschüttert. Ich glaube, wir schlittern in Richtung einer Überwachungsgesellschaft und müssen versuchen, als Gesellschaft dagegen anzugehen. Es ist klar, dass sich die Möglichkeiten zur Überwachung von Menschen durch die digitale Vernetzung exponentiell gesteigert haben. Die Kontrollmöglichkeiten – etwa der parlamentarischen Ausschüsse – sind demgegenüber dieselben wie vor 30 Jahren. Während Firmen mit Milliardenaufwänden neueste Software programmieren und Überwachungsmöglichkeiten schaffen, sitzen die Parlamentarier noch mit Papierakten da.

V wie Vorhersage von Verhalten.

Die Vorhersage an und für sich ist ein altes Genre und eigentlich die Basis von Wissenschaft – in der es freilich nicht um das Verhalten, sondern um die Reproduzierbarkeit geht: Wenn ich einen Apfel fallen lasse, fällt er runter. Das ist reproduzier- und also vorhersehbar. In dem Moment, wo sich die Vorhersehbarkeit aber auf das Verhalten richtet, fangen die Probleme an, weil nun die Leute gesteuert werden können, ohne dass sie es merken. Das ist in meinen Augen ein Eingriff in die Freiheit. Ein ganz simples Beispiel: man hat herausgefunden, dass Nutzer von iPhones verhältnismässig wenig preissensitiv sind; nun gibt es Shops, die den iPhone-Nutzern dasselbe Produkt zu einem teureren Preis als einem anderen Käufer anbieten. Mit solchen Modellen macht man den Markt kaputt und stört dessen freie Entwicklung, indem man Wissen ausnutzt, das man meines Erachtens nicht ausnutzen sollte.

Z wie Zukunft.

Die Zukunft ist für alle da!

«MONAT für MONAT
eine sinnvolle Investition.»
Heinz Zimmermann, Professor für Finanzmarktökonomie,
über den «Schweizer Monat»