Uniform ist unkonform

Das Angebot ist gross: Bildungsbürger, Wutbürger und Spassbürger. Kleinbürger, Grossbürger und Spiessbürger. Aber ist der letzte einfache Bürger nicht längst ausgestorben?

Herr Bolz, sich tätowieren zu lassen, sei unbürgerlich, haben Sie einmal geschrieben. Wie kommen Sie darauf?

Die Tätowierung stammt aus dem subkulturellen Milieu, aus der Welt der Piraten und der Verbrecher. Wir konnten in den letzten Jahrzehnten eine eigentümliche Anverwandlung dieser subkulturellen ­Attitüde durch den Modemainstream be-­o­bachten. Die Ausnahme ist heute, wer kein tätowiertes Arschgeweih zur Schau trägt. Das Ritzen des Körpers, das die Zugehörigkeit zur Gruppe der Ausgeschlossenen ­signalisierte, ist zum Körperdekor der Mehrheit geworden. Hält man an einem anspruchsvollen Begriff von Bürgerlichkeit fest, so ist klar: Der Bürger grenzt sich von solchen modischen Accessoires ab. Der ganze bürgerliche Kanon lässt sich auf ein Bekenntnis reduzieren: Der Bürger ist ein erklärter Gegner des schlechten Geschmacks.

Welches wäre dann das Outfit des ideal­typischen Bürgers von heute?

Sie trägt ein Kostüm, das Eleganz und Zurückhaltung vereint, er einen dunklen Anzug, ein weisses Hemd, eine Krawatte und gut gepflegte Schuhe. Die bürgerliche Kleidung ist letztlich nichts anderes als eine ­ästhetisch ansprechende Uniform, von der es natürlich abweichende Varianten gibt…

…heute sind es vor allem Staats- und Bankangestellte, die mit Anzug und Schlips durch die Weltgegend spazieren. Sie tun das zumeist nicht aus Überzeugung, sondern weil es der Vorschrift des Arbeitgebers entspricht.

Da sehen Sie, wie es um die Bürgerlichkeit heute bestellt ist! Geblieben ist die Hülle, die Substanz ist weg.

Tragen Sie denn stets Anzug und Krawatte?

Anzug schon, Krawatte nicht. Ich habe ­einen Idealtypus bürgerlichen Erscheinens skizziert – wohlüberlegte Abweichungen von der klassischen Bürgeruniform sind selbstverständlich willkommen. Das bürgerliche Outfit soll Gepflegtheit, Mass, Ansichhalten und Gelassenheit ausdrücken. Schrilles Modebewusstsein ist des Bürgers Sache nicht. Denn er individualisiert sich gerade nicht über die äussere Erscheinung. Wer sich über seine besondere Frisur, seine Tätowierung oder seine schrillen Klamotten definiert, verfällt aus bürger­licher Perspektive einem geradezu lächerlichen nachbürgerlichen Tick. Der Bürger will durch nichts anderes auffallen als durch seine Leistung. Dabei hat die Leistung zwei Dimensionen, eine innere und eine äussere: Sie zeigt sich in Überzeugungen und Haltungen, und sie zeigt sich in Werken. Caesar hat die Maxime bürger­lichen Lebens unübertroffen treffend ­formuliert: operibus anteire, durch Werke vorangehen.

Der Bürger ist ein Konformist in seinem Habitus?

Keineswegs. Werke sind einzigartig, Kleidung ist letztlich immer von der Stange. Der Mensch kommt im Leistungsdrang zu sich, nicht in der Auswahl seiner Klamotten. Wer seine Individualität modisch zur Schau trägt, ist ein Konformist des Andersseins. Der Bürger hingegen ist kein Konformist in seinem Habitus, sondern vielmehr ein Uniformist, und es gehört zur Ironie der Moderne, dass er heutzutage gerade deshalb ästhetisch auffällt, weil er nicht auffallen will. Wer nicht wie ein ­bunter Paradiesvogel herumläuft, erregt Anstoss.

Sie widersprechen also dem Befund, dass wir im Zeitalter des Individualismus leben?

(Lacht laut) Wir leben ganz bestimmt nicht im Zeitalter der Individualisten. Das ist das Etikett, das irgendeine Marketingabteilung der Massengesellschaft aufgeklebt hat, ­damit sich diese nicht als das erkennt, was sie tatsächlich ist – konformistisch bis zur Unerträglichkeit. Dabei haben die Marketingmenschen begriffen, dass auch Massenmenschen sich gerne als Individualisten fühlen.

Der Bürger grenzt sich also, sagen Sie, von den Nichtleistungsbereiten oben und unten ab – klassisch gesprochen: von den Ade­ligen und von den Taugenichtsen. Ist der Bürger ein Mittephänomen?

Geschichtlich gesehen, gehört der Bürger zu jenen, die es immer weiter nach oben schaffen wollen. Egal, wo er in der Gesellschaft gerade steht oder wohinein er geboren wurde, er will höher hinaus. Der Bürger ist der vertikal Denkende, der die horizontale Perspektive anderen überlässt. Heute dominiert jedoch die horizontale Sicht auf die Dinge: möglichst wenig tun, um möglichst viel zu bekommen. Das gilt für die ganz oben ebenso wie für die ganz unten. Es ­besteht ein breiter gesellschaftlicher Konsens, dass das Leistungsprinzip von vorgestern ist. Die wenigen, die heute noch Bürger wären, wagen es nicht, sich als ­solche zu outen. Denn wer heute leistungsbereit ist, vergeht sich am egalitaristischen Ethos der Gesellschaft.

Kann denn ein Bürger sein, wer das Bürgersein zugleich verleugnet?

Gute Frage. Unter ihresgleichen geben sich Bürger als solche zu erkennen, aber ausserhalb ihres Milieus agieren sie zumeist unter dem Deckmantel der Verschwiegenheit. Man hat manchmal den Eindruck, dass sie sich selbst nicht mehr wohlfühlen in ihrer bürgerlichen Haut. Wir leben in angespannten Zeiten. Bürgerlichkeit ist zu einer Privatsache geworden. Man macht sich das Leben leicht, indem man den Modeerwartungen entspricht, die die Gesellschaft an einen stellt. Selbst Bürgerliche im Herzen erliegen mittlerweile dem Kult des Kollektivs. Ich bedaure dies zutiefst. Was fehlt, sind Leute, die offen zu ihrer Bürgerlichkeit stehen.

Versuchen wir einmal, verschiedene Bürgerarten durchzudeklinieren. Was ist ein Kleinbürger?

Das ist eine soziologische Kategorie. Der Kleinbürger ist jemand, der nicht über die grossen unternehmerischen Instanzen zum Rang des Bürgers gekommen ist. Er ist fleissig und sparsam, will sich weiterent­wickeln, aber nicht wirklich hoch hinaus. Man könnte vielleicht sagen: Er ist der gehemmte Bürger, der aber ansatzweise in Leistungskategorien denkt.

Woran erkennt man ihn?

Es fehlt ihm die Souveränität. Der Kleinbürger ist immer leicht verbissen, leicht verbittert, oft zwangsneurotisch veranlagt. Es mangelt ihm an Geschmackssicherheit, auch wenn er sich um Geschmack bemüht und insgesamt einen Sinn für Form entwickelt hat.

Was ist ein Grossbürger?

Das ist jemand, der aus einer gutbürger­lichen Familie stammt und seinen Mut zum Risiko so eingesetzt hat, dass er an seinen Aufgaben persönlich gewachsen ist. Ich denke dabei an die Buddenbrooks und andere Figuren aus Thomas Manns Romanen: grosse Familien, grosse Haushalte, ein ­Denken in Dekaden, genügend Geld. Zum Grossbürger gehört die Firma, das global tätige Unternehmertum. Er ist auf der ­ganzen Welt zu Hause, also Kosmopolit, er ist engagiert, gelassen und hat guten Geschmack.

Was ist ein Spiessbürger?

Der Spiessbürger ist faktisch ausgestorben. Rhetorisch überlebt hat er in der Abwehrvokabel von Linksintellektuellen gegen die Zumutungen, die von echter Bürgerlichkeit ausgehen. Leistungsbereitschaft, Fleiss, Disziplin, Masshalten, Freundlichkeit, Redlichkeit – all die bürgerlichen Sekundärtugenden werden von dieser Art von Intellektuellen als spiessbürgerlich und vorgestrig abgetan.

Was ist ein Bildungsbürger?

Auch er ist eine vom Aussterben bedrohte Spezies. Der Grund ist klar: Bildung ist hochproblematisch geworden. Bildung setzt Musse voraus; Musse setzt Reichtum voraus; und Reichtum in Musse zu geniessen, setzt wiederum ein unheimlich gutes Gewissen und Selbstsicherheit voraus, die Gewissheit der eigenen Etabliertheit. Dieses Gewissen ist selbst jenen abhanden gekommen, die es eigentlich haben könnten und müssten. Sie gestehen sich ihr gutes Gewissen, zu dem sie aufgrund ihrer Leistung allen Grund haben, selbst nicht mehr ein. Die Frage nach der Bildung ist gesellschaftspolitisch gänzlich von der Frage nach der Ausbildung abgelöst worden. Wenn jemand aus purem Interesse Altgriechisch studieren möchte, weiss er schon im voraus, dass er sich die ganze Studienzeit lang an jeder Party mit der Frage konfrontiert sehen wird: Schön, du liest Platon im Original – aber was zum Teufel willst du damit anfangen? Das tut er sich nicht an und zieht es deshalb vor, Rechts- oder Wirtschaftswissenschaften zu studieren, was Praktisches, Nützliches eben. Wir ­haben das, was einst positiv «Bildungsprivileg» genannt wurde, so missverstanden, dass heute Bildung mit Privileg identifiziert wird, und das widerspricht dem egalitaristischen Geist unserer Zeit. Wer gebildet ist, muss sich dafür schämen oder zumindest ein schlechtes Gewissen kultivieren. Es gibt so viele Menschen, die dieses Privilegs nie teilhaftig wurden; da kann man sich nicht einfach an der Bildung berauschen und sie um ihrer selbst willen verfolgen.

Was ist ein Wutbürger?

Das sind die altgewordenen 68er, die mit der Welt nicht mehr zurechtkommen. Das einzige, woran sie sich noch erinnern, ist, dass es damals Spass gemacht hat, auf die Strasse zu gehen und zu johlen. Und genau das ist es, was sie auch heute noch tun.

Was ist ein Spassbürger?

Das sind jene piratenähnlichen Mitmenschen, die gerade Spass an jener Politik bekommen, die sie zuvor entmündigt hat.

Was ist ein Netzbürger?

Den gibt es, und die Community wächst. Der Begriff ist eine Rückübersetzung des amerikanischen Begriffs netizen, der wiederum auf citizen verweist, also auf den ­Citoyen. Der Netzbürger ist einer, der die neuen Kommunikationsmittel nutzt, um Souveränitätskompetenzen von der parlamentarischen Demokratie zurückzufordern. Er glaubt an die Möglichkeit einer stärkeren politischen Mitbestimmung des einzelnen und ist für gewöhnlich ein ­Anhänger der direkten Demokratie. Sein Lebensgefühl wird bestimmt durch Unmittelbarkeit und Gleichzeitigkeit. Von den Ideen von Distanz und Repräsentanz hält er nicht viel.

Was ist ein Profibürger?

Sie meinen die neuen Ideen von Bazon Brock und Peter Sloterdijk, wonach sich das Bürgerbewusstsein erlernen lässt?

Genau. Die beiden haben in Karlsruhe eine Schule eröffnet, die allen Bürgern offen steht. Der Bürger soll angeleitet werden, sich verlorengegangene Souveränitätskompetenzen anzutrainieren.

Die Idee ist hervorragend, nur dürfte sie in der Praxis nicht taugen. Was den Bürger auszeichnet, ist der Mut zur eigenen Entscheidung, zum Alleingang, zur «Einsamkeitsfähigkeit», wie Odo Marquard einmal so schön gesagt hat. Diese Qualität lässt sich nicht im Kollektiv erlernen.

Was haben der Citoyen und der Bourgeois, der Staatsbürger und der Besitzbürger eigentlich miteinander zu tun? Oder anders gefragt: Stehen sie tatsächlich in jenem ­gegensätzlichen Verhältnis, das heute gerne beschworen wird?

Ich habe es immer für einen grossen Vorteil der deutschen Sprache gehalten, dass sie diese Unterscheidung gerade nicht trifft. Es handelt sich dabei um eine elegante ­Soziologenantithese, die seit der Französischen Revolution diskursiv bewirtschaftet wird. Der Citoyen ist der gute, gemeinwohlorientierte und verantwortliche Mitmensch, der Bourgeois hingegen ist der egozentrierte, aufs Ökonomisch-Familiäre geschrumpfte, kaltherzige Herrschaftsmensch; der Citoyen ist weltoffen, engagiert, der Danton in uns, der Bourgeois ist dumm und träge. Warum ist das falsch? Ganz einfach: Was den Bürger auszeichnet, ist seine Unabhängigkeit. Und die geistige Unabhängigkeit setzt eben auch ökonomische voraus. Darum ist der Citoyen eigentlich nur als Bourgeois denkbar, und der Bourgeois sieht es als seine höchste und edelste Aufgabe, Citoyen zu sein.

Das könnte man als Plädoyer für ein bedingungsloses Grundeinkommen verstehen. Nur wer materiell gut ausgestattet ist, kann souverän agieren. Haben Sie das auch so gemeint?

Es ist genau umgekehrt. Echte ökonomische Unabhängigkeit bedeutet ja gerade auch Unabhängigkeit vom Staat. Nur wer nicht auf staatliche Pfründe angewiesen ist, kann frei entscheiden und damit auch das Gemeinwohl im Auge behalten. Ein ­Citoyen, der kein Bourgeois ist, ist im Grunde nichts anderes als ein intellektueller Schwätzer.

Wir haben viel von bürgerlichen Tugenden gesprochen. Hat der idealtypische Bürger auch Laster?

Klar, hat er das. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde dieses Narrativ unter dem Stichwort des autoritären Charakters rauf- und runterdekliniert. Die ganze kritische Theorie von Adorno, Horkheimer und Marcuse besteht ja im wesentlichen aus einer «Entlarvung» des bürgerlichen Typs als eines protofaschistischen Charakters. Die Theorie hat die Pathologisierungen bürgerlicher Verhärtungen zweifellos klug analysiert, aber sie hat unrecht, wenn sie die bürgerlichen Tugenden selbst pathologisiert. Es gibt kein Leben ohne Neurosen. Sigmund Freud hat schon vor den Vertretern der kritischen Theorie sehr gut analysiert, dass es Neurosen gibt, die zu gesellschaftlicher Effektivität passen, und solche, die bloss blockieren und erstarren lassen. Der selbstbewusste Bürger weiss, wo seine Schwächen liegen. Eine seiner vornehmsten Aufgaben sieht er ja gerade darin, ein Leben lang an sich zu arbeiten.

Was ist die Grundbefindlichkeit eines bürgerlichen Lebens im Jahre 2012?

Der Bürger, damals und heute, verzichtet auf den Wahn, es gebe so etwas wie reines Glück. Während alle Welt nach dem grossen Glück jagt, tut er seine Arbeit. Seine ­Lebensklugheit besteht in der Einsicht, dass der Verzicht auf das grosse Glück glücklicher macht als die Jagd nach ihm. Der Bürger ist darum verhalten-optimistisch gestimmt. Er plant sein Leben, aber nicht über Gebühr. Er erfreut sich zugleich an dem, was das Leben an Überraschungen für ihn bereithält. Der Bürger ist frei, weil er sich vom Phantom der grossen Utopien befreit hat.

Der Bürger – ein Ideal von gestern für die Gesellschaft von morgen

Gibt es ihn noch, den Bürger? Dass es ihn in grosser Zahl gegeben hat, davon erzählen ältere Gebäude in jeder Schweizer Stadt. Über einen Bürgersteig ist jeder von uns schon einmal gelaufen, die Bürgerwehr kennen wir aus amerikanischen Filmen, und seine Bürgerrechte will auch niemand missen. Aber denken wir den «Bürger» dabei auch tatsächlich mit? […]

«Der beste Journalismus ist der,
den man liest, obwohl einen das Thema bis dahin gar nicht interessiert hat.
Beim MONAT passiert mir das ständig.»
Niko Stoifberg, Schriftsteller und Redaktor bei «getAbstract», über den «Schweizer Monat»