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Ludwig Hasler, zvg

Unglücklich im Überfluss: Wie wir der Sackgasse des Wohlstands entkommen

Der Widerstandsgeist verdrückt sich, die Wehleidigkeit nimmt zu. Die westliche Wohlstandsgesellschaft steckt in einer Midlifecrisis. Das Gute daran: Man kann ihr auch wieder entkommen.

Vom «Gesundheitsparadox» sprach 1988 Arthur Barsky, ein Psychiater in Harvard: Wir leben stets gesünder – und fühlen uns immer kränker. Müssen wir heute von einem «Wohlstandsparadox» sprechen? Wir leben stets besser – und fühlen uns immer mieser. Reicher, freier, sicherer als wir lebten Menschen nie – reichlich Grund für gute Laune und Appetit auf Zukunft. Stattdessen wirken wir gereizt, unzufrieden, aus mickrigem Anlass empört, wütend. Unser Innenleben kontrastiert mit dem äusseren Wohlstand, wir sind immer häufiger erschöpft, ausgebrannt, gar depressiv. Ist es so ein Krampf, den Wohlstand zu sichern? Wächst mit ihm die Angst vor Verlusten? Macht Wohlstand faul? Setzen uns seine Kollateralschäden schachmatt? Haben wir darum mehr Therapeuten als Ingenieure?

Aber reicht das für eine profunde Wehleidigkeit? Auch wenn der Rattenschwanz von Krisen nervt, auch wenn die Welt sich nicht um unsere Gemütlichkeit schert: Müssen wir uns aufführen, als hätten wir Anspruch auf Schonung? Nur weil wir schon immer verschont wurden? Robuste Naturen reagierten umgekehrt: Schluss mit passivem Abwarten! Akteur werden! Mitwirken an der Zukunft! Wir zermürben uns selbst, wenn wir die Probleme vor uns herschieben. Bald vier Jahre ist Krieg in Europa – und wir haben nicht die Spur einer Strategie. Das Verhältnis der Generationen kippt – und wir verteilen Geld an Alte. Die Energiewende harzt, der Verkehr staut. Haben wir überhaupt noch etwas vor? Eine Idee? Oder verteidigen wir nur noch, was wir haben: gegen Bedrohungen wie Zölle, Migration, Parkplatzschwund, Windräder, künstliche Intelligenz?

«Auch wenn die Welt sich nicht um unsere Gemütlichkeit schert: Müssen wir uns aufführen, als hätten wir Anspruch auf Schonung?»

Es bleiben ein paar Restwünsche

Einst waren wir berüchtigt für unseren robusten Widerstandsgeist. Erfolgreich mit evolutionärem Spirit – Motto: Wer nicht unter die Räder der Veränderung geraten will, muss sich zum Akteur des Wandels machen. Warum weichen diese Geister nun den zimperlichen?

Man kann natürlich sagen: Wir hängen durch, sind verwöhnt, satt, dekadent. Und an Robustheit appellieren, an Resilienz und Mut. Aber warum hängen wir durch? Ist das nur so eine kollektive Erschlaffung? Ein Katersymptom? Oder hat es tiefere Gründe? Ich habe dazu eine Vermutung: Der Widerstandsgeist verdrückt sich momentan in einer gesellschaftlichen «Midlifecrisis».

Dazu muss ich kurz ausholen: Die Midlifecrisis kennen wir individuell, sie kündet sich an mit der beunruhigenden Frage: War es das? Ist das nun alles, was aus meinen Hoffnungen, Träumen geworden ist? Dieser Job, der Stress, diese Ehe? Ohne Aussicht aufs grosse Los! Diese Krise schlägt unabhängig vom Lebensstandard ein. Am radikalsten trifft sie die, die schon alles haben. Die wunschlos Unglücklichen.

Meine Vermutung: Trifft uns die Midlifekrise vielleicht kollektiv? Sind wir eine Gesellschaft von wunschlos Unglücklichen? Ein paar Restwünsche zirkulieren weiter – günstige Wohnung, Gratis-ÖV, mehr Freizeit –, sie betreffen aber nur Vergünstigungen im Weiter-so. Keine Träume darüber hinaus. Kein Glaube an eine bessere Zukunft. Daher diese selbe Frage, aber nun gesellschaftlich gewendet: War es das jetzt mit der Moderne, mit der Geschichte der Freiheit, des Fortschritts, des Friedens? Schlittern wir eher wieder rückwärts? Nicht nur, weil wir uns keine Zukunft vorstellen können, in der wir ähnlich gerne leben würden wie in der gewohnten Gegenwart. Doch auch die Gegenwart ermattet, egal, wie feudal sie aussieht. Massgebend sind die Aussichten, nicht die Befindlichkeiten. Die Angst, es könnte mit uns bachab gehen, es könnte härter werden, nicht rosiger.

Plötzlich steht der Zug still

An diesem Punkt könnten wir einknicken. Denn wir leben – seit wir uns nicht mehr nach Gott richten – von der Erwartung, alles werde stets besser und demnächst vollends gut. Das verhiess uns die Moderne, und das ging auch lange auf. Ab 1945 nahm die Geschichte nur eine Richtung: aufwärts. Tüchtig voran mit Freiheit, Wohlstand, Wachstum. Mehr Bildung, mehr Freizeit, mehr Komfort, mehr Rente, mehr Medizin. Der Lauf der Welt war uns günstig gesinnt, ersparte uns gröbere Krisen, entschädigte uns für Ideen und Fleiss, erleichterte unser Leben mit Waschmaschine, Kühlschrank, Dampfbügeleisen, Auto, Handy.

«Wir leben – seit wir uns nicht mehr nach Gott richten – von der Erwartung, alles werde stets besser und demnächst vollends gut»

Die Moderne verheisst mit ihrer Steigerungslogik des Fortschritts, der quasireligiösen Verheissung, ein immerzu besseres Leben. Und wenn der Zug bremst, stillsteht? Dann fühlen wir uns hereingelegt und werden sauer. Das wäre der Moment der Midlifekrise der Moderne. Sie gibt uns mindestens drei Enttäuschungen zu verdauen:

Enttäuschung 1: die Ambivalenz des Fortschritts. Vor Corona dachten wir, ein paar Feinschliffe noch (Vaterschaftsurlaub, Genderfinessen) – und wir sind über dem Berg. Wohlstand gesichert, Schicksal abgeschafft, Ende der Geschichte. Nun finden wir uns wieder am Berg, nicht auf dem Gipfel. Mögen aber nicht mehr klettern. Weil bald alles, was uns zuvor antrieb, zwiespältig erscheint: Mobilität landet im Stau, Freiheit im Dichtestress, Open Net in Desinformation. Wird der Fortschritt aufgefressen von seinen Kindern, den Kollateralschäden? Klima, Müllberge, Mikroplastik im Hirn, PFAS in Spermien, Cybercrime. Die KI wird ihren Erfindern bereits unheimlich.

Enttäuschung 2: die Sackgassen des Wohlstandes. Erwartet haben wir vom Wohlstand, dass er uns glücklich macht, zufrieden, behaglich. Dass der Reichtum der erworbenen Dinge auf unser Lebensgefühl abfärbt. Passiert aber nicht von selbst. Dafür oft das Gegenteil: innere Leere, weil das Lebensgefühl an Dinge ausgelagert wird. Eine Enttäuschung, die bei der jüngeren Generation durchschlägt – Kurzversion: «Reiche Länder, triste Jugend». Für Junge wird Wohlstand selbstverständlich, taugt daher nicht länger als Treiber, als «Rüebli vor der Nase». Auch wenn sie ungeniert weiter konsumieren, ist der Zauber weg. Im Zweifelsfall wird seelische Hygiene wichtiger. Setzt aber Wohlstand voraus, einstweilen.

Enttäuschung 3: das kulturelle Vakuum. Die Moderne ersetzt Gott durch Fortschritt. Damit wir auf eigene Faust glücklich werden. Wird nun dieser Fortschritt suspekt, bricht uns die Sinnstabilität weg. Wir sind rastlos auf der Suche nach Dingen und Belohnungen, unser Dasein mit Bedeutung zu füllen. Neues Auto? Tibet-Urlaub? Züri-Marathon? Gerade wenn es mal nicht gut läuft, zermartern wir unser Hirn, warum die Karriere kippt, die Liebe erkaltet. Gefangen im Tellerwäschernarrativ – du kannst, was du willst! –, sind wir an allem selber schuld. Auch am Unglück.

So viel zu meiner Vermutung. Drei Enttäuschungen im Kern unseres modernen Erwartungshaushalts. Reicht für eine Midlifekrise. Aber rechtfertigt sie schon eine lethargische Stimmung? Eine Krise ist ein Zwischenakt, keine Apokalypse. Wir könnten sie – statt als Problemberg – ebenso gut als Sprungbrett sehen. Als Einladung zum Handeln.

  1. Der Fortschritt ist ambivalent? Eben darum brauchen wir weiter Fortschritt. Über den bisherigen hinaus. Der passte in die einst «leere» Welt. Die ist jetzt ziemlich voll und braucht raffinierteren Fortschritt, smart, clean, cool. Könnte mit E-Mobilität beginnen, die müsste aber nach Futur und «Green Glamour» aussehen, nicht nach Verzicht. Noch besser: Magnetbahnen durchs Land. Gute Laune lebt von Aussichten, von Bildern einer Zukunft, auf die wir mit Appetit reagieren: Ja, die gefällt mir, da will ich hin, da zieh ich mit.
  2. Sackgassen des Wohlstands? Kann man ja meiden, am besten selbstironisch: Wie Kinder, die nie eine ganze Wurst auf dem Teller hatten, begehren wir eine ganze Wurst, zwei Würste, eine Wurstplatte. Mehr, mehr, mehr – zu komisch: Wer mit einer Wurst nicht froh wird, dem helfen keine weiteren Würste (Sushis, Kreuzfahrten, Villen). Also verzichten? Besser: Den Stolz auf die eigene Autarkie zurückgewinnen. Als Mensch statt als Hanswurst im Überflussbetrieb.
  3. Kulturelles Vakuum? Dann füllen wir es halt. Mit Poesie, mit Musik, mit Engagement. Was uns fertig macht, ist Banalisierung, nicht Entbehrung. Uns fehlt nichts – ausser Bedeutung, Beziehung, Verbundenheit. Insgeheim warten wir vermutlich darauf, der Tristesse der Selbstbesoffenheit zu entkommen. Eine aktive Rolle zu spielen als Teil eines grösseren Ganzen. Uns zu verlieren an etwas, das bedeutender ist als unser Ego.

Damit könnten wir gleich heute beginnen. Es gibt eine «Pflicht zur Zuversicht», sagte Immanuel Kant. Zuversicht ist nicht Optimismus. Der Optimismus glaubt, die Dinge würden sich schon irgendwie zum Guten wenden. So blauäugig ist die Zuversicht nicht. Sie ermutigt uns, so zu handeln, dass das Bessere eine Chance erhält.

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