Alexandra Janssen, zvg.

Ungleiche Ungleichheit

Die Einkommen sind sowohl in den USA wie auch in der Demokratischen Republik Kongo ungleich verteilt.

 

Die USA und die Demokratische Republik Kongo (DR ­Kongo oder COD) stehen in der Rangliste der Einkommens­ungleichheit, gemessen am ­Gini-Index, auf dem gleichen Platz. Beide weisen einen Wert von 0,4 aus. Das heisst, dass die 10 Prozent mit den höchsten Einkommen gleich viel verdienen wie die anderen 90 Prozent. Es ist aber offensichtlich, dass diese Gleichheit völlig ungleich ist und unterschiedliche Ursachen und ­Konsequenzen hat. Das zeigt nur schon ein Blick auf das durchschnittliche Pro-Kopf-Einkommen, das in den USA bei 65 000 US-Dollar pro Jahr liegt und in der COD bei rund 1000.

In der COD entsteht die Ungleichheit wohl durch eine räuberische Clique von Kriegsherren, die sich alles unter den Nagel reissen, was ihnen begegnet. In den USA dürften erfolgreiche Unternehmer, die mit ihren Produkten und Dienstleistungen den Geschmack der Konsumenten treffen, für die Ungleichheit verantwortlich sein. Einfach gesagt, kommt die Ungleichheit im ersten Fall von ­Diebstahl und unproduktiver Umverteilung, im zweiten von der Wertschöpfung am Markt, die Konsumenten und Produzenten besserstellt. Die erste Art der Ungleichheit führt zur Verarmung ganzer Länder, die zweite zu ­Wohlstand breiter Bevölkerungsgruppen.

Strebt man eine freie Gesellschaft selbstbestimmter Menschen an, kann man aus diesem Vergleich drei Dinge folgern: Wir sollten erstens die Ungleichheit, die ­durch freie Märkte entsteht, akzeptieren; nur sie schaffen Wohlstand. Zweitens sollten wir gute Rahmenbedingungen für freie Märkte schaffen. Insbesondere sind Beschränkungen des Wettbewerbs, die oft nur der Korruption und ­Vetternwirtschaft dienen, zu bekämpfen. Und schliesslich brauchen wir drittens Chancengleichheit, damit ­jeder – als Unternehmer oder als Mitarbeiter – zu diesem Wohlstand beitragen und davon profitieren kann. Dazu brauchen wir ein gutes, durchlässiges Bildungssystem und gute Rahmenbedingungen für das Entstehen und ­Bestehen von Unternehmen. Dann entsteht zwar auch Ungleichheit, vor allem aber breiter Wohlstand.

«Der beste Journalismus ist der,
den man liest, obwohl einen das Thema bis dahin gar nicht interessiert hat.
Beim MONAT passiert mir das ständig.»
Niko Stoifberg, Schriftsteller und Redaktor bei «getAbstract», über den «Schweizer Monat»