Ungarn im Schnellkurs

György Dalos schreibt die Geschichte seines Landes

«Obwohl ich über ein Diplom als Historiker verfüge, bin ich kein Wissenschaftler, sondern Schriftsteller.» Mit diesem Satz beginnt György Dalos, 1943 in Budapest geboren und heute in Berlin lebend, seine kleine und durchaus persönliche Geschichte seines Heimatlandes. Geschichte scheint den gefragten Publizisten und originellen Schriftsteller, der unter anderem Träger des renommierten Adelbert-von-Chamisso-Preises ist, schon immer beschäftigt zu haben – schon allein deshalb, weil er und viele seiner Generation massiv unter ihr zu leiden hatten. Ausserdem sei Geschichte «ein unerschöpfliches Märchen, das nie langweilig wird», und nicht zuletzt hat Dalos wie viele Ungarn ein erhöhtes Bedürfnis, dem Rest der Welt das kleine Land zu erklären und näherzubringen. Das versucht er hier, indem er die gut tausend Jahre ungarischer Geschichte als «kollektive Biografie» eines von manchen Vorurteilen umstellten Volkes erzählt, das im heutigen Europa auf grosse Sympathie stösst, einst jedoch eher mit Furcht und Schrecken assoziiert wurde.

Das erste Kapitel ist denn auch mit «Blutige Anfänge» überschrieben, und allein die Zeugnisse von der Belagerung St. Gallens (926) oder der Schlacht auf dem Lechfeld bei Augsburg (955) rechtfertigen den Titel allemal. Leider lässt der Zwang zur knappen Darstellung wenig Raum für Episches, und so galoppiert der Leser – den gefürchteten Reiterhorden gleich – oft im Sauseschritt durch das stets in seinen gesamteuropäisch-christlichen Bezügen geschilderte ungarische Mittelalter. Manches daran mag verwirren, bisweilen liest es sich auch etwas zäh, und über vielleicht nicht zentrale, aber doch folgenreiche Aspekte des Themas, wie zum Beispiel «Ungarn als Reiseziel im Mittelalter» oder die Wirkung des Mongolensturms von 1241/42 auf die Volksseele, hätte man gerne mehr erfahren. Dass György Dalos Schriftsteller ist, kann er selbst in dieser engen Nussschale nicht verbergen – es wird nicht allein durch seinen angenehm ruhigen Erzählduktus deutlich, sondern auch dadurch, dass seine Vorliebe für Kulturhistorie und Literaturgeschichte immer wieder durchscheint. Gelehrte und Poeten trifft man auch im zweiten Kapitel, das «Fremdherrschaften» heisst. Ungarn, zersplittert und mehrfach geteilt, wurde im frühen 16. Jahrhundert Teil des Osmanischen Reichs, später kamen bekanntlich die Habsburger, und dann sind wir auch schon im Jahr 1867, in dem das Land zumindest innenpolitisch ein selbständiger europäischer Staat wurde – und ein durch seine reiche und vielfältige Nationalkultur mit einer für jeden Nicht-Ungarn höchst befremdlichen Sprache auch selbstbewusst gewordener Staat. Den Prozess der Herausbildung einer originären Nation weiss Dalos spannend zu schildern. Der dritte Teil «Zwischen Krieg und Frieden«, der auch die ungarischen Spielarten des Faschismus kenntnisreich erörtert, reicht bis zu den Katastrophen des Zweiten Weltkriegs und des Holocaust. Der detailreiche letzte Abschnitt behandelt «Ungarn in der Nachkriegszeit«, wobei der Umwandlungsprozess zur Volksrepublik und der Aufstand von 1956 sowie die bewusst miterlebten Zeiten des «Gulaschkommunismus» und des Systemwechsels ab 1989 bis hin zur EU-Vollmitgliedschaft eindrucksvoll in Szene gesetzt werden. Hier ist der Autor in seinem ureigensten Element, und hier gewinnt sein Werk an Schwung und Engagement. Schade, dass seine Nussschale so eng ist! Hat man das anregende Buch zu Ende gelesen, wünscht man sich von György Dalos nicht noch mehr Fakten, sondern vielleicht einen die Geschichte als Basis und Material ästhetisch nutzenden, spannenden und lehrreichen Ungarn-Roman.

György Dalos, «Ungarn in der Nussschale. Geschichte meines Landes». C.H. Beck, München 2004.

Klaus Hübner, geboren 1953 in Landshut, promovierte in Germanistik und lebt als Publizist und Redaktor der Zeitschrift «Fachdienst Germanistik» in München.

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