Unerhörte Ereignisse, ohne Wendung

Unerhörte Ereignisse, ohne Wendung

Drei Monate soll Helen, eine junge Künstlerin, auf dem Grundstück eines reichen, aber sozial deformierten und mit allerlei eklatanten Defekten behafteten Sammlers verbringen, um diesen zu portraitieren. Eine Atmosphäre des Unguten und schliesslich Bedrohlichen erwartet die junge Frau, deren Kindheit von Armut geprägt war.

Zoe Jennys Roman reisst die Leser von Beginn an in einen Sog der Spannung, der aus einer Reihe von Geheimnissen, Tiersymbolen, unheimlichen räumlichen Verhältnissen und dem abnormen Verhalten des Auftraggebers zu resultieren scheint. Doch das eigentliche Grauen entstammt nicht der Abfolge unerhörter Ereignisse, denen die junge Frau – ihrer Freiheit beraubt wie der einst von ihr gezeichnete Kondor im Zoo – ausgesetzt ist. Sie ist über alles Erträgliche hinaus duldsam, macht abwartend alles mit, was geschieht, verschweigt am Telefon, der einzigen Verbindung zur Aussenwelt, ohne ersichtlichen Grund die Wahrheit über ihre Umgebung und ihr Befinden. Selbst als ihr bei einer schmerzhaften Verletzung nicht geholfen wird und man sie bei einem Versuch der Flucht am Flugplatz zurückhält, scheint sie nicht wirklich gegen das ihr Widerfahrende aufzubegehren, sich nicht wirklich um eine Wendung des Geschehens zu eigenen Gunsten zu bemühen. Die Erwartung eines unmittelbaren Durchbruchs zu Untergang oder Rettung wird im Leser aufgebaut, wieder und wieder, und verpufft, wieder und wieder, an der Indifferenz der Protagonistin gegenüber allem ausser der Kunst, dem einzigen Gebiet, das sie im Leben für sich erobern konnte und durfte. Das pathologische Verhalten des Sammlers «R.», der ihr besitzergreifend, dominant und zugleich manchmal servil und anhänglich begegnet, während sie ihn – ebenso passend wie unplausibel – zusammen mit einem Affenkopf portraitiert, scheint Helen letztlich nicht so zuzusetzen wie ihr Bedürfnis, Leere um sich zu haben und sich in ihrer Arbeit auszulöschen wie die kalte Kerze auf dem Bild in ihrem Zimmer.

Zoe Jenny gelingt es, ein literarisches Kunstwerk herzustellen, das Leseerwartungen benutzt und durch minimale Verschiebungen zugleich enttäuscht und erfüllt. Nicht eine dramatische Zuspitzung der spannenden Handlung, sondern das Verstreichen der Zeit im Raum – weiss wie eine Leinwand und leergeräumt wie das Puppenhaus in Helens Kindheit; das atemraubende Thema des Romans «Das Portrait».

vorgestellt von Sabine Kulenkampff, Erlangen

Zoe Jenny: «Das Porträt». Frankfurt a. M.: Frankfurter Verlagsanstalt, 2007.

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