Unendlicher Tausch

Menschen tauschen Ideen, Waren, Energien, Informationen und brauchen einen Tauschplatz – den Markt. Dennoch haben viele eine tiefsitzende Angst vor ihm. Hier kann mehr Gelassenheit im Umgang mit dem unkontrollierbaren Unendlichen helfen.

Ein Gespenst ging um in Europa – das Gespenst des Sozialismus. Nur in der «dritten Welt» Europas sind noch sozialistische Scheingefechte im Gang, in Spanien und in Italien. Wobei ein kleiner, aber entscheidender Unterschied zu beachten ist: Spanien ist ein Land auf dem Weg des Fortschritts (seit dem Ende der Franco-Diktatur geht es aufwärts), während Italien den Rückwärtsweg eingeschlagen hat, wahrscheinlich wegen der anhaltenden Sehnsucht nach einem Sozialismus Craxischer Prägung, einem Mix aus Idealen, Geschäften und Korruption. Wird nun, da die Sozialisten an der Macht sind, Spanien ebenso enden wie Italien? Ich hoffe nicht. Aber ich bin kein Wahrsager. Und ich bin auch kein Historiker, der von der Vergangenheit auf die Zukunft schliesst. Als Mathematiker und Psychoanalytiker befasse ich mich eher mit der Gegenwart, mit Fragen der Struktur und der Synchronie. In diesem Beitrag beschränke ich mich deshalb auf strukturelle Überlegungen zum Wesen des Tausches zwischen Menschen und zum Ort, an dem er stattfindet.

Die Wissenschaft hat nicht viel zu sagen über den menschlichen Tausch und ebenso wenig über die elementare und natürliche Form desselben, den sexuellen Tausch. Warum beginnen wir überhaupt – und warum so spät – Sex zu haben in den drei oder mehr Milliarden Jahren irdischen Lebens? Der Sex stellt keinen selektiven Vorteil dar. Warum wurde er dennoch von der Evolution ausgewählt? Die Wissenschaft schweigt erhaben, wie Platon sagen würde. In elementaren Fragen ist die Wissenschaft unwissend, wieviel sie auch sonst wissen mag. Sie weiss beispielsweise, dass das kopulierende Tier verletzlich, um nicht zu sagen in Lebensgefahr ist. Es kann sich kaum verteidigen, wenn es angegriffen wird. Überdies weiss sie, dass der Sex für das Individuum einen Verlust genetischen Materials bedeutet: die Hälfte der Gene gehen nicht vom Vater auf das Kind über. Von den Sexualkrankheiten ganz zu schweigen. Zieht man nur die individuelle Ebene in Betracht, könnte es also scheinen, als gereichte der Sex ausschliesslich den asexuellen Lebewesen – den Viren und Bakterien – zum Vorteil, diesen Parasiten, die sich fortpflanzen, derweil sich ihre Wirte im Sexualverkehr verausgaben.

Und dennoch, für das Kollektiv ist der Sex ein unschätzbarer Vorteil. Der materielle Austausch der Gene der Eltern geschieht im Kind, wo sich die Hälfte des väterlichen Erbguts zwar verliert, aber durch die Hälfte des mütterlichen Erbguts kompensiert wird – und vice versa. Dies erzeugt die Diversität zwischen den Individuen, die nie gänzlich einem der beiden Elternteile gleichen. Man weiss, dass die Diversität der Motor der biologischen und kulturellen Evolution ist. Dank der Variabilität probiert die Evolution immer neue Kombinationen des Überlebens und der Entwicklung aus. Einige sind unfruchtbar und überleben nicht, andere sind fruchtbar und bringen interessante Neuerungen für das Kollektiv hervor. Es lebe also der sexuelle Austausch (auch wenn er uns Individuen wenig Vorteile und viele Unannehmlichkeiten bringt). Oder noch allgemeiner formuliert: Es lebe der Tausch!

Ein Autor, der aus dem Tausch den Mittelpunkt seines ökonomischen und moralischen Nachdenkens machte, war der britische Sozialphilosoph Adam Smith. Es ist schwierig, seine Ausführungen – sowohl in literarischer als auch in philosophischer Hinsicht – zu übertreffen. Deshalb seien hier einige Sätze zitiert: «Nicht von dem Wohlwollen des Fleischers, Brauers oder Bäckers erwarten wir unsere Mahlzeit, sondern von ihrer Bedachtnahme auf ihr eigenes Interesse. Wir wenden uns nicht an ihre Humanität, sondern an ihren Egoismus, und sprechen ihnen nie von unseren Bedürfnissen, sondern von ihren Vorteilen. Nur ein Bettler will am liebsten ganz von dem Wohlwollen seiner Mitbürger abhängen» («Der Wohlstand der Nationen», erstes Buch, zweites Kapitel, 1776).

Aus dieser Passage möchte ich eine Lehre ziehen: wer im Namen irgendeiner Form sozialer Gerechtigkeit – beispielsweise der «gerechten Umverteilung» der Einkommen – den Tausch unterdrücken will,…

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