Undogmatischer Hoffnungsglaube

Als Theologe macht man gelegentlich die Erfahrung, dass religionskritische Gesprächspartner anregender sind als solche, die sich als Gläubige bezeichnen. Zweifler, Skeptiker, Agnostiker oder Atheisten fordern heraus und zwingen dazu, sich selbst in Frage zu stellen und das Christentum aus der Aussenperspektive zu betrachten. Das bereichert und hält lebendig.

So steht es auch mit dem Aargauer Robert Mächler (1909–1996), während Jahren Journalist beim «Bund» und beim «Badener Tagblatt». Bekannt wurde er als Robert-Walser-Forscher und Autor einer unentbehrlichen Walser-Biographie. Seine übrigen Schriften sind nach wie vor eher ein Geheimtip. Ein treuer Freundeskreis kümmert sich heute um seinen riesigen Nachlass, aus dem seit seinem Tod viel beinahe oder ganz Verschollenes neu herausgegeben worden ist.

Der hier anzuzeigende Auswahlband, nicht nur mit Briefen Mächlers selbst, sondern auch seiner Korrespondenten, dokumentiert ein Beziehungsnetz, das seinesgleichen sucht. Offensichtlich gelang es ihm, die Anteilnahme vieler zu wecken; um nur wenige zu nennen: Thomas Mann, Hermann Hesse, Leonhard Ragaz, Hermann Levin Goldschmidt, Karl Barth, Kurt Marti, Walter Robert Corti, Eduard Stäuble, Adolf Muschg und Arnold Künzli. Eine zentrale Bedeutung für Mächler hatte der Religionskritiker Karlheinz Deschner, dessen «Kriminalgeschichte des Christentums» einer der Auslöser dafür war, dass er 1963 aus der Kirche austrat. Während längerer Zeit hatte Mächler vorher Karl Barth nahegestanden, in dem er so etwas wie eine Vaterfigur sah.

Ein grosser Teil der hier edierten Briefe ist religionsphilosophisch orientiert. Es wird um die Gottesfrage gerungen. Der traditionelle Glaube war Mächler abhandengekommen. Und doch schreibt er: «Trotz der manchmal als erdrückend empfundenen Argumente gegen den Gottesglauben» habe er ihm «nie ganz abgesagt». Zu lebhaft sei sein Bedürfnis, «an Wert und Sinn und an deren Ursprung im Weltgrund zu glauben». Die «Entstehung sinnbedürftigen Menschengeistes aus geist- und sinnlosem Atomgewimmel» halte er «für unwahrscheinlich». «Gültige Sinngebung» müsse aber trotzdem «wohl von einem irgendwie übernatürlichen, weltüberlegenen, ‹jenseitigen› Geist» herkommen. Wer sich «als Agnostiker der unüberwindlichen Denkschwierigkeiten der Gottesfrage» bewusst sei, dem sei es freilich unmöglich, sich zu einer «lehrmässigen Religion» zu bekennen.

Und so schreibt Mächler in immer neuen Variationen von seinem existentiellen «Sinnbedürfnis». Er möchte an einem «undogmatischen Hoffnungsglauben» festhalten, da er nur so den Kopf über Wasser halten könne, und beschreibt ihn als «undogmatisch-religiösen, in moralibus christlich, besser gesagt jesuanisch getönten Agnostizismus». Mit dem prominenten «Freidenker» Adolf Boss-hart überwarf er sich. Dessen Intoleranz – mit der dieser sich etwa weigerte, in der von ihm herausgegebenen Zeitschrift auch Pantheisten zu Wort kommen zu lassen – war ihm zu dogmatisch.

Wer sich für das Geistesleben der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts interessiert, greife nach diesem Buch. Die Herausgeberin Gabriele Röwer traf nicht nur eine gute Auswahl, sondern sie trägt mit ihren kenntnisreichen Einleitungen und den gelehrten Anmerkungen Entscheidendes dazu bei, dass sich das Buch fast wie ein Roman liest. Wo ich ihre Angaben nachprüfen konnte, etwa bei Karl Barth, sind die von ihr mit Akribie gesammelten Informationen zuverlässig und hilfreich.

Gabriele Röwer (Hrsg.): «‹Arme Teufel sind wir alle…›. Briefe von und an Robert Mächler über Gott und die Welt.» Bern: Haupt, 2010

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Monique Bär, Philanthropin und Gründerin der Arcas Foundation,
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