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Und wir verloren die Sprache…

Schriftsteller im Exil Die Sprache ist Bestandteil der kulturellen Identität. Autoren im Exil wird dies oft schmerzlich bewusst. Das Erlebnis des Fremdseins kann die Produktivität lähmen oder anregen. Nur bei Wenigen hat es auch zu einer Neudefinition der Identität geführt.

Unsere Muttersprache ist uns so selbstverständlich, dass wir sie als einen Teil von uns – als ein Stück Identität empfinden. Demnach müssten exilierte Autoren nach der Trennung von Heimatland und Sprachraum, so würde man annehmen, eine besonders enge Beziehung zur eigenen Sprache haben. Denn nach dem Verlust von Beruf, Heimat und Familie bleibt sie ihnen als letzter Bezug zu ihrem Leben vor dem Exil. Die Muttersprache würde, sozusagen, die letzte Heimat für Unbehauste darstellen. Doch die Wirklichkeit scheint anders zu funktionieren. Exilierte Schriftsteller entwickeln oft, bedingt durch die Auflösung ihrer Identität, ein ambivalentes Verhältnis zur eigenen Sprache. In dieser Hinsicht haben es Exilanten schwerer als Migranten, bei denen kein existentieller Zwang zum Verlassen ihrer Heimat besteht.

Sprache ist Garant und Ausdruck von Identität. Ihre schleichende Auflösung wirkt bei exilierten Schriftstellern umso gravierender in Gesellschaften, in denen soziales Prestige und ein hohes Mass an Integration und Anerkennung einen wichtigen Bestandteil im Selbstverständnis der Schriftsteller darstellen, wie in den deutschsprachigen Ländern oder etwa in Frankreich. Im Exil spiegelt die Muttersprache die Brüchigkeit ihrer Existenz in der Diaspora und die Auflösung ihrer kulturellen Identität wider. Durch die sprachliche Auseinandersetzung mit ihr kann aber auch das Exil anders erlebt werden – nicht als unentrinnbares Schicksal, sondern als Aussicht auf ein besseres Dasein und als Friedenschliessen mit einem «Sosein». Deutschsprachige Schriftsteller im 20. Jahrhundert haben auf den Vorgang der Sprach-Usurpation, diesem unterschiedlichen Exil-Verständnis entsprechend, äusserst vielfältig reagiert.

Versuch der Mehrsprachigkeit

Eine scheinbar geglückte Anpassung an die Herausforderung des Exils stellt die Haltung der Mehrsprachigkeit des deutschen Schriftstellers Klaus Mann dar. Er unternahm den Versuch, sich eine neue sprachliche Identität anzueignen, ohne die alte abzulegen. Dieses Vorhaben war nicht zwangsläufig und hatte nicht notwendig Identitätsverlust oder sprachliche Verarmung zur Folge. Klaus Mann versuchte, seit seinem Exil in den USA, sich in englischer Sprache eine neue sprachliche und künstlerische Identität aufzubauen, wie seine Autobiographie «The Turning Point» und das Zeitschriftprojekt «Decisio» belegen. Und er fand Gefallen daran: «Das Vergnügen, englisch zu schreiben. Experimentieren mit dem fremden Idiom – da man das eigene bis in alle Nuancen beherrscht…» Die literarische Entwicklung anderer, nicht deutschsprachiger Exilautoren, wie des polnischen Autors Joseph Conrad oder des russischen Schriftstellers Vladimir Nabokov – beide Englisch publizierend – zeigt, dass der Aufbau einer neuen sprachlichen Identität als Reaktion auf die Herausforderung des Exils keineswegs eine deutsche Spezialität darstellt und nicht zwangsläufig sprachlichen Kompetenzverlust mit sich bringen muss.

Sprachverstörung im Exil

Trotz dem Druck der amerikanischen Öffentlichkeit der 40er Jahre, für die beide Parteien der «querelle allemande» – d.h. das Dritte Reich und die exilierten Autoren – politisch suspekt waren, mochte Klaus Mann sein europäisch geprägtes künstlerisches Selbstverständnis nicht vollständig abstreifen. Letzlich scheiterte sein Versuch, in der neuen künstlerischen, englischsprachigen Identität aufzugehen, um die Isolation in der Emigration zu überwinden. Zudem war es für ihn unmöglich, in der Gesellschaft Nachkriegsdeutschlands Fuss zu fassen. Beides führte zur Selbstaufgabe Klaus Manns und letzten Endes zu seinem Freitod 1948.

Andere Autoren reagierten auf die Auflösung der kulturellen Identität durch das Exil mit einer Sprachverstörung, die sich bei dem einen als produktiv, bei dem anderen als lähmend erwies. Insbesondere die Erfahrung der Sprachpervertierung und der ideologischen Durchdringung der Sprache nach der Machtergreifung durch die Nazionalsozialisten liess die Autoren zunächst vielfach verstummen und sie dann – zeitversetzt – ihre Verstörung sprachlich reflektieren. Paul Celans Dichtung ist Ausdruck einer solchen exilinduzierten Sprachverstörung. Der 1920 in der ehemals rumänischen Bukowina geborene Jude erlebte, wie seine Eltern 1942 im KZ interniert wurden und dort umkamen. Der Dichter selbst wurde zwischen 1942 und 1944 zu Strassenarbeiten in einem jüdischen Bataillon gezwungen. Die Erfahrung der erzwungenen Aufgabe seiner Identität und der Isolation spiegeln sich in seiner hermetischen Lyrik wider. Sie verwehrt sich den Normen der Verständlichkeit und Kommunikabilität. Der offene Ausgang der Sinnsuche in ihr, aber auch die Perplexität und divergierende Deutungen, die seine Gedichte bieten, offenbaren die tiefe Sprachskepsis des Autors und sind Symptom für eine Wirklichkeit, die brüchig geworden ist. Wie der Autor in seiner «Bremer Rede» es ausdrückte: «Erreichbar, nah und unverloren blieb inmitten der Verluste dies eine: die Sprache… Aber sie musste nun hindurchgehen durch ihre eigenen Antwortlosigkeiten, hindurchgehen durch furchtbares Verstummen, hindurchgehen durch die tausend Finsternisse todbringender Rede.»

Sprachlosigkeit als Symptom

Aber das politisch motivierte Exil muss Schriftsteller nicht zwingend zu Sprachaporien führen. Es kann auch einen Impuls für eine Erneuerung, für eine kulturelle Neudefinition der eigenen Identität in einem veränderten Kontext darstellen. Ein Beispiel einer solchen schriftstellerischen Haltung ist Heinrich Mann. Für den im französischen und U.S.-amerikanischen Exil lebenden Autor wurde der politische Kampf literarische Mission. In der Reflexion über eine Literatur, die fähig wäre, wirksam das Hitler-Regime ausserhalb des Dritten Reiches zu bekämpfen, kam der führende Intellektuelle im Exil zu der Schlussfolgerung, dass «die sprachliche Geschlossenheit (…) – für das innere Gehör – nicht mehr richtig in dieser Zeit des entschlossenen Internationalismus ist.» Die Einflussnahme auf die Öffentlichkeit der Gastländer erforderte die Auseinandersetzung mit der neuen Sprache. Diese fand ihren Niederschlag nicht nur in seiner journalistischen Tätigkeit in französischer Sprache, z.B. für die Zeitung «La Dépêche de Toulouse», sondern auch in zahlreichen Polyglottismen in seinem Werk, insbesondere in seinen letzten in den USA geschriebenen Bilanz-Romanen «Der Atem» und «Empfang bei der Welt».

Eine der häufigsten Folgen des Exils indes ist Sprachlosigkeit als Folge von Identitätsverlust. Der Mangel an Publikationsmöglichkeiten und das Fehlen einer breiten Öffentlichkeit entzieht dem schriftstellerischen Schaffen gleichsam den Boden unter den Füssen und verstärkt die exilbedingte schöpferische Abstinenz bei Schriftstellern. Prominentes Beispiel der Verstummung infolge des bewusst gewählten Exils ist Kurt Tucholsky. Der scharfzüngige Publizist und Literat veröffentlichte ab 1929 aus seinem schwedischen Rückzugsort nahe Göteborg immer weniger Texte, den letzten kurz vor der Machtergreifung Hitlers in Januar 1933. Diese Sprachlosigkeit ist ein Symptom für den Verlust von Öffentlichkeit in der literarischen Kommunikation im Exil und für den Entfremdungsprozess des Autors.

Seine letzten Beiträge, erschienen unter der Rubrik «Schnipsel» in der Berliner Zeitschrift «Weltbühne» von 1929 bis 1933, dokumentieren die schleichende Veränderung in Tucholskys politischem und kreativem Selbstverständnis. Die Aufgabe seiner ehemaligen aufklärerischen Position, bis zu seinem Freitod in Dezember 1935, korreliert mit dem sprachlich umgesetzten Verzicht auf das Schaffen einer Öffentlichkeit im Exil und damit auf Kommunikation. Auch wenn Tucholsky nach wie vor für sich geschrieben hat, publizieren wollte er, der «aufgehörte Schriftsteller und aufgehörte Deutsche», seine Werke nicht mehr. Der Autor verbot sich die Möglichkeit der Kompensation, die andere deutschsprachige Schriftsteller mit dem Aufbau einer Ersatzöffentlichkeit im Exil betrieben. Sein Fazit über die Chancen einer Literatur im Exil lautete: «Die Welt, für die wir gearbeitet haben und der wir gehörten, existiert nicht mehr.»

Sprache ist Ausdruck kultureller Identität. Exilierte Autoren vollziehen einen Prozess der Bewusstwerdung der eigenen Identität, die andere Autoren, die die eigenen Landesgrenzen nicht von aussen kennen, nicht im selben Masse durchlaufen. Nur bei wenigen Autoren entfaltet dieses neuerlangte Bewusstsein und seine sprachliche Reflexion im Exil eine literarische Produktivität und kann einen Beitrag zur Neudefinition ihrer kultuellen Identität leisten.

1 Klaus Mann, Tagebücher 1938-1939, Eintrag 6.VII. 1939, S. 118.

2 Heinrich Mann – F.C. Weiskopf, Briefwechsel, Neue Deutsche Literatur (ndl),

Nr, 11, 1982, S. 37.

3 Kurt Tucholsky, Ausgewählte Briefe 1913-1935, hrsg, von Mary Gerold-Tucholsky und Fritz J. Raddatz, Hamburg 1962, S. 293.

Lucía I. Camarena, 1964 in Spanien geboren, hat an der Universidad de Valencia in Germanistik promoviert. Sie lebt in München.

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