Und weg war er

«Der Mann schläft» – das wäre eine Utopie, wäre nicht schon dieses Wort zu gross für das Gemeinte. Dass es einen gab, der ruhig atmete, der einfach da war und Gelassenheit vermittelte, das war das Glück der Erzählerin in Sibylle Bergs neuem Roman. Man könnte es Liebe nennen, stünde nicht dieses Wort für eine Leidenschaft, an die in diesem Buch nicht mehr geglaubt wird – für grosse Gefühle, fürs Sich-die-Kleider-vom-Leibe-Reissen, für Gestammel und unerfüllbare Hoffnungen. Der schlafende Mann dagegen war auch im Wachen ein Mann, mit dem die Frau nicht das Tiefste aussprechen musste, um sich dann doch bei der gewohnten Floskel, beim Flachsten zu ertappen. Er verstand, ohne gross Worte zu machen oder welche zu verlangen. Dass er da war, weckte nur die eine Angst: dass er eines Tages weg sein könnte.

Und eines Tages ist er weg. Während eines Urlaubs auf einer südchinesischen Insel will er nur auf zwei, drei Stunden mit der Fähre in die Grossstadt Hongkong übersetzen und kehrt nicht zurück. Die verlassene Frau erzählt nun auf zwei Zeitebenen. «Damals» schildert die Vorgeschichte, von der Desillusionierung, für jüngere Männer nur noch als kurzfristige Bettgefährtin und bald auch als das nicht mehr zu taugen, über Isolation und das erste Kennenlernen des Mannes bis hin zu jenem fast paradiesischen Verständnis; bis hin aber auch zur neuerlichen Einsamkeit und zur verzweifelten Suche in der Metropole.

«Heute» dagegen beginnt im Stadium der Resignation – mit dem Versuch, durch einen stets wiederholten Tagesablauf auf der Insel den Verlust zu ertragen – und führt zur katastrophalen Integration in eine chinesische Katastrophen-Familie, bis am Ende eine überraschende Wendung die Ungewissheiten vervielfältigt.

Das ist ungefähr die ganze Handlung für dreihundert Seiten, ein paar Kleinigkeiten beiseitegelassen. Verglichen mit den vorangehenden Büchern Bergs – der nur durch einen überraschenden Schwenk milde endenden Apokalypse «Ende gut» und dem viele Einzelschicksale kunstvoll verknüpfenden Reiseroman «Die Fahrt» – ist die Anlage simpel. Weder muss man sich mühevoll orientieren, noch lässt Berg einen Zweifel daran, dass die Aussagen der Erzählerin auch die ihren sind. Die Leser ihrer Romane und Kolumnen kennen diese Weltsicht schon lange. Der Mensch ist ein klägliches Wesen, das sich meist zu wichtig nimmt. Nur in seltenen Glücksfällen lernt er, richtig zu leben, und selbst das meist zu spät. Das Jämmerliche ist der Regelfall, und nur, wer dies akzeptiert, kann es vielleicht mit einer akzeptablen Haltung ertragen.

Natürlich lässt sich so nicht leben. Man muss verbessern oder doch wenigstens die Illusion haben, man verbessere – zum Beispiel indem man kunstvoll Romane über die Nichtswürdigkeit allen Tuns formuliert. Die Schilderung des Kümmerlichen liest sich dann etwa so: «Beim Contest glamouröser Situationen würde die unsere den letzten Platz belegen, hinter dem Schäferhund, der gelähmt ist und seine Hinterläufe in einem Wägelchen nach sich zieht.» Es handelt sich um einen Humor, der häufig im Bereich des Niedlich-Grotesken angesiedelt ist, der noch das Peinlichste mit einer gewissen Eleganz präsentiert.

Die Abwesenheit von Glamour ist das päda-gogische Zentrum dieses Buchs. Berg zielt auf keinen Nihilismus, sondern das scheinbar Nihilistische in ihrem Schreiben soll bessere Menschen machen. Sie hat dieses Programm in anderen Büchern kunstvoller ausgebreitet, auch spannender, nie aber liebevoller. Wenn auch manche Wiederholung in «Der Mann schläft» ärgert – gleichwohl berührt das Sorgsame, mit dem Berg uns all ihre schwachen Figuren nahebringt.

vorgestellt von Kai Köhler, Berlin

Sibylle Berg: «Der Mann schläft». Roman. München: Hanser, 2009

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