…und Rainer Maria Rilke sich Geld leiht

«Begegnungen waren seine Lektüren stets», bemerkte Carl J. Burckhardt bei Gelegenheit über seinen Freund Hugo von Hofmannsthal. Das traf auch auf ihn zu, den gelehrten Diplomaten und homme de lettres aus Basel, das Idealbild eines Botschafters aus anderer Zeit. Aber auch was und wie Burckhardt schrieb, kann bis heute Begegnungen vermitteln, und zwar mit jenen, […]

«Begegnungen waren seine Lektüren stets», bemerkte Carl J. Burckhardt bei Gelegenheit über seinen Freund Hugo von Hofmannsthal. Das traf auch auf ihn zu, den gelehrten Diplomaten und homme de lettres aus Basel, das Idealbild eines Botschafters aus anderer Zeit. Aber auch was und wie Burckhardt schrieb, kann bis heute Begegnungen vermitteln, und zwar mit jenen, die er so einzigartig zu schildern verstand, im vorliegenden Falle Rilke und Hofmannsthal, die in Burckhardts Darstellung uns bei der Lektüre geradezu plastisch entgegentreten.

Wir sind dabei, wie Burckhardt in einem Pariser Friseursalon nahe der Madeleine Rilke begegnet und wie er diesem aus einer Verlegenheit hilft, weil der Dichter seine Brieftasche im Hotel hatte liegen lassen; sind dabei, als die beiden vor einem Blumengeschäft stehen, um gleich darauf in der Nähe des Odeon-Theaters ein Antiquariat zu betreten, über Ronsard und La Fontaine sprechen sowie über Johann Peter Hebel und dessen 1889 übersetzte «Poésies complètes». In diesem Hebel-Jahr liesse sich eigentlich keine schönere Würdigung dieses alemannischen Barden aus Basel denken als diese fünf Burckhardtschen Seiten Erinnerung an Rilkes Gespräch mit dem Pariser Buchhändler und einem Bibliothekar.

Wir werden auch Zaungast, als Burckhardt als Gesandtschaftsattaché in Wien Hofmannsthal begegnet, und zwar im Spätsommer 1918, als «das altehrwürdige Habsburgerreich in allen Fugen krachte» und Wien elend darbte; als er den Dichter in seinem Refugium vor der Zeit in Rodaun aufsucht und dieser ihm aus dem fünften Akt von Goethes «Egmont» vorliest.

Gut, auch wieder die von Burckhardt ausgewählten, an ihn gerichteten Briefstücke Hofmannsthals zu sehen und einfach so zu tun, als kennte man die inzwischen längst vorliegende Ausgabe dieses Briefwechsels noch nicht. «Der Contact mit Ihnen», so lesen wir in einem dieser Brieffragmente Hofmannsthals, «wie mit jeder bedeutenden neuen Figur (bedeutend auch durch ihren Hintergrund) macht mich vieles neu sehen. Das ist der Sinn der Contemporanität …».

Erstmals war dieses Bändchen in dieser Gestalt im Jahre 1943 erschienen und seither nicht mehr. Damals wollten diese Kulturimpressionen Leuchtzeichen in grausiger, in dunkelster Zeit sein. Heute erinnern sie daran, was bestimmte Kulturwerte einmal gewesen sind. Dem Verlag sei Dank für dieses funkelnde, weil sprachlich so geschliffene, den Leser heiter-melancholisch stimmende Fundstück.

Carl Jacob Burckhardt: «Erinnerungen an Rilke und Hofmannsthal». Basel: Schwabe, 2009

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Dominik Imseng,
Managing Partner bei smartcut consulting,
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