Und plötzlich sprach das Volk
Martin Gurri / laif

Und plötzlich sprach das Volk

Die Digitalrevolution der Medien hat das Verhältnis der Bevölkerung zu den traditionellen Autoritäten zerrüttet. Um die Demokratie zu retten, muss es wiederhergestellt werden.

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Die repräsentative Demokratie kam im 20. Jahrhundert von mehreren Seiten unter Beschuss: Krieg, Wirtschaftskrisen und die Anziehungskraft konkurrierender Systeme. Die Demo­kratie des 21. Jahrhunderts hingegen sieht sich mit einer neuen, unvorhergesehenen Bedrohung konfrontiert. Diese kommt aus dem Innern des Systems: eine Autoritätskrise, die nicht nur ­demokratische Regierungen, sondern alle grossen Institutionen betrifft, in denen das Leben der Moderne organisiert ist.

Unter Autorität verstehen wir das Vermögen, Akzeptanz und Gehorsam bei anderen hervorzurufen, ohne mit roher Gewalt drohen zu müssen. Lehrer und Priester müssen Autorität besitzen, während ein Polizist stets zum Schlagstock greifen kann. Da es Autorität ist, die in Demokratien die gesellschaftlichen und politischen Verhältnisse zusammenhält, wäre ihr Zerfall offensichtlich eine Katastrophe. Doch Autorität ist ebenso unverzichtbar bei der Informationsübertragung. «Wahrheit» ist kein platonisches Wesen und auch kein Geschenk der Wissenschaft. Stattdessen ist Wahrheit das, was jemand sagt, dessen Autorität wir respektieren. Wie die Pandemie gezeigt hat, kann dieser Respekt den Behauptungen von Wissenschaftern und Experten durchaus vorenthalten werden. Eine Autoritätskrise führt zwingend zu einer Krise der Gewissheit und zu einem Zerfall des Wahrheitsbegriffs.

Triumph des Sektierertums

Damals, im 20. Jahrhundert, beobachtete ich als junger CIA-Analyst die weltweiten Medien. Meine Aufgabe war einfach, die Informationsmenge war übersichtlich. Dann, um die Jahrtausendwende, ging plötzlich alles kopfüber. Das digitale Erdbeben liess einen Tsunami an Information über die Menschheit hereinbrechen, wie es die Welt noch nie gesehen hatte. Laut Forschern der University of California, Berkeley, wurde im Jahr 2001 doppelt so viel Information erzeugt wie in der gesamten Menschheits­geschichte bis dahin. Dieselbe Verdoppelung fand 2002 noch einmal statt. Und der Trend hält an: Die entsprechende Kurve sieht tatsächlich wie eine riesige Flutwelle aus – ein Tsunami.

Information verwandelt die Szenerie des menschlichen Dramas und verändert so unser Verhalten. Der Tsunami, der die Welt überrollte, hinterliess eine Spur ständig anwachsender Turbulenzen. Wo zuvor Stille geherrscht hatte, wurden nun wütende und spottende Stimmen hörbar. Wo Konformismus die Regel gewesen war, gediehen jetzt neue, extreme Ansichten. Diese beunruhigende Welle brach sich im Januar 2011, als ein junger Ägypter ­namens Wael Ghonim auf Facebook zu einer Demonstration auf dem Tahrirplatz in Kairo aufrief. Eine Million Nutzer sahen den Aufruf, 100 000 kündigten ihre Teilnahme an. Keine drei Wochen nach diesem anfänglichen Protest trat Hosni Mubarak zurück, der 30 Jahre lang wie ein Pharao über Ägypten geherrscht hatte.

Heftige spontane Proteste erschütterten auch demokratische Länder in diesem «Jahr des Phasenübergangs»: in Spanien die «Indignados», in Amerika «Occupy Wall Street», die Demonstrationen für mehr soziale Gerechtigkeit in Israel. Der Aufruhr war kein Aufstand gegen Diktatur wie 1989. Der Zorn der Menschen schien sich nicht gegen bestimmte politische oder wirtschaftliche Systeme zu richten, sondern gegen die Strukturen moderner Herrschaft an sich. Dieser Impuls verstärkte sich noch – vom Tahrirplatz 2011 bis zu «Black Lives Matter» 2020. Allein 2019 gab es mindestens 25 grössere Aufstände auf den Strassen der Welt. Selbst die Angst vor Covid-19 konnte Black-Lives-Matter- und Anti-Lockdown-Aktivisten nicht zuhause halten.

Was ist passiert?…

«Der Entkalker fürs Hirn:
Nicht links, nicht rechts –
einfach intelligent!»
Dominik Imseng,
Managing Partner bei smartcut consulting,
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