Und immer wieder: Heidi

Hannes Binder / Peter Stamm: «Heidi. Nach einer Geschichte von Johanna Spyri.». München: Nagel & Kimche im Carl Hanser Verlag, 2008.

Heidi ist eine vielbeschäftigte Powerfrau. Tagsüber steht sie sich in Schweizer Vorgärten die Beine in den Bauch, abends werden die verkrampften Waden wahlweise auf der Musicalbühne oder in japanischen Mangaclubs gelockert. Daneben nimmt sie PR-Termine für Milch-, Käse-, Schokoladen-, T-Shirt- und Nippesproduzenten wahr. Und nun hat Heidi also auch noch für ein Bilderbuch Modell gestanden. Eine weitere Stufe auf ihrer kommerziellen Karriereleiter?

Ein Blick auf den Umschlag des Bilderbuchs genügt, um festzustellen, dass Heidi hier nicht als Kindfrau und Pop-Mädchen vermarktet wird. Dieser Schwarzschopf im roten Kleid inmitten einer Ziegenherde ist weniger Klischee als Zitat, sein medienwirksames Dauergrinsen scheint einem stillen, in sich gekehrten Glück gewichen. Nun, wenn sich zwei in der Literaturwelt erfolgreich etablierte Schweizer, der Autor Peter Stamm und der Illustrator Hannes Binder, aufmachen, den Kinderliteraturklassiker ihrer Heimat neu zu erzählen, darf man auch ruhig ein gutes Buch erwarten.

Dem enggesteckten Rahmen eines Bilderbuchs geschuldet, schreitet die dichte Handlung rasch voran und schnell ist ein Jahr in Heidis Leben auf einer Seite abgehandelt. Als Gegenpol verweilt Stamm länger bei solchen Episoden, die jeweils eine neue Erfahrung für sie bedeuten. Sei es der erste Anblick der belebten Natur auf der Alp mit ihren vielen Tieren und Pflanzen oder die Enttäuschung über die vielen Dächer, Strassen und Mauern der fremden Stadt Frankfurt – hier tritt der markante Stil des Autors deutlich zutage. In plastischen Momentaufnahmen erzählt er in eindringlicher und dennoch konzentrierter, knapper Form von Heidis kindlicher Liebe und ihrem Vertrauen zu ihrer Umwelt, aber auch von ihrer Einsamkeit und Not.

Dass Peter Stamm dabei einen klaren, modernen Ton anschlägt, ist klug; auf diese Weise erreicht er nicht nur mühelos die Kinder von heute, sondern kann auch reichlich altmodischen Charme über seine Heidi-Geschichte streuen, ohne in Kitsch, Nationalpathos oder Volkstümelei zu versinken.

Kongenial dazu sind die Illustrationen von Hannes Binder. Mit Federmesser und schwarzem Schabkarton ritzt er Heidis Welt jenseits des Gewohnten in herbe, surrealistisch anmutende Bilder. Hügel und Wiesen scheinen bei ihm wie grüne Wellen ständig in Bewegung zu sein; träumt Heidi in Frankfurt von ihrer Heimat, schwappt der Wald regelrecht ins Bild. Während Binders Landschaften gleichsam atmen, wirkt seine Frankfurter Welt bedrückend irreal. In kleine Bilderabfolgen gedrängt, sind die Protagonisten im Hause Sesemann wie lebende Tableaus zu Szenenausschnitten arrangiert, die in ihrer Starrheit viel von Heidis Seelenlasten widerspiegeln.

Trotz dieser gelungenen künstlerischen Interpretation des Heidi-Stoffs ist beiden, Autor und Illustrator, anzumerken, dass sie sich angesichts dieses Nationalmythos in ihrem individuellen Ausdruck zurückgehalten haben. Ob dies löblich sei, bleibe dahingestellt.

besprochen von Alice Werner, Zürich

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