Und immer lacht die thrakische Magd

In den seligen Zeiten, in denen der Sternenhimmel die Landkarte der gangbaren und zu gehenden Wege war und die Wege vom Licht der Sterne erhellt wurden, damals war, wie Georg Lukács in seiner «Theorie des Romans» hymnisch schwärmt, die Welt weit und doch wie das eigene Haus, Ich und Welt getrennt und doch niemals einander […]

In den seligen Zeiten, in denen der Sternenhimmel die Landkarte der gangbaren und zu gehenden Wege war und die Wege vom Licht der Sterne erhellt wurden, damals war, wie Georg Lukács in seiner «Theorie des Romans» hymnisch schwärmt, die Welt weit und doch wie das eigene Haus, Ich und Welt getrennt und doch niemals einander fremd.

Nur hat, seltsamerweise, auch damals schon, wie Sokrates berichtet, die thrakische Magd über Thales von Milet gelacht, weil der bei der Beobachtung des Sternenhimmels in einen Brunnen gefallen war, statt darauf zu achten, wohin er seine Füsse setzte. Warum diese Reaktion nicht borniert, sondern «geistreich und witzig» zu nennen sei, erschliesst sich keineswegs auf Anhieb. Angeblich haben solche seligen Zeiten ja keine Philosophie gebraucht, zumindest nicht im Verständnis von Novalis, der sie als «Heimweh» begreifen wollte, «als Trieb, überall zu Hause zu sein».

Was hier vielleicht nur schemenhaft als Problem aufdämmert, das ist der ewige, ursprüngliche Riss, der sich durch unser Wesen, unsere Welt, unsere Geschichte zieht. Was im Mythos noch eins war, Religion und Magie in einer geschlossenen Weltdeutung vereint, das haben die Wissenschaften fortschreitend aufgelöst und nie wieder zusammenfügen können. Die berühmte Formel «Vom Mythos zum Logos» ist bis heute eine grundlose Hoffnung geblieben. «Der Logos gelangt nie dorthin, wo der Mythos von Anfang an war.»

Hier setzt der Literaturwissenschafter Peter von Matt mit seinem Vortrag über den «Verrat am Mythos» an, den er im Rahmen der Jacob-Burckhardt-Gespräche auf Castelen gehalten und jetzt im Basler Schwabe-Verlag veröffentlicht hat (der Verlag ist, in diesem Zusammenhang durchaus erwähnenswert, im Jahre 1488 gegründet worden).

Die Menschen wollen das Ganze deuten, was aber nur dem Mythos möglich ist. Wir mögen, meint von Matt, zwar die alten Mythen belächeln, können uns aber von ihnen ebensowenig wie von der Magie lösen. Von Matt beruft sich auf Jacob Burckhardt, der von einer anthropologischen Notwendigkeit spricht, «von einem ewigen und unzerstörbaren metaphysischen Bedürfnis der Menschennatur». Mythos und Religion repräsentiere, so Burckhardt, «die ganze übersinnliche Ergänzung des Menschen, das Alles, was er sich selber nicht geben kann». Und damit ist von Matt, unversehens und doch keineswegs überraschend, bei Habermas angekommen. Die säkulare Gesellschaft habe nämlich diese übersinnliche Ergänzung des Menschen mit Pauken und Trompeten verabschiedet, und jetzt empfindet die postsäkulare Gesellschaft «deren Fehlen als dramatisches Defizit». Das heisst: «Die Wissenschaft kann also den Mangel feststellen, ihn beheben kann sie nicht. Das kann nur der Mythos.» Nur er könne auf dieses unzerstörbare Bedürfnis antworten und dem Menschen geben, was er sich «nicht selber geben kann».

Hier nun bringt von Matt wiederum die Literatur ins Spiel. Sie halte es mit beiden Seiten, mit der Wissenschaft und dem Mythos. Allerdings aufgrund ihres Scheincharakters, wie man früher zu sagen pflegte, als die Theorie noch Renommee besass. Der Mythos, wird er wissenschaftlich betrachtet, zerfällt. «Andererseits», so resümiert von Matt, «nimmt sich der Spott über alle Trans-zendenz, der zur neueren Wissenschaftsgeschichte gehört, heute wieder etwas billiger aus.»

Ich fürchte, man kann sagen: er nimmt sich sogar voreilig aus. Aber auch diese Einsicht hilft uns nicht wirklich weiter. Im Gegenteil, wir sind wieder bei der thrakischen Magd, dem alten Hiatus, also wieder am Anfang angekommen. Trotzdem, das ist von Matt zu danken, die Rundreise hat sich gelohnt.

Peter von Matt: «Der unvergessene Verrat am Mythos». Basel: Schwabe, 2009

«Der Entkalker fürs Hirn:
Nicht links, nicht rechts –
einfach intelligent!»
Dominik Imseng,
Managing Partner bei smartcut consulting,
über den «Schweizer Monat»