(Un-)Freiheit in der Schweiz…

…oder: antizipierte Wikipedia-Einträge aus dem Jahre 2020

«Schweizer Erfolgsmodell». Unter diesem Schlagwort wird der erstaunliche, nachhaltige wirtschaftliche Erfolg des Kleinstaates bis Mitte der 2010er Jahre zusammengefasst, der sich in weltweiten Spitzenrängen beim BIP pro Kopf, bei der Beschäftigungsquote, der Wettbewerbs- und Innovationsfähigkeit und der Einkommensgerechtigkeit spiegelte. Gemäss übereinstimmender Ansicht namhafter Vertreter der politischen Ökonomie und der experimentellen Wirtschaftsforschung war der Erfolg u.a. auf die Kombination von direkter Demokratie, Föderalismus, liberalem Arbeitsmarkt und tiefer Staatsquote zurückzuführen. In den Jahren 2014/15 verabschiedete sich das Schweizer Stimmvolk von diesem Modell durch Annahme einer Reihe interventionistischer Volksbegehren, wie etwa der Initiativen gegen Masseneinwanderung, gegen Überbevölkerung und für die Erhaltung der natürlichen Lebensgrundlagen (Ecopop), für einen Mindestlohn, für ein bedingungsloses Grundeinkommen, für die Einheitskrankenkasse, für Erbschaftssteuern auf nationaler Ebene, für die Abschaffung der Pauschalbesteuerung, Pro Service public oder für eine «grüne Wirtschaft». Die Wissenschaft ist sich uneins über die Gründe für das Stimmverhalten der Schweizer Bürger, doch dominiert die Auffassung, die Schweizer Bürger seien ihres Wohlstands überdrüssig geworden (-› «HarmoS»). Diese Initiativen hatten verschiedene Mütter und Väter, atmeten aber alle den Geist der Einschränkung der (Vertrags-)Freiheit.

«HarmoS». Ursprüngliche Bezeichnung für das Konkordat über die Harmonisierung der obligatorischen Schule; wird heute als Sammelbegriff für Gleichmacherei und falsche Anreize im CH-Bildungswesen verwendet. Beispiel: überraschende Annahme der Stipendieninitiative durch das Schweizer Volk Anfang 2015. Die Berücksichtigung lokaler Unterschiede bei Stipendien wurde damit ebenso verunmöglicht wie die Einführung des Alternativmodells der zinsfreien Darlehensvergabe an Studierende, wodurch der Anreiz zur Wahl volkswirtschaftlich nützlicher Studienrichtungen erhöht würde. Die gleiche Tendenz zeigt der von der Erziehungsdirektorenkonferenz im Herbst 2014 freigegebene Lehrplan 21 für die Volksschule, der auf 500 Seiten bemüht ist, ein ideologisches Bild der Wirtschaft aus Konsumentensicht abzugeben («Die Kinder lernen nur, wie man kauft, frisst und mietet», gemäss Prof. Franz Jaeger). Das unternehmerische Handeln, dem die Schweiz ihren Wohlstand verdankt, kommt nicht vor. Der kausale Zusammenhang zwischen (Bildungs-)Freiheit und Wohlstand ging bei diesen Weichenstellungen 2014 und 2015 offensichtlich vergessen, wird aufgrund der düsteren Langfristprognosen der Schweizer Wirtschaft aber zurzeit umso schmerzlicher in Erinnerung gerufen.

«Feldgrille» (gryllus campestris). Das alien-artige Insekt, dessen Grösse von 20 mm umgekehrt proportional zur Lautstärke seines Gezirpes ist, hat seit der Auszeichnung mit dem längst verdienten Titel als Schweizer Tier des Jahres 2014 einen regelrechten Boom erlebt. Hauptgrund war der Rückbau des Kernkraftwerks Leibstadt, der nach der Annahme der Atomausstiegsinitiative umgehend in die Wege geleitet wurde: Wo früher ein AKW-Monstrum Strom produzierte, produzieren heute Tausende von lieblichen Grillen Feldmusik. Den Strom bezieht die heute vom Ausland ansonsten weitgehend abgeschottete Schweizer Wirtschaft (= › «Schweizer Erfolgsmodell») aus eigener Produktion sowie aus französischen Nuklearanlagen und deutschen Kohlekraftwerken mit hohem CO2-Ausstoss. Diese Einschränkung der (Technologie- und Wirtschafts-)Freiheit blieb ausserhalb der DACH-Länder ohne Nachahmer.

«Humor, schweizerischer». Etwas grobschlächtiger Humor, vielschichtig in der Ausprägung, sich nur ausnahmsweise der Ironie bedienend, häufig die kantonalen Unterschiede und manchmal auch Minderheiten oder Ausländer persiflierend; *um 1291 (historisch zweifelhaft), †2014. Ursächlich für sein Verschwinden war die sog. «political correctness»-Bewegung, die auf (plumpe) Satire mit der Rassismuskeule und dem Gesetzesbuch reagierte und damit auch der (Meinungsäusserungs-)Freiheit stark zusetzte.

«Der beste Journalismus ist der,
den man liest, obwohl einen das Thema bis dahin gar nicht interessiert hat.
Beim MONAT passiert mir das ständig.»
Niko Stoifberg, Schriftsteller und Redaktor bei «getAbstract», über den «Schweizer Monat»