Wir brauchen Ihre Unterstützung — Jetzt Mitglied werden! Weitere Infos

Um widerstandsfähig zu sein, müssen wir uns von der Angst befreien

Politik und die Medien leben davon, Menschen Angst zu machen. Als Antwort darauf müssen wir die Verantwortung stärken – individuell wie auch institutionell.

Um widerstandsfähig zu sein, müssen wir uns von der Angst befreien
Wer widerstandsfähig werden will, muss sich was zutrauen. So wie dieser Freerider im Skigebiet Flumserberg. Bild: Keystone/Stefan Hunziker.

Read the english version here.

Die Covid-19-Pandemie war mehr als eine Gesundheitskrise. Sie war ein Stresstest für die Widerstandsfähigkeit unserer sozialen, wirtschaftlichen und politischen Systeme in einem Ausmass, wie es seit dem Zweiten Weltkrieg nicht mehr vorkam. Sie hat tiefgreifende Schwächen in unserer Vorbereitung offengelegt, zugleich aber auch neue Wege zur Stärkung der Resilienz aufgezeigt. Das verdeutlicht die Wichtigkeit eines gekoppelten Systemansatzes: Resilienz lässt sich weder verstehen noch fördern, wenn man sie isoliert betrachtet. Sie entsteht nur im Bewusstsein der engen Verbindung zwischen der Gesundheit des Menschen und der Gesundheit der Ökosysteme der Erde.

Zugleich zeigte die weltweite Reaktion auf Krisen aller Art ein Paradox. Politische Eliten und mediale Akteure sichern ihre Autorität oft, indem sie Angst schüren, vor Pandemien, Finanzkrisen, untragbarer Verschuldung, Russland oder China, vor dem Klimawandel. Angst ist sowohl Herrschaftsinstrument als auch Handelsgut in der Aufmerksamkeit sökonomie geworden. Resilienz verlangt jedoch das Gegenteil: besonnenes, kritisches Denken, langfristige Verantwortung und die Befähigung des Einzelnen, informierte Entscheidungen zu treffen. Dieser Essay untersucht die Spannung zwischen diesen beiden Kräften – Resilienz und Angstmacherei – und zeigt Wege auf, sie miteinander zu versöhnen.

Systeme und Individuen

Resilienz lässt sich definieren als die Fähigkeit eines Systems, Schocks zu absorbieren, sich anzupassen und unter Stress und Unsicherheit funktionsfähig zu bleiben. Im öffentlichen Diskurs wird Resilienz meist auf Systemebene diskutiert: widerstandsfähige Gesundheitssysteme, Volkswirtschaften, Gesellschaften. Diese Sicht fokussiert auf Governance, Risikomanagement und institutionelle Kapazitäten.

«Resilienz lässt sich weder verstehen noch fördern, wenn man sie isoliert betrachtet. Sie entsteht nur im Bewusstsein der engen Verbindung zwischen der Gesundheit des Menschen und der Gesundheit der Ökosysteme der Erde.»

Die Erfahrung der Covid-19-Pandemie offenbarte jedoch einen blinden Fleck. Systeme bestehen aus Individuen, und die Widerstandsfähigkeit des Ganzen hängt von der Widerstandsfähigkeit seiner Teile ab. Auf individueller Ebene bedeutet Resilienz die Fähigkeit, Schocks zu verkraften, mit Belastungen umzugehen und handlungsfähig zu bleiben. Während der Pandemie zeigte sich dies biologisch in der Stärke und Anpassungsfähigkeit der Immunsysteme. Menschen mit robuster Immunregulation und guter Stoffwechselgesundheit, oft das Ergebnis der Lebensweise und von Umweltfaktoren, erholten sich besser; wer an chronischen Entzündungen, Adipositas oder Diabetes litt, schlechter. Entsprechendes gilt für natürliche und soziale Systeme. Überleben beruht nicht auf maximaler Effizienz, sondern auf Pufferzonen, Redundanz und Anpassungsfähigkeit.

Auf gesellschaftlicher Ebene entsteht Resilienz durch vielfältige, dezentral verteilte Fähigkeiten, durch eine gut ausgebaute öffentliche Gesundheitsinfrastruktur, fiskalische Vorsicht, soziales Vertrauen und transparente Kommunikation. Sie lässt sich messen an Erholungszeiten nach Schocks, an der Vielfalt kritischer Lieferketten oder am Mass sozialer Ungleichheit und institutioneller Flexibilität. Resilienz ist jedoch nicht gratis. Der Aufbau von Puffern und Redundanzen steht oft im Widerspruch zu kurzfristiger Effizienz oder unbegrenzter individueller Freiheit. Die Pandemie hat diese Spannung sichtbar gemacht: Auf Effizienz getrimmte Volkswirtschaften erwiesen sich als brüchig, während Gesellschaften, die in Prävention, Anpassungsfähigkeit und Vertrauen investiert hatten, besser durch die Krise kamen.

Diese Einsicht lenkt den Blick auf die individuelle Resilienz – körperlich, psychisch und sozial. Starke Körper und klare Köpfe sind die Basis widerstandsfähiger Gemeinschaften. Wer gesünder lebt, sich ausgewogen ernährt und psychisch stabil bleibt, verringert nicht nur die eigene Verwundbarkeit, sondern auch die kollektive Abhängigkeit von knappen öffentlichen Ressourcen. Eine Gesellschaft aus resilienten Individuen ist selbst widerstandsfähiger.

Der Verfall der Resilienz in modernen Gesellschaften

In den letzten fünfzig Jahren haben ausgerechnet jene Kräfte, die den modernen Fortschritt ermöglichten – Industrialisierung, Globalisierung, Digitalisierung und Effizienzstreben –, uns zugleich anfälliger gemacht. Die industrielle Landwirtschaft und die Massenverarbeitung von Lebensmitteln haben die Erträge gesteigert und den Nahrungsmittelkonsum bequemer gemacht, zugleich aber Böden ausgelaugt, Nährstoffdichte verringert und Ernährungsgewohnheiten mit hochverarbeiteten Produkten, Zucker, Saatölen und Zusatzstoffen überschwemmt. Chemische Innovationen brachten Kunststoffe, Pestizide und synthetische Substanzen in nahezu jeden Lebensbereich, von Verpackungen bis zum Trinkwasser, und führten zu chronischen Niedrigdosisbelastungen, die Hormon- und Immunsysteme stören. Urbanisierung und motorisierter Verkehr reduzierten die alltägliche Bewegung, während Bildschirmarbeit und digitale Unterhaltung Vereinsamung förderten.

Gleichzeitig hat die Architektur der globalen Wirtschaft mit Lieferketten, Just-in-Time-Produktion und Finanzialisierung die Effizienz auf Kosten von Redundanz und lokaler Selbstständigkeit optimiert. Technologische Hyperkonnektivität verstärkt Informationsüberflutung, sozialen Vergleich und Angst. Depressionen nehmen zu, ebenso der Konsum psychotroper Medikamente. Zusammengenommen haben diese Entwicklungen die individuelle wie kollektive Resilienz geschwächt: biologisch durch ein geschwächtes Immunsystem, psychologisch durch Stress und Entfremdung, sozial durch den Verlust an Redundanz, Autonomie und Vertrauen.

Kurz gesagt: Die Medizin hat die Lebenserwartung erhöht. Der Preis des modernen Lebensstils ist jedoch eine sinkende durchschnittliche Widerstandsfähigkeit. Unsere Immunsysteme sind weniger robust, unsere psychische Gesundheit ist labiler geworden und wir sind stärker von externen Eingriffen, von Medikamenten, Krankenhäusern und Regierungen abhängig.

Das verdeutlicht die Dringlichkeit eines gekoppelten Systemansatzes. Die Gesundheit des Menschen ist untrennbar mit der Gesundheit seiner Umwelt verbunden. Saubere Luft, sauberes Wasser und nährstoffreiche Nahrung sind keine Luxusgüter, sondern Voraussetzungen für eine resiliente Gesellschaft.

Initiative für Mensch, Umwelt und Gesundheit

Ich schlage eine Initiative für Mensch, Umwelt und Gesundheit vor, ein Super-Apollo-Projekt, das einige Prozent des globalen Bruttoinlandsprodukts (BIP) pro Jahr mobilisiert, um die Umwelt zu regenerieren und die menschliche Widerstandsfähigkeit wiederherzustellen. Die Finanzierung muss nicht über neue Steuern erfolgen, sondern durch Umlenkung bestehender Mittel, die heute Nachhaltigkeit untergraben. Weltweit geben Regierungen über fünf Billionen Dollar pro Jahr für umweltschädliche Subventionen aus: für fossile Brennstoffe, chemieintensive Landwirtschaft und Ressourcenverschwendung. Schon eine teilweise Umwidmung dieser Summen in regenerative Landwirtschaft, Renaturierung, Schadstoffbeseitigung und Präventionsmedizin würde langfristig grosse Erträge bringen. Ergänzende Mittel können aus öffentlich-privaten Fonds, gezielten Abgaben auf Kohlenstoff und Schadstoffe oder ergebnisbasierten Finanzinstrumenten stammen, die nachweisbare Umwelt- und Gesundheitsgewinne belohnen.

Die Steuerung sollte nicht zentralistisch oder technokratisch erfolgen, sondern liberal, transparent und dezentral. Die Initiative setzt übergeordnete, messbare Ziele, etwa geringere Schadstoffbelastung, wiederhergestellte Biodiversität und bessere Bevölkerungsgesundheit, und ermöglicht zugleich Ländern, Regionen und Städten, eigenständig zu innovieren. Unabhängige Monitoringstellen und offene Datenplattformen überwachen Fortschritte, sichern Rechenschaft und ermöglichen es Bürgern, Forschern und Investoren, die Ergebnisse zu bewerten. Erfolg wird nicht allein am BIP-Wachstum gemessen, sondern auch an Resilienzindikatoren wie der Vitalität der Ökosysteme, der Krankheitslast und der Erholungszeit nach Schocks.

«Saubere Luft, sauberes Wasser und nährstoffreiche Nahrung sind keine Luxusgüter, sondern Voraussetzungen für eine resiliente Gesellschaft.»

Die Nobelpreisträgerin Elinor Ostrom hat gezeigt, dass lokale Gemeinschaften gemeinsame Ressourcen oft besser verwalten als zentralisierte Behörden oder reine Marktmechanismen. Sie identifizierte Gestaltungsprinzipien, die das ermöglichen: klare Grenzen, partizipative Regelsetzung, lokale Überwachung, abgestufte Sanktionen, Konfliktlösung und verschachtelte Governance vom Lokalen bis zum Globalen.

Aufbauend auf Ostroms Erkenntnissen würde die Initiative ein polyzentrisches Governancemodell annehmen, in dem selbstorganisierte Gemeinden, Städte und Institutionen gemeinsame Ziele verfolgen, aber lokale Autonomie bewahren. Regeln und Anreize werden gemeinsam von den Betroffenen gestaltet, wodurch Legitimität und Akzeptanz steigen. Transparente, gemeinschaftsbasierte Überwachung, die wissenschaftlich gestützt und datenoffen ist, ersetzt hierarchische Kontrolle. Höhere Ebenen koordinieren und fördern, statt zu befehlen.

Diese von Ostrom inspirierte Architektur macht den Aufbau von Resilienz zugleich adaptiv und demokratisch. Sie ist ein Open-Source-Modell gemeinschaftlicher Fürsorge, das das gedeihliche Zusammenwirken von Menschheit und Biosphäre fördert.

Das Ziel ist zweifach:

  1. Die Entgiftung der Umwelt, um Ökosysteme wiederherzustellen, die das menschliche Wohlbefinden tragen.
  2. Die Entgiftung von Körper und Geist durch Stärkung des Immunsystems mittels Aufklärung, Änderung des Lebensstils und einer Medizin, die den Menschen als ganzheitliches System begreift.

Dieses Verständnis verbindet traditionelle ökologische Einsicht mit moderner Systemwissenschaft. Resilienz entsteht aus Rückkopplungen zwischen Individuen, Gesellschaften und ihrer Umwelt.

Individuelle Verantwortung und Bildung

Ein zweiter Pfeiler der Resilienz ist Eigenverantwortung. Westliche Demokratien haben eine Kultur der Abhängigkeit hervorgebracht, in der Bürger erwarten, dass der Staat sie vor allem bewahrt, und ihn beschuldigen, wenn Krisen eintreten. Resilienz lässt sich jedoch nicht delegieren. Jeder Einzelne trägt Verantwortung für die eigene Gesundheit und Lebensführung.

Das erfordert breit angelegte Bildungsprogramme zu Ernährung, Bewegung und kritischem Denken sowie einen kulturellen Wandel. Der Mensch ist Teil komplexer ökologischer Systeme, nicht ausserhalb von ihnen. Bildung sollte früh beginnen und die Verbindung zwischen persönlicher Gesundheit, gesellschaftlichem Wohlergehen und ökologischer Nachhaltigkeit betonen.

Technologie kann dabei eine Unterstützung sein, etwa durch Apps, Gamification oder digitale Coaching-Netzwerke. Der tiefere Wandel ist jedoch psychologisch: weg von passiver Abhängigkeit, hin zu aktiver Selbstverantwortung.

Das Paradox von Angst und Governance

Hier liegt das Paradox. Resilienz verlangt Besonnenheit, Verantwortlichkeit und Faktenorientierung. Zeitgenössische Politik und Medien leben hingegen von Angst. Die Finanzkrise 2008 wurde als drohender Systemkollaps beschrieben; Staatsschulden wurden als Untergang des Wohlfahrtsstaates dargestellt. Pandemien erzeugten Panikwellen, geopolitische Spannungen wurden zu nahenden Kriegen erklärt, der Klimawandel zum Weltuntergangsszenario.

Warum dieses Muster? Angst erfüllt Funktionen. Für Medienunternehmen ist sie ein lukratives Produkt. Schlagzeilen, die Schrecken verbreiten, bringen Klicks, Reichweite und Werbeeinnahmen. Für Politiker ist Angst ein Schutzschild. Sie erlaubt, Verantwortung für Fehlentscheidungen oder Korruption auf äussere Bedrohungen abzuwälzen und aussergewöhnliche Massnahmen zu rechtfertigen – von Finanzhilfen bis zur Überwachung –, oft ohne breite demokratische Debatte.

Das Resultat ist eine Gesellschaft in Dauerangst. Die Bürger werden mit Warnungen und Katastrophenbildern überflutet; für nüchterne Analyse bleibt wenig Raum. In einem solchen Klima wird der Aufbau individueller Resilienz untergraben. Angst zerstört Vertrauen, verengt die Aufmerksamkeit und lähmt die Eigenverantwortung – genau jene Eigenschaften, die Resilienz ausmachen.

Wie lässt sich also der Ruf nach individueller Resilienz mit einer Gesellschaft vereinbaren, die von Angst getrieben ist? Mehrere Schritte sind notwendig:

  1. Medienkompetenz fördern. Menschen müssen lernen, Angstmacherei zu erkennen und zwischen faktenbasierter Information und Manipulation zu unterscheiden. Bildungssysteme sollten nicht nur Wissen über Gesundheit und Ernährung vermitteln, sondern auch kritisches Denken über Medien und Informationsökosysteme fördern.
  2. Narrative neu rahmen. Führungskräfte und Kommunikatoren sollten Erzählungen der Angst durch Erzählungen der Selbstwirksamkeit ersetzen. Krisen sind keine Schicksalsschläge, sondern Herausforderungen, die durch Kooperation, Innovation und Resilienz gemeistert werden können. Sie sollten nicht als Untergangsszenarien, sondern als Gelegenheiten zum Fortschritt gesehen werden.
  3. Basisbewegungen stärken. Da systemische Reformen langsam verlaufen und Eliten oft vom Status quo profitieren, muss Resilienz von unten wachsen. Gemeinschaften (Nachbarschaften, Schulen, lokale Gruppen und Online-Netzwerke) können resilientes Verhalten vorleben und positive Nachahmungseffekte erzeugen.
  4. Verantwortung in Institutionen verankern. Politische und ökonomische Anreizsysteme können individuelles und kollektives Verhalten aufeinander abstimmen, indem sie Verantwortung belohnen und Nachlässigkeit bestrafen. Ein überzeugendes Vorbild hierfür ist das Versicherungsmodell: Es koppelt Risikoprofile an Kosten und internalisiert somit die Folgen des eigenen Verhaltens. Wer raucht oder seine Gesundheit vernachlässigt, zahlt mehr, wer gesund lebt, weniger. Dieses Prinzip lässt sich über Krankenversicherungen hinaus anwenden. In der Umweltpolitik erfüllen CO2– und Verschmutzungsabgaben eine ähnliche Funktion, indem sie jene belohnen, die in saubere Technologien, regenerative Landwirtschaft oder Kreislaufwirtschaft investieren, und jene belasten, die Umweltschäden verursachen.

Auf diese Weise kann individuelle Resilienz mit der Angstökonomie koexistieren und diese allmählich überwinden. Wer Verantwortung für die eigene Gesundheit und seine Entscheidungen übernimmt, wird weniger anfällig für Schocks und für manipulative Narrative.

«Angst zerstört Vertrauen, verengt die Aufmerksamkeit und lähmt die Eigenverantwortung – genau jene Eigenschaften, die Resilienz ausmachen.»

Eine stille Revolution

Resilienz ist mehr als ein technischer Begriff des Risikomanagements. Sie ist eine umfassende Vision dafür, wie Individuen, Gesellschaften und Ökosysteme Belastungen standhalten können. Sie verlangt, Umwelt und Körper zu heilen, Verantwortung zu verankern und sich von Angst zu befreien.

Eliten und Medien werden weiterhin mit Alarmismus operieren, weil Angst Macht und Profit bringt. Wahre Resilienz ist jedoch biologisch, ökologisch, kulturell und geistig zugleich. Sie entsteht aus Bildung, Selbstbestimmung und Gemeinschaft.

Wenn Menschen diese Aufgabe annehmen, sich bilden, einander stärken und sich wieder in gesunde Ökosysteme einbetten, kann daraus eine stille Revolution entstehen. Von unten her kann sich Resilienz ausbreiten und Gesellschaften hervorbringen, die weniger von Angst abhängig sind und besser gerüstet sind, den unvermeidlichen Krisen der Zukunft zu begegnen.

»
Abonnieren Sie unsere
kostenlosen Newsletter!