Ulrike Ackermann: Welche Freiheit. Plädoyers für eine offene Gesellschaft

Berlin: Matthes & Seitz, 2007

Was ist Freiheit? So fragt die deutsche Publizistin Ulrike Ackermann ohne Umschweife, und Autoren wie Ralf Dahrendorf, Wolfgang Sofsky, Ian Buruma und André Glückmann nehmen Stellung – oder auch nicht. Der holländische Intellektuelle Ian Buruma etwa rollt in seinem Aufsatz die Geschichte vom Mord am holländischen Filmemacher Theo van Gogh neu auf. Er zeigt, wie die Meinungsfreiheit in van Goghs notorischen Provokationen gegen die muslimische Kultur strapaziert wird. Die Freiheit, seine Meinung kundzutun und andere zu beleidigen, provoziert Bedrohung durch die Beleidigten. Die Frage bleibt: Wer hat hier das Recht auf welche Freiheit?

Zumeist werden bekannte Positionen und Konflikte in klassischer Weise erläutert. Der Beitrag Ralf Dahrendorfs kann hier stellvertretend für die anderen stehen. Als Vertreter eines gemässigt-konsensfähigen Liberalismus bietet Dahrendorf eine klare, wenn auch nicht eben neue Auffassung, indem er Freiheit als «Abwesenheit von Zwang» definiert. Natürlich geht es, wenn die Spielräume verschiedener Menschen sich aneinander reiben, nicht ohne Grenzen. Die von Jean-Jacques Rousseau propagierte «liberté naturelle» muss der «liberté civile» weichen. Im Vordergrund stehen dabei nicht konkrete Regeln, sondern weitgefasste Rahmenbedingungen. Der demokratische Prozess und die damit verbundene Schaffung einer Verfassung, durch die eine Gesellschaft Macht begrenzt, ist für Dahrendorf letztlich Garant der Freiheit des einzelnen. Wer die Verfassung missachtet und nach Macht greift, verletzt die Freiheit in ihrem Innersten.

Rahmenbedingungen freilich bedürfen des ideellen Rückhalts. Eine Gesellschaft, die sich nicht auf gemeinsame Werte verständigt, wird nur schwerlich eine freiheitliche sein können. Die «liberté civile» setzt eine aktive Teilnahme voraus. Oder, wie Ralf Dahrendorf feststellt: «Freiheit ist nicht bloss ein Zustand, eine feststehende Situation, sondern setzt ein bestimmtes Verhalten voraus. Freiheit überlebt nur als tätige Freiheit.» Schade nur, dass der Wertediskurs im Sammelband über weite Strecken diffus bleibt.

besprochen von Philipp Reichen, geboren 1977, Historiker.

«Der beste Journalismus ist der,
den man liest, obwohl einen das Thema bis dahin gar nicht interessiert hat.
Beim MONAT passiert mir das ständig.»
Niko Stoifberg, Schriftsteller und Redaktor bei «getAbstract», über den «Schweizer Monat»