«Übertreibungen können wir nicht gutheissen»

Vor 131 Jahren hat die Familie Elsener in Ibach begonnen, Messer zu schmieden. Ge-wachsen ist ein -Weltkonzern, der keiner sein, sondern Familienunternehmen blei-ben will. Präsident und -Geschäftsführer Carl Elsener über das Soziale am Unterneh-mertum und die falschen Anreize.

«Übertreibungen können wir  nicht gutheissen»

Schweizer Monat: Victorinox war immer schon in Ibach zu Hause. Hat nie jemand in der Besitzerfamilie Elsener daran gedacht, von hier wegzuziehen, näher an die internationalen Märkte?

Carl Elsener: Nein, wir haben diesen Gedanken nie gewälzt. Vor etwa vierzig, fünfzig Jahren aber hat sich der damalige Firmenpatron überlegt, einen gewissen Teil der Messerproduktion in Manaus in Brasilien zu situieren. Mein Vater wollte Brasilien beliefern, doch er scheiterte an den über hundert Prozent hohen, protektionistischen Zöllen. Also überlegte er sich, Messer direkt in der Freihandelszone Manaus in Brasilien zu montieren. Die Basisteile wären von Ibach gekommen. Meinem Vater war beim Gedanken aber nicht wohl. Alle wichtigen Partner in Deutschland, in den USA und in der Schweiz, mit denen er über die Idee sprach, rieten ihm davon ab. Also liess er es am Ende sein.

Was war das entscheidende Argument?

Elsener: Mein Vater wusste, dass ein Konkurrent seinen Zuzug ausnützen und die Herkunft der Messer öffentlich kritisieren würde. Ein Schweizer Messer, das in Brasilien und nicht in der Schweiz hergestellt wird! Mein Vater wäre nie mehr aus der Rechtfertigungsecke herausgekommen. Danach war ein Umzug nie mehr ein Thema in unserer Firmengeschichte.

Existiert so etwas wie Heimatliebe in der Victorinox?

Elsener: Unser Herz schlägt für die Schweiz. Wir haben hier unsere Wurzeln. 1884 hat der Firmengründer in Ibach begonnen und nach seinen Gesellenjahren ein Unternehmen gegründet. Unser Unternehmen entwickelte sich nach schwierigen Startjahren Schritt für Schritt in nachhaltiger Weise – passend zum Kanton Schwyz und zu unseren eigenen Familienwerten.

Sie sehen sich als Schwyzer, nicht als Schweizer Unternehmen?

Elsener: Wir empfinden uns als Schweizer Unternehmen, das sich im Kanton Schwyz sehr wohl fühlt. Einer unserer entscheidenden, starken Werte bilden die Mitarbeitenden. Victorinox’ Erfolg ruht auf vier Säulen: auf Mitarbeitenden, auf Kunden, auf Produkten und auf Marken. Ich durfte mit meinem Vater 34 Jahre in diesem Unternehmen wirken. Er sagte mir immer wieder folgendes: Ein Unternehmer oder ein Unternehmen, das sich auf die Motivation der Mitarbeitenden fokussiert, auf die Zufriedenheit der Kunden, auf die Qualität und Funktionstüchtigkeit der Produkte und auf die Ausstrahlung der Marke, kann nicht viel falsch machen. Er lebte dieses Credo wie seine Vorgänger. Meine Geschwister und ich sehen diese vier Säulen bis heute als unser Wertefundament an.

Es erstaunt, dass Sie die Märkte und marktwirtschaftlichen Ziele nicht erwähnen.

Elsener: Marktwirtschaftliche Ziele sind für uns auch wichtig. Sie sind die Wegweiser für die Umsetzung unserer Vision. Aber im Zentrum unseres unternehmerischen Denkens und Handelns stehen immer zuerst die erwähnten vier Säulen – der wirtschaftliche Erfolg folgt daraus.

Sie gelten als Patron, der für seine Leute schaut.

Elsener: Die Mitarbeitenden stehen hinter jedem Erfolg. Wir beschäftigen heute in Ibach über 900 Leute. Trotzdem ist es uns gelungen, die Atmosphäre eines Familienbetriebes zu erhalten. Meine Türe ist offen für jede und jeden, egal, wo und wie sie arbeiten. Das ist kein blosser Spruch, es ist so. Das führt dazu, dass sich unser Personal stark mit der Victorinox verbunden fühlt. Über vierzig Mitarbeitende haben ihr 50-Jahr-Jubiläum im Betrieb gefeiert. 115 Mitarbeitende sind schon mehr als vierzig Jahre bei uns tätig.

Robert Heinzer: Die durchschnittliche Verweildauer in unserem Betrieb liegt derzeit bei 22 Jahren.

Das ist im Quervergleich zu anderen Firmen äusserst hoch.

Heinzer: Das stimmt. Aber es hängt damit zusammen, dass wir in Ibach in der Produktion tätig sind. Im produzierenden Gewerbe sind die Fluktuationsraten wesentlich geringer als in Handelsunternehmen oder in Dienstleistungsbetrieben.

Elsener: Es unterstreicht die starke gegenseitige Verbundenheit von Arbeitgeber und Arbeitnehmer. Als Unternehmer sind wir ebenfalls treu, auch in herausfordernden Zeiten. 9/11 zum Beispiel war für uns die schwierigste Zeit. Damals brachen aus Sicherheitsgründen die Verkaufszahlen bei den Messern ein.…