Überfülle von Zitaten

Von Umberto Eco erschienen 2004 zwei Bücher. In einem illustrierten Roman liegt auf den Zitaten einer Generation die – schliesslich vergebliche – Hoffnung des Protagonisten, sein durch einen Schlaganfall verlorenes autobiographisches Gedächtnis wieder zu finden. Und in einem kunsthistorischen Bildband zeigen Zitate von Künstlern, Dichtern und
Schriftstellern von der Antike bis zur Gegenwart, wie wandelbar die Idee von der Schönheit ist.

Das Erinnerungsgebot in der Tora war für die Bildung eines Gedächtnisses entscheidend. John Locke galt das Gedächtnis als «das Notwendigste für ein denkendes Wesen», und er schien dabei die Fähigkeit, Eindrücke und Gedanken aufzubewahren, und diejenige, sie bei Bedarf wiederaufzurufen, für dieselbe Eigenschaft des Geistes zu halten. Den Unterschied zwischen Gedächtnis und Erinnerung macht der Sprachgebrauch deutlich: man rezitiert ein Gedicht aus dem Gedächtnis, aber man erinnert sich – vielleicht – an die Lektüre. Dabei wird literarisch, philosophisch und neurobiologisch schon nicht mehr nur zwischen Gedächtnis und Erinnerung unterschieden, sondern auch zwischen verschiedenen Gedächtnissen! Hatte Marcel Proust die «mémoire involontaire» als Instrument benutzt, um die vergangene Zeit schreibend-beschreibend heraufzubeschwören, so mobilisierte die Sozialwissenschaft in den 70er Jahren des 20. Jahrhunderts das «kollektive Gedächtnis», und ein Jahrzehnt später entdeckten die Kulturwissenschaften das «kulturelle Gedächtnis» und die «Erinnerungskultur». Gedächtnis und Erinnerung waren in den letzten zwanzig Jahren akute Themen auch in den Neurowissenschaften, die die Entstehung von Gehirnströmen und Neuronennetzen detailliert beschreiben, aber das Entstehen des Gedächtnisses und das Aktivieren der Erinnerung (noch) nicht erklären können. Die Neurobiologie etablierte eine weitere Unterscheidung, nämlich die zwischen einem semiotischen und einem autobiographischen Gedächtnis.

Es ist das semiotische Gedächtnis, das Yambo, dem Ich-Erzähler in dem neuen, dem fünften Roman von Umberto Eco, nach einem Schlaganfall erhalten bleibt, während ihm das autobiographische Gedächtnis verlorengeht. So erinnert sich Yambo nicht mehr an sein Leben. Er weiss nicht mehr, wer er selber ist, aber er weiss, wer Julius Cäsar war; er weiss nicht, in welcher Zeit er lebt, aber er kann Dante rezitieren. So versucht er mit ständigen Rückgriffen auf das semiotische Gedächtnis, aus dem autobiographischen Nebel, der ihn umhüllt, hinauszufinden; «Zitate», erklärt er seiner Frau, «sind meine einzigen Leuchten im Nebel.» Zitate aus einer vergangenen – für ihn verlorenen! – Zeit sind eigentlich auch die über Jahrzehnte hinweg aufgehobenen Zeitungen, Zeitschriften, Bücher, Postkarten, Zigarettenschachteln, Schallplatten, Comics, Briefe, Schulhefte, Photos, die er in dem Haus auf dem Land findet, in dem er aufgewachsen war. Die Abenteuer des Meisterdiebs Rocambole und die Unternehmungen des Meisterdetektivs Sherlock Holmes, Flash Gordon und Nick Carter, Ciuffettino, der schmächtige Junge mit dem übermässigen Haarschopf, und Vidocq, «der Mann mit hundert Gesichtern», die frommen «promessi sposi» von Alessandro Manzoni und der exotische Sandokan von Emilio Salgari, die Erbauungsliteratur der faschistischen Jugendbewegung und die propagandistischen Lieder der «camicie nere» fügen sich zu einem Bild des Alltagslebens und der Alltagskultur der 40er Jahre in Italien zusammen. Denn was Yambo schliesslich aus diesen Zitaten rekonstruiert, ist weniger die eigene Geschichte, als vielmehr die Geschichte einer Epoche. In wochenlanger Lektüre alter Bücher auf dem Dachboden des Landhauses, «habe ich mir», erkennt Yambo, «nicht meine Kindheit vergegenwärtigt, sondern die einer Generation».

Letzte Erinnerungslosigkeit

Yambo reichert sein eigenes semantisches Gedächtnis aus dem kulturellen Gedächtnis seiner Generation an und erliegt schliesslich der Überfülle von emotionalen und intellektuellen Reizen: ein neuer Schlaganfall versetzt ihn in ein Wachkoma, in dem plötzlich das autobiographische Gedächtnis aktiviert wird. Die Lehrer und Priester aus der Kindheit, die Partisanen und die deutschen Besatzer, die Freunde aus der Gymnasialzeit und die erste Liebe huschen in Erinnerungswirbeln vorbei. «Eines spüre ich ganz klar: Die Erinnerungen, die in mir wiederaufgetaucht sind seit dem Anfang dessen, was ich hier für mein Koma halte, sind undeutlich, nebelhaft, mosaikartig angeordnet, mit leeren Stellen, Ungewissheiten, Rissen, Abbröckelungen…» Immer wieder versucht er, sich in diesem Erinnerungsnebel das Gesicht jener ersten Liebe zu vergegenwärtigen – und stirbt, als er es zu erkennen glaubt. Wie Königin Loana, die in einem Groschenroman seiner Kindheit die geheimnisvolle Flamme des ewigen Lebens hütet, sie aber aus Verzweiflung über ihre unerfüllte Liebe ausgehen lässt, so…

«MONAT für MONAT
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Heinz Zimmermann, Professor für Finanzmarktökonomie,
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