Über die Absurdität des Lebens: Texte als Bilder

David Shrigley im Kunsthaus Zürich

Der 1968 in Leicester geborene und in Glasgow arbeitende Künstler David Shrigley liefert ironische, bisweilen zynische Bemerkungen zum Heute. Er kommentiert sein persönliches Umfeld und das Weltgeschehen auf eine Art, die irritiert. Wohl auch deshalb faszinieren seine Zeichnungen, Malereien, Photographien und Objekte, die erstmals im deutschsprachigen Raum gezeigt werden. Eine Irritation löst zum Beispiel die Photographie «Hate» aus: Auf Daumen und Knöchel einer zur Faust geballten Hand sind die Buchstaben H A T E geschrieben. Erst beim zweiten Blick fällt auf, dass dieser Hand der kleine Finger fehlt.

Ursprünglich wollte David Shrigley 1991 nach Beendigung seiner Ausbildung an der Glasgow School of Art Comic-Zeichner werden. Schon damals zeigte sich aber: Für das, was er aussagen will, braucht Shrigley keine Aneinanderreihung von Zeichnungen, die schliesslich eine Geschichte ergeben. Jedes seiner Werke ist an und für sich eine Aussage. Zur Verbreitung dieser Auffassung musste er jene aber zuerst in Buchform und im Eigenverlag herausgeben. Die 15 seit 1991 erschienenen Bücher (heute nicht mehr alle im Eigenverlag) sind heiss begehrt. Anlässlich der Ausstellung legt das Kunsthaus Zürich das neueste Künstlerbuch vor: «Yellow Bird with Worm».

Seine Zeichnungen waren es jedoch, die Shrigley zum international bekannten Künstler machten. Sie entstehen zwar sehr schnell, werden dann aber in Shrigleys artistic distance box abgelegt. Nach längerer Zeit, manchmal sogar erst nach Jahren, entscheidet er dann – wie sein Landsmann Francis Bacon dies tat – ob er sie an die Öffentlichkeit bringen will oder sie vernichtet.

Shrigleys hochsensible Beobachtungsgabe schärft unsere eigene Wahrnehmung und gibt vordergründig Banalem und Unspektakulärem einen Sinn. Man lernt erneut sehen und lesen; wir erhalten eine zweite Chance. Darin liegt das Raffinement dieser – wie es scheint – so «kindlichen» und zuerst wohl eher als «Kritzeleien» wahrgenommenen Werke. Die Kuratorin Mirjam Varadinis sagt dazu: «Shrigley wählt einen bewusst übersteigerten Dilettantismus, eine Form, die gerade durch die scheinbare Absenz von Form gegeben ist. Es geht ihm um ein gedankliches ‹non finito›, nicht um ein formales. Seine Zeichnungen sind Aphorismen. Wenige Sekunden reichen, um sie zu erfassen, doch lösen sie Reflexionen aus, die viel tiefer gehen und weiter reichen.»

Die Ausstellung im Kunsthaus gibt einen Überblick über das bisherige Schaffen von David Shrigley, präsentiert aber auch neueste Werke, speziell für Zürich geschaffen. Neu sind einige der dreidimensionalen Objekte, die auf einem Podium in der Mitte des Ausstellungssaales präsentiert werden: ein aus Flasche, Schädel, Orange und Golfball bestehendes «Stilleben» und ein bemaltes Polyesterfigürchen «Mann in Schlafsack», das sich bei näherer Betrachtung als Obdachloser identifizieren lässt. Ein überdimensionaler Holzzahn lässt sich als Mahnmal gegen den Zerfall der Ess- und Trinkkultur und seine Folgen verstehen.

Die künstlerischen und sprachlichen U-Turns Shrigleys sind nicht zuletzt darum für den Betrachter so anregend, weil sie die unterschiedlichsten Schlussfolgerungen zulassen. Die Photographie der braunen Herbstblätter aus dem Jahre 1998 wirkt als Poesie. Die Aussage «One day a big wind will come and», gekritzelt auf eines der Blätter, erinnert aber gleichzeitig an die peitschenden, destruktiven Herbststürme, die, im Zusammenhang mit der Klimaveränderung, in den letzten Jahren vermehrt die britischen Inseln und das europäische Festland heimsuchen.

Die Ausstellung «David Shrigley» im Kunsthaus Zürich dauert bis 9. November 2003 (www.kunsthaus.ch).

«Ein Sprudelbad fürs Hirn!»
Monique Bär, Philanthropin und Gründerin der Arcas Foundation,
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