Üben, üben, üben!

Letzten Monat habe ich hier angemerkt, dass wir bei zwischenmenschlichen Begegnungen nur allzu leicht den gängigen Vorurteilen auf den Leim gehen – und dass das mehr über uns selbst sagt als über unser Gegenüber. Aber: jemanden vorschnell zu verurteilen ist nicht nur deshalb ein gewagtes Unternehmen, weil Äusserlichkeiten täuschen können. Es ist vor allem riskant, […]

Letzten Monat habe ich hier angemerkt, dass wir bei zwischenmenschlichen Begegnungen nur allzu leicht den gängigen Vorurteilen auf den Leim gehen – und dass das mehr über uns selbst sagt als über unser Gegenüber. Aber: jemanden vorschnell zu verurteilen ist nicht nur deshalb ein gewagtes Unternehmen, weil Äusserlichkeiten täuschen können. Es ist vor allem riskant, weil diese Praxis schlicht und einfach unglücklich macht. Wenn jemand unhöflich zu Ihnen ist oder Sie eine Person nicht mögen, weil Sie nicht einverstanden sind damit, wie sie spricht, riecht oder ihr Leben führt, sind Sie die Person, die darunter am meisten leidet. Sie sind wütend und genervt, Ihre Kreativität und Ihre Gelassenheit sind dahin.

Wie geht man damit um? Im Englischen gibt es das Sprichwort: «Don’t judge a man, unless you have walked a thousand miles in his shoes.» Die deutsche Wendung «in jemandes Haut schlüpfen» trifft es ganz gut, aber eben doch nicht ganz. Es fehlen hier zeitliche Dimension – in diesem Fall: tausend Meilen – und Redundanz des Handelns. Wer einen Marathon laufen will, braucht Training. Und wer seine schlechten Gewohnheiten ablegen will, braucht noch viel mehr davon.

Nehmen Sie sich doch morgen vor, den ganzen Tag kein Urteil über jemand anderen zu fällen. Sie werden das wohl nicht einmal bis zur Bürotür durchhalten, weil auf dem Weg dahin genau vor Ihnen jemand «absichtlich» langsam fährt und Sie zur ersten Sitzung eilen müssen. Aber das macht nichts. Denn ohne Übung – die Wiederholung des Nichturteilens – geht es nicht. Und nach hartnäckigem Training wird daraus irgendwann eine Gewohnheit, die sich auf Ihre tägliche Stimmung und selbst auf das Verhalten Ihrer Mitmenschen auswirken wird. Seit ich alle Menschen um mich herum so annehme, wie sie sind, und Leute, die mich potentiell nerven könnten, mit einem Lächeln anstrahle, ist mein Geist viel klarer. Und meine Mitmenschen sind obendrein anständiger und netter zu mir.

«Ein Sprudelbad fürs Hirn!»
Monique Bär, Philanthropin und Gründerin der Arcas Foundation,
 über den «Schweizer Monat»