Über Umwege wird man ortskundig
Patrick Rohner (links) mit Helfer Kurt Wegmann während des Aufbaus einer «Steinzeichnung» bei der Sardonahütte SAC im Rahmen seines Beitrages zum Jubiläum des UNESCO-Welterbes Tektonikarena Sardona. Photographiert von Invar Torre Hollaus.

Über Umwege wird man ortskundig

Im hinteren Glarnerland forscht und arbeitet es sich als Künstler weitgehend ungestört – der künstlerische Umgang mit den Elementen ist mitunter gar leichter als derjenige mit den Nachbarn. Annäherung an den Maler Patrick Rohner und seine Arbeit in und mit rauer Landschaft.

Patrick, was macht die Kunst?

Die Kunst gibt uns die Möglichkeit einer alternativen Wahrnehmung der Welt, die ausserhalb herkömmlicher Funktionalitäten steht. Kunst kann Systeme aufbrechen, irritieren und sie bringt uns dazu, innezuhalten. Kunst ist ein Ausstieg aus alten funktionellen Mustern.

Wie bist du «ausgestiegen»?

Zuerst habe ich ja ein Primarlehrerstudium gemacht. Und habe damit eine Funktion erfüllt. Für die Gesellschaft, auch für mich selbst. Wenn du Künstler wirst, steigst du da weitgehend aus. Du versuchst, eine ganzheitliche Sichtweise einzunehmen. Eine Funktion, die über ein Erfüllen eines gewissen Berufsfeldes hinausgeht. Du versuchst, das Leben als Ganzes zu verstehen.

Einem Lehrer fehlt dieses ganzheitliche Verständnis?

Ja. Ich bin ja immer noch eineinhalb Tage pro Woche als Lehrer  tätig. Unsere Aufgaben da nehmen immer mehr zu, so dass es unmöglich wird, Zeit für kritisches und ganzheitliches Denken und  Reflektieren zu haben. Der Mensch wird zunehmend in Nischenberufsfelder getrieben, dadurch wächst auch sein generelles Un­wissen. Ein Altsteinzeitmensch verfügte über ein grösseres Allgemeinwissen, als wir es heute haben. Er war als Einzelner überlebensfähig, wir sind das eigentlich nicht mehr. Hier sehe ich auch die Rolle des Künstlers: dieser fortschreitenden Spezialisierung etwas entgegenzuhalten. Den Menschen zu motivieren, selbst zu überleben, um nicht irgendwann in ein Cyberwesen verwandelt zu werden.

Und wie erfolgreich bist du damit, im hinteren Glarnerland?

Das Verständnis hinsichtlich der alternativen gesellschaftlichen Rolle des Künstlers ist hier recht bescheiden. Meine Frau arbeitet Vollzeit als Lehrerin und die meisten haben Bedauern mit ihr, dass sie arbeiten müsse und ich daneben ein «glückliches Künstlerdasein» führen könne. Es gibt nur wenige hier, die meine Arbeit sehen und verstehen.

Du bist im Luzernischen aufgewachsen, hast später in der renommierten Düsseldorfer Kunstakademie studiert und lebst nun seit über 25 Jahren im Glarnerland. Im Winter kaum Sonne, links und rechts steile Felsen. Was hat dich an dieses Ende der Schweiz verschlagen?

Der Entscheid, nach Düsseldorf zu gehen, war auch eine Reaktion auf die Enge des Kunstbetriebes in Luzern, ich bin mit meinem Denken zunehmend auf Widerstand gestossen. Die Aufbruchsstimmung um Joseph Beuys hat mich angezogen. Nach Ende des Studiums kam ich wieder in die Schweiz zurück, weil ich meinen Sohn aufwachsen sehen wollte. Dass wir dann ins Glarnerland zogen, war aber ein ganz bewusster Entscheid: Pragmatisch, weil man hier in leerstehenden Industriehallen für 300 Franken 800 Quadratmeter grosse Atelierräume bekommen konnte. Und inhaltlich, weil ich mich zunehmend mit Landschaft, Material und der Kritik am Urbanen beschäftigte.

Das hättest du aber auch in anderen Tälern der Schweiz finden können. Was hatte Glarus, das die anderen nicht haben?

Im Gegensatz etwa zu Luzern mit seinen Postkartenlandschaften hast du es hier wirklich mit einem Hochgebirge zu tun, also mit einer nicht nur angenehmen, schönen Landschaft. Das Glarnerland kann schon ziemlich heftig sein. Es rumpelt hier immer wieder und ich habe in den letzten 27 Jahren schon einige Naturkatastrophen erlebt: Erdrutsche, Überschwemmungen, Lawinen, Steinschläge, kleine Erdbeben. Es ist eine Herausforderung, hier zu leben.