Trödelmarkt? Gestaltende Kraft!

Der Schweizer Stiftungssektor ist eigentlich ziemlich gut in Form. Das Problem: er nimmt sich selbst kaum als solchen wahr. Es braucht einen höheren Organisationsgrad und eine klare Ausrichtung. Unternehmerische Gedanken zum Stiftungswesen – und drei Szenarien.

Wäre das Schweizer Stiftungswesen ein Unternehmen, man könnte es am besten als einen Gemischtwarenladen mit angeschlossenem Trödelmarkt bezeichnen. Es lässt sich kaum eine umfassende Strategie für dieses Unternehmen bestimmen, da es in seinen Divisionen und Geschäftsfeldern so unterschiedlich funktioniert. Wollte man es dennoch in seiner Vielfalt erhalten, dann wäre es wesentlich, zumindest ein paar grobe Leitlinien festzuhalten. Genau dies will ich im folgenden leisten.

Um im Bild des Unternehmens zu bleiben, lässt sich das Schweizer Stiftungswesen in drei zentrale Divisionen unterteilen.

Die grösste Division ist die «traditionelle» Philanthropie, deren Grundkonzept die auf Ewigkeit angelegte Stiftung ist. Die Zweckerfüllung orientiert sich an Werten der Notlinderung, der Bewahrung von Kultur oder der Hilfe des einzelnen. Die zweite Division lässt sich als «wissenschaftliche» Philanthropie bezeichnen. Ihre Ursprünge gehen zurück auf die ersten Förderstiftungen der Rockefellers und Carnegies, die darauf aus waren, nicht die Symptome, sondern die Wurzeln gesellschaftlicher Schief­lagen zu bekämpfen. Die Zweckerfüllung richtet sich daher nicht am einzelnen aus, sondern am Wohl der Gemeinschaft und beruht auf wissenschaftlich fundierten Lösungsansätzen. Die letzte und jüngste Division würde ich als «investive» Philanthropy bezeichnen. Darunter fallen die neuen Handlungskonzepte wie Venture Philanthropy, Shared-Value-Ansatz oder Social Investing. Die Konzepte basieren alle auf ökonomisch begründeten Prinzipien und zielen auf eine wirkungsorientierte Vervielfältigung der eingesetzten Ressourcen.

Gemäss der bekannten und in der strategischen Analyse vielfach eingesetzten BCG-Matrix (Boston-I-Portfolio) wäre die traditionelle Philanthropie eine Cashcow, also ein erfolgreiches Produkt, das aber seinen Zenit überschritten hat. Die wissenschaftliche Philanthropie stellt demgegenüber die derzeitigen Stars, die Aushängeschilder der Branche. Die investive Philanthropie schliesslich würde ich mit einem Fragezeichen versehen, ein Produkt, bei dem man noch nicht eindeutig abschätzen kann, ob es die Erwartungen wirklich erfüllt oder ob es nur eine modische Nische bleibt. Diese zugegebenermassen simplifizierende, wenn insgesamt auch treffende Einschätzung möchte ich nun mit Fakten untermauern, die das Schweizer Stiftungswesen besser fassbar machen, bevor ich anschliessend die Stärken und Schwächen thematisiere.

Ein schlafender Riese

Die herausragende Stellung des Schweizer Stiftungswesens ist vielfach beschrieben und belegt. Mit durchschnittlich 16,1 Stiftungen auf 10000 Einwohner liegt die Schweiz deutlich vor Deutschland, dem Land mit dem absolut grössten Stiftungssektor in Europa. Dieser umfasst Förderstiftungen, die Geld sprechen, genauso wie Trägerschaftsstiftungen oder operative, mittelsuchende Stiftungen. Mit knapp 150000 Beschäftigten arbeiten mehr Menschen im Stiftungswesen als im Banken- oder Versicherungswesen. Diese hohe Anzahl hängt vor allem mit dem starken Wachstum des Gesundheits- und Sozialwesens zusammen, in dem es viele Trägerschaftsstiftungen gibt. In Förderstiftungen arbeiten dagegen gerade einmal 3 Prozent aller Stiftungsmitarbeitenden, also ca. 4500 Personen. Einen Grossteil der Arbeit übernehmen die 76000 ehrenamtlichen Stiftungsräte.

Diese Zahlen geben einen ersten Eindruck des Potentials eines Sektors, der sich selbst kaum wahrnimmt. Bis vor wenigen Jahren waren nicht einmal die bereits erwähnten Informationen verfügbar. Nach wie vor nur auf Schätzungen beruhen die Aussagen über das Ausschüttungsvolumen. Kumulierte Daten bieten nur die Mitglieder des Verbandes SwissFoundations, die 2010 gemeinsam 208 Millionen Franken ausgeschüttet haben. Der Gesamtumfang liegt Schätzungen zufolge bei zwischen 1,5 und 2 Milliarden Franken. Damit liegen die Volumina für einzelne Tätigkeitsbereiche wie Kultur oder Forschung deutlich hinter den staatlichen Förderin­stitutionen wie Pro Helvetia oder dem Schweizerischen Nationalfonds. Wie frühere Untersuchungen gezeigt haben, verfügen über 80 Prozent – also die grosse Mehrheit – der Stiftungen über ein Vermögen von weniger als 5 Millionen Franken, was zur Folge hat, dass die Mehrzahl der einzelnen Fördersummen nicht über 5000 Franken pro Projekt hinausgeht. Da aufgrund mangelnder Alternativen die Grösse des Stiftungswesens immer an der Anzahl der Stiftungen festgemacht wird, entsteht schnell ein falscher Eindruck über das wahre Potential des Stiftungssektors – ein Potential, das trotz positiver Entwicklungen weiterhin brachliegt.

Worin der Schweizer Stiftungssektor gut ist

1. Freiwilligkeit. Freiwilligkeit bedeutet…

Braucht die Schweiz eine Stiftungsstrategie?
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«Der beste Journalismus ist der,
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