Totale Wissenschaft

Wenn aus Meinungen «Tatsachen» werden.

Unsere Corona-Impfquote ist tiefer als im vergleichbaren internationalen Durchschnitt. Dies gilt nicht nur für die Schweiz, sondern den ganzen deutschsprachigen Raum. ­Bereits verschiedentlich wurde dieses Phänomen beschrieben und mit kulturellen oder soziologischen Aspekten zu erklären versucht. Dagegen noch kaum erhellt wurde die spannende Parallelität zur ebenfalls überproportionalen Kernkraftskepsis in Deutschland, der Schweiz und Österreich: Während anderswo die Kernkraft als grüne, weil weitgehend CO2-freie und damit «klimafreundliche» Technologie propagiert wird, verunmöglicht hierzulande ein ideologischer Kulturkampf die sachliche Diskussion über die – unbestreitbaren – Vor- und Nachteile dieser Form von Stromgewinnung.

Was immer die Gründe dafür sein mögen, die aktuellen Beispiele Klimawandel und Kernkraft, Pandemie und Impfung zeigen deutlich, dass die Beurteilung wissenschaft­licher Erkenntnisse nur selten «neutral», sondern oft entlang soziokultureller Prägung erfolgt – und natürlich auch nach politischen Präferenzen. Auf diesem Parkett vollends ideologisch wird es, wenn nicht nur über die, sondern mit der Wissenschaft argumentiert wird. Aus Meinungen werden «Tatsachen», und Widerspruch stellt keine andere Meinung mehr dar, sondern eine «Leugnung». Statt die normative Kraft des Faktischen sozusagen nun die vermeintlich faktische Kraft des tatsächlich Normativen.

Auf der Linken hat das quasi System: Denn gerade der Glaube an die umfassende Machbarkeit verlangt nach einer «totalen» Wissenschaft, die alles letztgültig berechnen muss und kann, statt einer, die – wie bekannt – immer nur dem aktuellen Stand des Irrtums entspricht. Damit schliesst sich auch der Kreis des Wissenschaftsdiskurses: Ob das Streben nach dem Weltenplan von links oder die Angst vor der Weltverschwörung von rechts – beides ist gleich unwissenschaftlich.

«Der Entkalker fürs Hirn:
Nicht links, nicht rechts –
einfach intelligent!»
Dominik Imseng,
Managing Partner bei smartcut consulting,
über den «Schweizer Monat»