Torawimpel, Würfel, bemalte Holzbrettchen und eine Viehschere

Die jüngsten Sammlungszugänge des Jüdischen Museums in einer Sonderausstellung

«Ins Licht gerückt – Sammlungszugänge der letzten zehn Jahre» – so lautet der Titel einer Sonderausstellung, mit dem das Jüdische Museum der Schweiz in Basel dieses Jahr sein 40jähriges Jubiläum feiert. Die Jubiläumsausstellung des privat getragenen Museums zeigt eine Auswahl jener Sammlungszugänge, deren oft verschlungener Weg ins Museum die gesellschaftlichen Veränderungen innerhalb des Schweizer Judentums widerspiegelt. Der Musealisierungsprozess wird so selber zu einem Stück schweizerisch-jüdischer Geschichte.

Das kleine Museum – es besteht aus gerade drei Räumen – verfügt über eine reiche Sammlung, die die jüdische Geschichte von der biblischen Zeit bis ins 21. Jahrhundert illustriert: Töpferwaren und Münzen aus der Antike, eine eindrückliche Kollektion von Ritualgegenständen wie zum Beispiel Chanukka-Leuchtern, Eheverträgen (Ketubbot) und Besamimbüchsen, Behältern für Gewürze, die am Schabbat-Ausgang durch ihren Wohlgeruch die Anwesenden symbolisch stärken sollen. Die Exponate stammen grösstenteils aus Europa, zum Teil auch aus dem Orient, so eine prachtvolle Torarolle aus Kairo oder ein Chanukka-Leuchter aus Bagdad. Daneben finden sich Sammlungsgegenstände, die für die Geschichte der örtlichen jüdischen Gemeinden von Bedeutung sind, wie die im Museumshof ausgestellten jüdischen Grabsteine aus dem mittelalterlichen Basel, die hebräischen Drucke, die von der Bedeutung der Rheinstadt für die Geschichte des hebräischen Buchdruckes zeugen und eine Auswahl an Dokumenten zu den Zionistenkongressen, von denen zehn in Basel stattfanden. Der grössere Teil des Museums ist den jüdischen Feiertagen sowie dem jüdischen Alltag gewidmet.

Für die Sonderausstellung wurden fünfzehn, auf den ersten Blick eher unscheinbare Gegenstände «ins Licht gerückt». Vom «Abfallhaufen der Geschichte» stammen die zu Beginn der Ausstellung gezeigten Torawimpel aus Pruntrut. Sie zeugen nicht nur von einem jüdischen Brauch, sondern auch von seinem Bedeutungsverlust. Torawimpel sind aus der Beschneidungswindel hergestellte lange, von den weiblichen Familienmitgliedern liebevoll bemalte oder bestickte Bänder, um die beiden Stäbe mit dem darumgewickelten Pergament der Torarollen zu fixieren. Die Torawimpel wurden 1995 in Pruntrut auf einem Abfallhaufen gefunden, nachdem die Synagoge bereits 1982 mangels Gemeindemitgliedern verkauft und abgebrochen worden war. Mit der Abwanderung in die Städte – neben Pruntrut lösten sich auch die jüdischen Gemeinden von Yverdon, Avenches und Delémont auf – nahm die Säkularisierung zu, und der Brauch verlor an Bedeutung, sodass der Verwendungszweck dieser Textilien entfiel und sie zuweilen achtlos entsorgt wurden.

Andere Ausstellungsobjekte weisen auf die Ausgrenzungen, Diskriminierungen und Verfolgungen hin, denen Juden im Laufe der Jahrhunderte auch in der Schweiz ausgesetzt waren. Auf einer Zollordnung aus Basel aus dem Jahre 1776, als den Juden das Betreten der Stadt nur tagsüber und zu Handelszwecken erlaubt war, wird in unmittelbarer Nachbarschaft zum Viehzoll ein «Judenleibzoll» erwähnt, wobei die Höhe dieses Zolls je nach Geschlecht oder Alter verschieden ausfiel: eine schwangere Jüdin zahlte etwa doppelt soviel wie ein jüdischer Mann. An manchen Orten bestand die zu entrichtende Abgabe auch aus Würfeln, möglicherweise als Strafe für das in den Evangelien erwähnte Losen der römischen, später zu Juden uminterpretierten Kriegsknechte um die Kleider Christi.

Die Ausstellungsobjekte zeigen, dass gerade die Ausgrenzung von Juden aus dem wirtschaftlichen Leben zur Zusammenarbeit mit den Christen führen konnte. Da die Juden aus den Zünften ausgeschlossen waren, wurden die jüdischen Ritualobjekte von christlichen Gold- und Silberschmieden gefertigt. Auch die hebräischen Druckereien im Basel des 16. und 17. Jahrhunderts waren in christlichen Händen. Die christlichen Buchdrucker benötigten die Hilfe von jüdischen Gelehrten, für die diese besondere Aufenthaltsbewilligungen in der Stadt erhielten – erst mit der Emanzipation 1866 durften Juden sich in Basel frei niederlassen.

In letzter Zeit erhielt das Museum vermehrt Objekte von Menschen, die im Holocaust ermordet worden waren. Den Erben dieser Stücke bedeuten sie oft nicht mehr soviel, doch wollen sie sie in guten Händen wissen. So fanden Gegenstände aus ganz Europa ihren Weg ins Jüdische Museum. Neben einer aus einer Zigarrenkiste gefertigten Gitarre aus dem Konzentrationslager Theresienstadt ist ein kleiner ovaler Anhänger mit den beiden Gesetzestafeln ausgestellt. Ferner werden auch mit Alltagsszenen bemalte Holzbrettchen aus einem sowjetischen Konzentrationslager gezeigt. Mit den kleinen Tafeln brachte die Lehrerin der von den Lagerinsassen improvisierten Schule den Kindern nahe, was zu einem normalen Alltag gehört.

In der Sonderausstellung wird eine Akzentverschiebung deutlich. Während vor 40 Jahren, als das Museum eingerichtet wurde, kunstvolle Objekte aus Kult und Brauchtum das religiöse Leben der Juden auf ästhetisch ansprechende Weise illustrieren sollten, wird inzwischen auch die soziale und wirtschaftliche Geschichte der Juden durch Alltagsgegenstände, Photos und Dokumente bezeugt. Dabei werden die Folgen der Urbanisierung seit dem Ende des 19. Jahrhunderts sichtbar, als das «Landjudentum», das sowohl durch ein Festhalten an den Traditionen als auch durch einen regen beruflichen Austausch mit der nichtjüdischen Umwelt geprägt war, sich anderen Berufen zuwandte, in die Städte abwanderte und sich zunehmend säkularisierte. Eine ausgestellte Viehhändlerschere oder ein Messband für Gross- und Kleinvieh zeugen von dieser Zeit, als die jüdischen Viehhändler unter ihren gutgeschulten Söhnen keine Nachfolger mehr fanden.

Die tadellos erläuterte Jubiläumsausstellung deckt auch die Schwierigkeiten des kleinen Museums auf. Die Ausstellungsfläche ist knapp bemessen, und so konnte lediglich ein sehr geringer Teil der Sammlungszugänge der letzten Jahre gezeigt werden. Es wäre dem einzigen jüdischen Museum der Schweiz zu wünschen, dass es beim nächsten Jubiläum seine Sammlung in grosszügigeren Räumen präsentieren könnte, zumal das Interesse an der Sammlung im In- und Ausland gross ist.

Die Ausstellung «Ins Licht gerückt. Sammlungszugänge der letzten zehn Jahre» des Jüdischen Museums in Basel kann bis zum 1. April 2007 besichtigt werden.

SIMONE ROSENKRANZ, geboren 1970, promovierte in Judaistik. Sie ist Dozentin des Instituts für Jüdisch-Christliche Forschung an

der Universität Luzern.

«Sympathisch elitär, aber nie hochnäsig!
Die Kollegen beim MONAT wissen,
dass der liberalen Haltung ein Schuss Ironie gut bekommt.»
Rainer Hank, «FAZ»-Kolumnist,
über den «Schweizer Monat»