Todernste Patrioten

«I never quite understand what people mean
by this neocon thing.» – Tony Blair

Wolfowitz hat zur Weltbank gewechselt. Und seine Weggefährten? Still ist es um sie geworden, zumindest hüben in Europa. Gegenwind spüren sie drüben, in den Vereinigten Staaten. Ihre Glaubwürdigkeit hat gelitten. Allzu offensichtlich kontrastieren die konkreten Modalitäten von regime change, von freedom and democracy, namentlich im Irak, mit dem, was im Vorfeld der militärischen Interventionen insinuiert, wenn nicht angekündigt worden war. Allzu deutlich hat ein Hurrikan die Grenzen auch amerikanischer Möglichkeiten aufgezeigt.

Erleben wir das Ende der neokonservativen Hochzeit? Wer darauf hofft, wird sich gedulden müssen. Die Bewegung lebt. Streitbar war sie immer, in den letzten Jahren ist sie grösser, vielgestaltiger geworden – und Teil des politischen Establishments. Die momentan lauteste Plattform, der in Washington beheimatete Weekly Standard, feiert in diesen Tagen den zehnten Geburtstag. Zwar schreibt man rote Zahlen; der politische Einfluss des Blattes aber ist enorm, «out of all proportion to its 80’000 circulation», wie der «Economist» schreibt. Blättert man in neueren Nummern, fällt noch immer eines auf: eine ideologische Kühnheit, die früher einmal der linken Seite des politischen Spektrums vorbehalten war.

Was Wunder, ist man versucht zu sagen. Auf der linken Seite des Spektrums waren eben jene Köpfe politisch sozialisiert worden, die in den sechziger Jahren als Begründer der neokonservativen Bewegung in Erscheinung traten – allen voran Irving Kristol (Vater jenes William, der heute den Weekly Standard verlegt) und Norman Podhoretz (Vater jenes John, der noch heute für den Weekly Standard schreibt).

Kristol, Podhoretz, Nathan Glazer, Gertrud Himmelfarb, Midge Decter – alle waren sie kurz nach dem Ersten Weltkrieg in jüdische und katholische Traditionen hineingeboren worden. In den zwanziger und dreissiger Jahren wuchsen sie in meist beengten Verhältnissen in New York auf, besuchten sie jenes City College, das damals aufgrund seiner radikalen politischen Ausrichtung als «Harvard des Proletariats» bezeichnet wurde. Mit dem Kommunismus waren sie als Kinder der Grossen Depression vertraut; starke Anziehung übte etwa das Programm von Leon Trotzkij aus. Dessen Ermordung, der fortgesetzte Terror Stalins und andere Erfahrungen mit dem real existierenden Sozialismus brachten schrittweise die Ernüchterung – und starke antisowjetische Ressentiments. Aus idealistischen Antistalinisten wurden kompromisslose (weil beschämte) Antikommunisten, die sich fortan mit dem linksliberalen Flügel der Demokratischen Partei identifizierten.

Die Abkehr vom amerikanischen Liberalismus, die konservative Neu-orientierung, vollzog sich im Schatten von Vietnam, von Janis Joplin und Bob Dylan. In den Reihen gegenkultureller Protest- und Emanzipationsbewegungen wurden herkömmliche Vorstellungen über Gesellschaft und Moral radikal in Frage gestellt. «It was a disorder that made no sense to those of us who had come from harder circumstances», schreibt Nathan Glazer dazu, und Irving Kristol ergänzt: «We discovered that traditional bourgeois values were what we had believed in all along, what we had simply taken for granted».

Wie reagieren? Wie jenen Kräften entgegentreten, die Amerika von innen und aussen bedrohen? Die Frage ist hilfreich, weil sie zu jenem Denkstil führt, der die neokonservative Bewegung in ihrem Kern verbindet – zu Überzeugungen, die Lehrer und intellektuelle Vorbilder seinerzeit in New York plausibel vermittelt hatten, allen voran der Literatur- und Sozialkritiker Lionel Trilling und der protestantisch-augustinische Theologe Reinhold Niebuhr: Ein historischer Optimismus liberaler oder sozialistischer Prägung, der glauben macht, es sei die Entwicklung einer vernunftbegabten Menschheit insgesamt aufzufassen als aufsteigende Entwicklung zum Guten, zielt gefährlich am Leben vorbei. Das Böse ist Teil des Menschen wie der Welt. Wer es nicht aktiv sucht und bekämpft, riskiert den Sieg des falschen Prinzips – und damit Kopf und Kragen.

Ähnliches vertrat ein jüdischer Immigrant deutscher Provenienz, der 1938 die Vereinigten Staaten erreichte und als Professor in Chicago Einfluss gewann. Geschult in der Geschichte politischer Philosophie, hatte Leo Strauss das Scheitern der Weimarer Republik als eminent persönliche Katastrophe miterlebt. Seiner Erfahrung nach war es namentlich der Liberalismus, der – als Komplement moderner Prinzipien wie Individualismus, Relativismus und Säkularisierung – jene Kräfte hatte entstehen und gewähren lassen, die die Demokratie zuletzt von innen zerstörten. Daraus eine Rückbesinnung auf vormoderne, aber zwingende Grundlagen freiheitlicher Ordnung: wo die Demokratie Tugend und Bürgersinn, Moral und Religion nicht respektiert und kultiviert, wird sie alsbald korrumpiert. Wo sie sich nach innen und aussen nicht aktiv verteidigt, wird sie der Tyrannis unterliegen.

Manches, ja vieles teilen die Neokonservativen mit anderen Strömungen der amerikanischen Tradition: patriotism, exceptionalism, internationalism, unilaterlism… Was sie unterscheidet, was ihre Haltung vielleicht am besten bezeichnet, entspringt den Vorgaben eines Niebuhr oder Strauss. Es ist dieser streitbare, konfliktbereite und aggressiv-voluntaristische Zug im Ringen mit einem Bösen, das als Prinzip todernst genommen wird.

«Jeden Monat frische Denküberraschungen! Eine gehaltvolle und elegant gestaltete Zeitschrift.»
Francis Cheneval, Professor für politische Philosophie,
über den «Schweizer Monat»