«Tod eines Handlungsreisenden»

Zum Hinschied von Swisscom-Chef Carsten Schloter

Carsten Schloter, ein deutscher Manager wie aus dem Bilderbuch, war wohl einer der dynamischsten Wirtschaftsführer der Schweiz, der sich nicht im Bereich der Finanzdienstleistungen bewegte. Als Deutscher eine Art Peter van Eyck des Managements; gut aussehend, sportlich, auf dynamische Weise kommunikativ. Der Mann, der sich mit bis 50 Kilometer täglich auf dem Hometrainer fit hielt, brachte sich auch durch die Teilnahme an der «Tor-Tour» in die Medien, einem alles andere als erbaulichen Ultra-Cycling-Gruppenradrennen. Geboren am 7. Dezember 1963 in Erlenbach am Main, Bayern, aufgewachsen in Frankreich, ist er in der Nacht vom 22. auf den 23. Juli 2013 mutmasslich durch Suizid aus dem Leben geschieden.

Die letzten Stunden verbrachte der global Vernetzte in seinem Wohnort Villars-sur-Glâne, dem einstigen Weiler am Jakobsweg entlang der Glâne. Hier führt eine mittelalterliche Brücke über den Fluss in die Richtung der Zisterzienserabtei Hauterive, mit einer Kapelle zum Kult von Apollonia, der Zahnwehheiligen, gleich zur Rechten der Brücke. Für seine Verhältnisse als deutsch-französischer Bilinguist fand Schloter im üechtländischen Freiburg beinahe ideale kulturelle Bedingungen vor. Dies gilt nicht zuletzt für seine Eigenschaft als dreifacher Familienvater. Der Kanton Freiburg gehört zu den Teilen der Schweiz, Tendenz abnehmend, wo Familien mit drei Kindern und mehr keine Ausnahme darstellen.


Ein Männerproblem?

Das hohe, um nicht zu sagen enorme Lebenstempo von Carsten Schloter, mit dem auch die im besten Mannesalter oftmals zu verkraftende Trennung von Frau und Familie einherging, wurde in bestürzten Nachrufen noch und noch als Hintergrund des unbegreiflichen Geschehens hervorgehoben. Stärker als normal in vergleichbaren Fällen wurde die Frage «Warum?» zur Schlagzeile erhoben, etwa von der Boulevard-Zeitung «Blick». Die Einsamkeitsphänomene getrennter und geschiedener Männer haben nicht selten mit dem sozialen Abstieg bis hinunter ans Existenzminimum zu tun. Die überdurchschnittliche Suizidrate dieser Männer ist aber, wie das vorliegende Beispiel anzudeuten scheint, wohl nicht hauptsächlich nur als soziales Problem anzusprechen.

Beeindruckend sind die Blog-Reaktionen aus dem Kreis der über 16 000 Swisscom-Angestellten auf den Tod ihres schweizweit und international bekannten Chefs. Offenkundig sind die unkonventionellen Methoden von Schloter an der Basis angekommen, hat sich der Verstorbene als Führer eines der bedeutendsten Unternehmen des Landes eine aussergewöhnlich hohe Glaubwürdigkeit erarbeitet.


«Herausragender Chef»

Nebst anderem trieb er effektive Energiesparmassnahmen in seiner Firma voran, hatte auch mit Solarstrom «viel am Hut». Dies war weit mehr als eine geschickte PR-Massnahme zugunsten des Images von Swisscom. Selber war Schloter kurz vor seinem Hinschied nahe daran, seinen Kühlschrank vom Stromnetz zu nehmen, weil er, wie andere konsequent nicht im Haushalt beschäftigte Männer, davon einen unverhältnismässig kleinen Gebrauch machte. Dabei hätte er seinen abgeschalteten Kühlschrank wohl kaum mit Büchern gefüllt, wie es die Sendung «Zehn vor Zehn» vor Jahren am Beispiel eines Schweizer Historikers gezeigt hat. Nach eigenem Bekenntnis gehörte Schloter zu den konsequenten Online-Lesern, einschliesslich der Zeitungslektüre, bei der offensichtlich nur gerade noch Magazine, die sich zum Vertreiben von Fliegen besonders gut eignen, in Verbindung mit sinnlich wahrnehmbarer Lektüre gelesen wurden.

Carsten Schloter war der «herausragende Chef des bundesnahen Unternehmens Swisscom und eine prägende Figur der Schweizer Wirtschaft», vermerkte die gut um ein halbes Jahr ältere Kommunikationsministerin Doris Leuthard zum Hinschied des Mannes, der den Geschäftserfolg des Unternehmens innerhalb von vier Jahren nach seinem Amtsantritt 2006 mehr als verdoppelt hat. Nachdem ein von Schloters Vorgänger Alder bereits ausgehandeltes Übernahme-Abkommen des ehemaligen irischen Monopolisten Eircom durch eine politische Intervention geplatzt war, sah es Schloter vor allem als seine Aufgabe, das Anschluss-Geschäft der Swisscom gegen aggressive Konkurrenten wie Cablecom zu verteidigen und das Unternehmen für die Privatisierung fit zu machen. Insbesondere war sich Schloter bewusst, dass die Grenze zwischen Telekommunikation und Fernsehen von Jahr zu Jahr durchlässiger wird, weswegen die Schweizerische Eidgenossenschaft bekanntlich die bisherigen Gebühren durch eine Fernsehsteuer ersetzen will. Auf diesem Gebiet hätte der Einfallsreichtum von Schloter Frau Leuthard vielleicht noch eine Alternative vorschlagen können. In die Betriebsgeschichte von Swisscom ist der Verstorbene gewiss auch als der Mann eingegangen, der die Unternehmenskultur massgeblich amerikanisiert hat.

«Generalverdacht» gegen die Manager im Zeichen Minders

Als Bestandteil seiner Betriebsphilosophie führte Schloter, nicht nur auf Ebene der Führung, das allgemeine «Du» ein. Kompensatorisch zu diesem psychologisch geschickt arrangierten, besonders zur Deutschschweiz passenden Kumpelismus wurde, im Sinne dynamischer Leistungsverbesserungen wie auch zur notwendigen Anpassung an internationale Standards, die Differenz zwischen dem höchsten und dem niedrigsten Lohn im Betrieb auf 35 zu 1 ausgebaut. Dies war nicht zuletzt eine Folge der Entstaatlichung des Kommunikationsriesen, die mit dem Übergang der Führung zu Persönlichkeiten wie Jens Alder und Carsten Schloter auch eine zeitgemässe Revolution des Managements mit sich brachte. Der im ehemaligen Staatsbetrieb herrschenden Beamtenmentalität wurde der Garaus gemacht. Zugleich machte Schloter auch klar, dass es keinen Erfolg gibt ohne Unternehmenskultur und keinen Erfolg ohne angemessene «corporate governance». Als Führungspersönlichkeit war er alles andere als eine graue Maus im unterirdischen, überirdischen und digitalen Ganggeflecht des nationalen und internationalen Spitzenmanagements. In dieser Eigenschaft war er zur Selbstkritik an der Führungsklasse fähig. Der «Generalverdacht» gegen die Manager, vermerkte er in einem Interview gegenüber dem Portal «Medienwoche» im Zusammenhang mit der am 3. März 2013 in der Schweiz zur Abstimmung gekommenen Volksinitiative gegen die Abzockerei, sei begründet:

«Es sind Dinge passiert, die im Sinne eines gesellschaftlichen Zusammenhalts nicht geschehen dürften. Wir müssen uns bewusst sein, dass die Schweiz von einer einzigartigen Stärke lebt: Kaum irgendwo in Europa ist die Kluft zwischen Mitarbeitenden und Führung geringer als hier. Was in den letzten Wochen passiert ist, treibt einen Keil dort hinein und ist unverantwortlich.

Man muss versuchen, nicht jene Fehler zu begehen, die die Wirtschaft ganz offensichtlich begangen hat. Sie hat die Minder-Inititative nicht ernst genommen, hat plakativ argumentiert. Die verschiedenen Standpunkte wurden nicht objektiv und sachlich auf den Tisch gelegt. Dadurch wurde die Emotionalität nur noch geschürt und die Glaubwürdigkeit verspielt. Man darf nie versuchen, die Gegenseite zu marginalisieren, sondern muss die Haltung annehmen, dass es einfach verschiedene Perspektiven gibt. Ziel der öffentlichen Diskussion muss sein, diese transparent zu machen. Der Einzelne bildet sich eine eigene Meinung. Das ist ein demokratischer Prozess.»


Von der Dynamik zur Nachdenklichkeit

Der gebürtige Bayer hat 20 Jahre in Frankreich gelebt. Sein Abitur machte Schloter im Eliteinternat Saint Germain en Laye, danach studierte er Betriebswirtschaft in Paris. In den 80er Jahren arbeitete er als Systementwickler bei Mercedes-Benz in Frankreich. Als der Autobauer 1992 gemeinsam mit dem Metro-Konzern in Frankreich einen Mobilfunkanbieter gründen wollte, wurde Schloter Projektleiter. Ab 1992 bereitete er als Joint Venture mit der Metro die Einführung eines neuen Mobilfunkbetreibers vor, der 2M Tele AG. 1995 wechselte er in die Geschäftsführung von Debitel. 2000 ging er in die Schweiz, bei der Swisscom leitete er die Mobilfunksparte, bevor er nach dem Rücktritt von Jens Alder 2006 die Führung des ganzen Konzerns übernahm. Zusätzlich war Schloter von 2007 bis 2013 Verwaltungsratspräsident von Fastweb (Mehraktionär Swisscom) in Italien, von April bis November 2010 war er Chief Executive Officer (CEO) ad interim des Unternehmens. Des Weiteren war er Mitglied des Vorstands der asut, Association Suisse des Télécommunications in Bern und Mitglied des Vorstands der Swiss-American Chamber of Commerce in Zürich.

Zu den Dingen, die teilweise in die Kritik geraten sind, gehörte die oben genannte Italien-Connection. Dies dürfte aber mit dem plötzlichen Ableben in keinem Zusammenhang stehen. In Schloters späten Interviews fallen im Vergleich zu seinen früheren Auftritten nachdenkliche Töne auf:

«Ich reflektiere gerne. Und zwar nicht nur die unternehmerische, sondern auch die gesellschaftliche Seite von dem, was wir tun. Beispielsweise die Umkehr der Informationsmacht: Wir sind nicht mehr in einer Welt, wo Wenige die Inhalte für die breite Masse machen. Die modernen Medien führen zu einem Punkt der totalen Transparenz. Für mich ist das faszinierend, weil es in der menschlichen Geschichte einmalig ist: Bisher war die Macht der Informationen immer top down. Die Bottom-up-Information ist mächtiger. Ich kann Stunden damit verbringen, über so etwas nachzudenken, mit den positiven und negativen Auswirkungen.» (Medienwoche, 15. März 2013)

Zum eigentlichen Philosophieren hat es dann bei Schloter, angesichts eines unverminderten Lebenstempos, wohl nicht mehr gereicht. Es scheint auch keine Äusserungen von ihm zu geben, die den Unterschied eines Unternehmers wie Nick Hayek im Vergleich zu den heutigen hochkotierten, nur mit vielen Millionen zu bezahlenden und doch eigentlich fast immer problemlos zu ersetzenden Managern kritisch bedenken.

«Ein vom Schrecken überwältigter Mann» (Arthur Miller)

Im genannten Interview mit der «Medienwoche» äussert sich der Swisscom-Chef über die «Schattenseiten und Risiken» seines Images als Superstar innerhalb seiner Berufsgruppe in der Schweiz: «Menschlich gesehen steckt ein sehr hohes Energieniveau dahinter, auch eine Leidenschaft für das Unternehmen. Das kann gefährlich sein. Ich laufe permanent Gefahr, andere damit zu überfordern. Es beinhaltet auch das Risiko, dass Menschen mit einer divergierenden Meinung auf einmal still werden. Und das ist nicht gut im Sinne einer gesunden Konfliktkultur. Für mich ist das Thema ein Watch-Item. Das habe ich seit 30 Jahren, seit ich im Berufsleben stehe, und das wird mich wahrscheinlich immer begleiten. Fast in jeder Situation muss ich mir überlegen, wie weit ich mich reingeben kann. Ich nehme mich immer etwas zurück.»

Nun hat sich ein eindrucksvoll begabter und auf zum Teil charismatische Weise dynamischer Mann endgültig zurückgenommen. Das Geschehen als Zeiterscheinung des Digitalzeitalters zu sehen, greift eher kurz. Der amerikanische Dramatiker Arthur Miller, zeitweilig mit Marylin Monroe verheiratet, hat die Thematik des Selbstmordproblems eines gehetzten Wirtschaftsmenschen schon vor 64 Jahren im Drama «Tod eines Handlungsreisenden» literarisch verarbeitet. Dabei spielen auch unbewältigte Probleme mit Gattin und Kindern eine nicht kleine Rolle. Der Name des Handlungsreisenden «Loman» bedeute, gemäss einem Motto von Filmemacher Fritz Lang «einen vom Schrecken überwältigten Mann, der in die Leere hinein um Hilfe ruft, die niemals kommen wird.» Falls bei diesem Schicksal von Tragik gesprochen werden kann, handelt es sich wohl um diese Sorte des Tragischen.

Beeindruckend bleibt, dass sich Carsten Schloter in den letzten Monaten seines Lebens mit Fragen auseinandergesetzt hat, die auch noch über die ihn bedrängende individuell-familiäre Existenz hinausgingen. Gegenüber Patrik Müller, dem Chefredaktor der «Schweiz am Sonntag», warnte der nunmehr Verstorbene «vor einem Zerfall des Zusammenhalts im Lande. Zwar sei die Lage noch bei weitem nicht so schlimm wie in Frankreich, wo er lange gelebt habe. Doch müsse man diese Tendenzen ernst nehmen.»

Carsten Schloter ist wenige Tage nach dem 100. Geburtstag des in Männedorf 1969 verstorbenen deutschen Filmstars Peter van Eyck (*16. Juli 1913, + 15. Juli 1969) aus dem Leben geschieden. Dieser war, etwa im Film «Lohn der Angst» (1953), ein denkwürdiger Repräsentant eines «existentialistischen» und nihilistischen, deutsch-französischen Lebensgefühls. 

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