Tito Tettamanti im Gespräch

Er hat viele Interessen. Und viele Gesichter. Der Unternehmer Tito Tettamanti hat das Schweizer Establishment aufgemischt. Er wirft sich weiterhin in jede Schlacht, die ihm das Leben bietet. Und in jedes Gespräch. René Scheu hat Tito Tettamanti in Südfrankreich getroffen.

Herr Tettamanti, Sie haben viele Titel: Investor, Kapitalist, Unternehmer, Autor, Parvenu oder «leidenschaftlicher anarcholiberaler Freizeitphilosoph». Wer sind Sie wirklich?

Journalisten geben mir diese Namen, weil sie mir schmeicheln wollen. Ich würde mich glücklich schätzen, wenn ich all dies wäre! Dann könnte ich sicher sein, mich meiner Lebtage nicht eine einzige Sekunde zu langweilen. Nun, es stimmt immerhin, dass ich mich bemüht habe, verschiedene Interessen zu pflegen – aus einem einfachen Grund: damit ich nicht verkalke.

Eine der genannten Bezeichnungen stammt von Ihnen…

… ja, der Parvenu. Ich vertrete die Auffassung, dass der Parvenu einer ist, der es zu etwas gebracht hat. Entgegen dem landläufigen Verständnis ist der Begriff für mich deshalb positiv konnotiert. Ein Parvenu hat hart gearbeitet, es wurde ihm nichts in die Wiege gelegt.

Der Parvenu ist nach Ludwig von Mises ein Produkt der kapitalistischen Gesellschaft. Mises schreibt: «In einer Gesellschaft, die auf Stand oder Kaste gegründet ist, ist die Lebensposition eines Individuums festgelegt. Im kapitalistischen System sieht die Sache anders aus. Jedermanns Lebensstellung hängt von ihm selbst ab.» Das klingt gut, ist aber einseitig formuliert. Es braucht zum Erfolg auch Glück.

Ich bin ein überzeugter Verfechter des Kapitalismus, denn er gibt jedem die Chance, seinen Weg zu machen. Aber Sie haben schon recht – man muss manchmal auch zur richtigen Zeit am richtigen Ort sein. Die gute Nachricht ist, dass man Glück erzwingen kann. Je härter man arbeitet, desto grösser ist die Wahrscheinlichkeit, dass man die richtigen Entscheidungen trifft.

Sie haben nicht nur viel Geld verdient, Sie haben auch verschiedene Bücher verfasst. Sehen Sie sich als intellectuel engagé?

Ich bin jemand, der versucht, seine unternehmerische Tätigkeit mit einem kulturellen Hintergrund zu verbinden. Diese Kombination führt nicht unbedingt zu besseren unternehmerischen Resultaten, aber sie garantiert dem Unternehmer eine höhere persönliche Befriedigung. Man weiss, warum man etwas tut, und das kommt im Leben selten genug vor.

Was genau meinen Sie mit Kultur?

Kulturanthropologisch gesehen, ist alles Kultur, woran der Mensch Hand gelegt hat. Dazu zählt ein Volkslied ebenso wie die heute in Verruf geratenen Mythen, Wilhelm Tell eingeschlossen. Ich dachte freilich eher an Kultur im engeren Sinne von Denken und Lesen. In meiner Tätigkeit versuche ich, unternehmerisches Handeln und sozialphilosophische Kultur zusammenzubringen…

…es geht nicht einfach ums Geldverdienen, sondern auch darum, zu verstehen, was es bedeutet, Geld zu verdienen?

Das ist ein kleiner, aber feiner Unterschied. Wenn ich Bücher von Ludwig von Mises oder Friedrich August von Hayek lese, dann reifen Gedanken heran, die in meinem Unterbewussten weiterwirken und meine künftigen Entscheidungen beeinflussen. Das gibt mir ein Gefühl von Weite und Tiefe, von Tradition und Verbundenheit. Natürlich bin ich es, der die unternehmerische Entscheidung trifft, aber sie hat eine andere Berechtigung, wenn sie mit meiner Lebensphilosophie übereinstimmt.

Wer viele Interessen hat, läuft stets Gefahr, sich zu verzetteln. Mein Vater erinnert mich jedenfalls immer daran, meine Kräfte zu bündeln.

Ihr Vater hat meine Anerkennung, und er hat im allgemeinen zweifellos recht. Doch es gibt verschiedene Lebensphasen. Wenn Sie jung sind und in der Arbeitswelt aufsteigen wollen, geschieht es schnell, dass Sie zum Monomaniac werden. Das ist auch gut so. In Ihrem Fall muss die ganze geistige Energie in die «Schweizer Monatshefte» fliessen, das ist die wichtigste Voraussetzung für den Erfolg. Aber die Jahre vergehen, der Mensch wird reifer, und es wächst das Bedürfnis zu verstehen, warum man gewisse Dinge tut. Man tut einen Schritt zurück und betrachtet das Leben aus einer globalen Perspektive. Als ich in diese zweite Lebensphase eintrat, habe ich begonnen, mehr Bücher zu lesen und gelegentlich Bücher zu schreiben.

Es ist eine Frage des Alters, aber es ist auch eine Frage des Charakters. Nicht jeder will…

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Rolf Dobelli, Bestseller-Autor und Unternehmer,
über den «Schweizer Monat»