Tigersöhne und Glückskinder

Chavchavadze und Margvelashvili, Shevardnadze und Kobiashvili – die georgischen Namen sind unverkennbar. Doch so kompliziert sie auch klingen mögen, ihr Bauprinzip ist ein simples: Eine kleine Einführung in die georgische Onomastik.

Der älteste georgische Familienname lässt sich schon in den frühesten Schriftzeugnissen nachweisen. «Das Martyrium der heiligen Schuschanik», das älteste erhaltene Buch der georgischen Literatur, das zwischen 476 und 483 verfasst wurde, stammt von einem Priester und Schriftsteller namens Jakob Zurtaweli (Jakob aus Zurtawi). Etabliert haben sich die georgischen Familiennamen seit dem 12. Jahrhundert, als sie sich zuerst in der Oberschicht durchgesetzt haben. Im Unterschied zu manchen Sprachen, etwa den slawischen oder dem Griechischen, unterscheiden sich die georgischen Familiennamen nicht im Geschlecht: Männer wie Frauen tragen die Familiennamen mit den gleichen Endungen: –shvili, -dze, -va, -uri, -iri, -iani, -eli, -ni usw. Einige Familiennamen sind mit mehreren Endungen anzutreffen, so z.B. Tschitashvili, Tschitadze, Tschitauri.

Die strukturelle Vielfalt im Bau der Familiennamen sowie der Endungen ist regional bestimmt und hängt mit der ethnischen Vielfalt und mit der Ausbreitung der in den jeweiligen Regionen vorkommenden Sprachen zusammen. Z.B. enden in Ostgeorgien, wo überwiegend Sprecher des Georgischen anzutreffen sind (hier sind hauptsächlich die ostgeorgischen Dialekte Kartlisch und Kachetisch verbreitet), die Familiennamen auf -shvili, was an sich «leibliches Kind» bedeutet. Die zweite in dieser Region weitverbreitete Endung -dze hingegen ist semantisch genusdeterminiert und bedeutet im modernen Georgischen «Sohn» (vgl. die Familienendungen in skandinavischen Ländern mit -sen oder -son wie das schwedische Johansson oder das norwegische Jørgensen). Historisch aber scheint es «Nachfahre/Erbe» zu bedeuten, was sich in Shota Rustavelis Epos «Der Recke im Tigerfell» aus dem 12. Jahrhundert bestätigt: sxva dze ar esva mepesa, martoden marto asuli – einen anderen Erben hatte der König nicht, nur eine Tochter.

Die Bildung der georgischen Familiennamen ist relativ einfach: die Endungen werden entweder an Anthrophonyme (z.B. Giorgadze – Sohn von Giorgi), Kosenamen (z.B. Kikalashvili – Sohn von Kikala), Zoonyme (z.B. Wepchwadze – vgl. wepchwi Tiger), Ethnonyme (z.B. Prangishvili – Kind eines Franzosen) angeschlossen, weisen auf geographische Abstammungen (z.B. Tschocheli – jemand aus dem Dorf Tschochi) hin oder gehen auf berufliche Spezifikationen (z.B. Mchedlishvili – Kind eines Schmiedes) zurück. Es gibt auch welche, denen ein abstraktes Wort zugrunde liegt: Sicharulidze (sicharuli – Glück), Mschwidobadze (mschwidoba – Frieden).

In Westgeorgien, z.B. in Samegrelo, haben die Familiennamen ganz andere Endungen, meistens -ia/-ua und -va/-ava/-iava, wobei im Hochgebirge von Swanetien die Familiennamen mit einer anderen Endung, nämlich -iani/-ani, gebildet werden. Man kann gewisse Parallelen in den Familiennamen beobachten, die bei georgisch-, megrelisch- oder swanischsprechenden Georgiern anzutreffen sind: vgl. Mchedlishvili vs. Chkadua vs. Muschkudiani (vgl. georgisch mchedeli – Schmied, megrelisch chkad – schmieden, swanisch schkud – schmieden). Durch diese Modifikationen der Familiennamen ist es leicht, die Menschen den bestimmten Regionen zuzuordnen.

Darüber hinaus gibt es viele andere Namen, deren Ursprung nicht unbedingt auf eine endogene Abstammung, sondern auf die Zusammensetzung von zwei Komponenten – Name und Beruf, wie Tarchan-Mouravi (mouravi – Verwalter) – zurückgeht.

In der offiziellen schriftlichen und mündlichen Kommunikation werden Personen meistens nur mit Vorname angesprochen, begleitet durch das Anredewort «batoni» (Herr) oder «kalbatoni» (gnädige Frau) in der Vokativform: batono Wachtang (Herr Wachtang) vs. kalbatono Medea (Frau Medea). Es ist bemerkenswert, dass bei der Anrede die Titel, wie Professor oder Doktor, weggelassen werden, auch bei hochoffiziellen Anlässen.

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den man liest, obwohl einen das Thema bis dahin gar nicht interessiert hat.
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Niko Stoifberg, Schriftsteller und Redaktor bei «getAbstract», über den «Schweizer Monat»