Ticktack, ticktack, ticktack

Warum die Schweizer Uhr immer noch läuft und sich die lokale Industrie in aller Welt behauptet: ein Streifzug durch eine Geschichte voller Bedrohungen und ein Ausblick auf die möglichen Auswirkungen der «Apple Watch».

Warum ist die Schweizer Uhrenindustrie widerstandsfähiger als andere Branchen? Die Antwort beginnt mit einer simplen Feststellung: Die Uhrenindustrie bildet eine Ausnahme.

Die Schweizer Wirtschaft ist in hohem Masse global orientiert. Darauf gründen auch ihre Vorteile im internationalen Wettbewerb. Seit dem späten 19. Jahrhundert haben sich Schweizer Unternehmen im Finanzwesen oder in der Chemie-, Maschinen- und Nahrungsmittelindustrie internationalisiert und ihre Produktion in die ganze Welt ausgelagert. Die Uhrenindustrie hat einen anderen Weg gewählt: sie gehört heute zu den stärksten Industrien des Landes – und hat gleichzeitig den Grossteil ihrer Produktion in der Schweiz belassen. Dies ist die Folge verschiedenster Bedrohungen und Herausforderungen, auf die die Schweizer Uhrenhersteller und die politischen Behörden im Verlauf der Geschichte mit jenen Anpassungen reagierten, welche die Uhrenindustrie zu dem machten, was sie heute ist.1

 

Ein Kartell gegen Verlagerungen

Mitte des 19. Jahrhunderts schaffte es die Schweiz, die grösste Uhrenherstellerin der Welt zu werden. Diese Position errang sie dank ihrer industriellen Organisation, ihren billigen Arbeitskräften und ihrer unternehmerischen Dynamik. 1870 vereinten die Schweizer Uhrenmacher einen geschätzten Anteil von 70 Prozent der weltweiten Produktion auf sich, und als ihnen Ende des Jahrhunderts in den USA ernsthafte Konkurrenz erwuchs, modernisierten sich die hiesigen Unternehmen und dominierten weiterhin die Weltmärkte.

Doch der Aufstieg des Zollprotektionismus in den 1890er Jahren führte zu einer ersten Verlagerungswelle in andere Länder. Die Zolltarife für Uhrenbestandteile und Rohwerke von Uhren waren niedriger als für ganze Uhren. Deshalb begannen Schweizer Uhrenmacher damit, halbfertige Uhrwerke zu exportieren und Einzelteile im Ausland zusammensetzen zu lassen. Diese Auslagerung hatte aber unbeabsichtigte Nebenwirkungen: die kleinen Fabrikationsstätten förderten das Aufkommen neuer Konkurrenz, zum Beispiel Bulova in den USA und Citizen in Japan. Folglich bedrohte der Export von Einzelteilen die Existenz der Uhrenindustrie in der Schweiz.

Nach dem Ersten Weltkrieg begannen Gewerkschaften und Uhrenfabrikanten Kartelle zu bilden, um die Aktivitäten der Uhrenhersteller zu kontrollieren. 1928 unterzeichneten die Uhrenfabriken mehrere Abkommen, die ihnen den Export von Einzelteilen verboten und sie dazu zwangen, sich nur von in der Schweiz ansässigen Unternehmen beliefern zu lassen. Die Schweizer Regierung legalisierte dieses System mit der Errichtung des sogenannten Uhrenstatuts von 1934.

Dieses institutionelle Arrangement hatte eine tiefe und langanhaltende Wirkung auf die Schweizer Uhrenindustrie: es beendete die Auslagerung der Produktion und unterstützte das Wachstum von Firmen und Arbeitsstellen innerhalb der Schweiz. Die Grenzen der Kartelle zeigten sich jedoch deutlich, als zwanzig Jahre später in den USA und in Japan grosse Uhrenfirmen wie Timex oder Seiko aufkamen. Um wettbewerbsfähig zu bleiben, sahen sich die Schweizer Uhrenfirmen jetzt dazu gezwungen, ihre Produktion zu reorganisieren und ihre Herstellungskosten zu senken. Das Schweizer Parlament reagierte, indem es zwischen 1962 und 1965 die Uhrenindustrie schrittweise liberalisierte. Damit war das Uhrenstatut gestorben, und zahlreiche Uhrenhersteller bauten Produktionszentren in Ostasien auf, insbesondere in Hongkong und Singapur.

 

Die Geburt von «Swiss Made»

Das Ende des Uhrenstatuts wurde von zweierlei Massnahmen begleitet: Neu wurden einerseits technische Kontrollen und andererseits der Schutz des «Swiss Made»-Labels eingeführt. Beide Schritte waren dazu gedacht, die Qualität der Schweizer Uhrenproduktion und den relativen Wettbewerbsvorteil zu sichern, der sich aus dem guten Ruf der hiesigen Produkte ergab.

Die 1961 eingeführten technischen Kontrollen reagierten auf eine Angst, die unter Uhrenherstellern weit verbreitet war: dass Schweizer Produzenten der Verlockung folgen könnten, mit Produkten von niedriger Qualität von tiefen Marktpreisen zu profitieren – eine solche Strategie hätte der Schweizer Uhrenindustrie als Ganzes schweren Schaden zufügen können. «Um die Ausfuhr von Erzeugnissen der Uhrenindustrie zu verhindern, die geeignet sind, den Ruf der schweizerischen Uhrenindustrie im Ausland schwer zu beeinträchtigen»2, sollten Uhrwerke und Uhrenbestandteile fortan technischen Kontrollen unterworfen werden. In der Praxis lief indes nur ein Bruchteil der Produktion durch offizielle Qualitätskon-trollen. Von 1972…