Tibet – Schweiz, nicht retour

Wollte man unter der Flut von deutschsprachigen Büchern über das Schicksal des chinesisch besetzten Tibet und seiner Menschen nur ein einziges auswählen, um auf umfassende Weise zu erfahren, was am Himalaja geschehen ist und noch geschieht, so müsste es «Exil Schweiz. Tibeter auf der Flucht» sein. Auf die Initiative einer Tibet-Schweizerin hin entstanden, enthält der äusserlich schlicht und monochrom gestaltete Band die Lebensberichte von zwölf Zeitzeugen des alten, freien Tibet. Als Kinder oder junge Menschen erlebten sie die Invasion des kommunistischen China und die Folgen seit den 50er Jahren des letzten Jahrhunderts, die sie zu Flüchtlingen machten und schliesslich zu dankbaren Bürgern der Schweiz werden liessen. Durch eine Hommage an die Freiheit Tibets und einen historischen Abriss wird der Leser zu Anfang des Buches erinnert, wie um den 10. März 1959 der verzweifelte Aufstand in Lhasa durch den Massenmord an 87’000 Menschen niedergeschlagen wurde, der Dalai Lama nach Indien fliehen musste und Zehntausende von Tibetern ihm folgten, derer Unzählige auf der Flucht an Erschöpfung starben oder gefangen, inhaftiert oder erschossen wurden. Eine auf Videoaufnahmen basierende Schilderung von bis in die heutige Zeit reichenden Verfolgungen der Flüchtenden und ein kleines Epitaph für 18 Kinder und Jugendliche, die 2006 auf der Flucht verschwanden, zeigen die Aktualität des Geschehens auf.

Zunächst sind es die Photos von Manuel Bauer, die dazu einladen, dieses Buch zu lesen. Menschen in ihrer häuslichen, schweizerischen Umgebung. Menschen, die in Gestik und Mimik die Erzählung ihres Lebens begleiten, dabei ernst sind, traurig, aufgeregt oder ruhig, die lachen und weinen. Sie erzählen davon, wie ihnen das Leben in der Heimat unmöglich gemacht wurde, wie sie Demütigungen und Verfolgungen erleiden mussten. Sie berichten vom Verlust nächster Menschen, von unvorstellbar langen Haftstrafen unter entsetzlichen Bedingungen, von den Gefahren der Flucht.

Es sind auch zwölf Geschichten über Dankbarkeit für die Integration in die neue Heimat Schweiz. Hier ist Bewusstsein für die Hilfe und das Entgegenkommen des Gastlandes erkennbar. Gleichzeitig wird klar, wie die Tibeter ihr Eigenstes nicht vergessen, sondern für uns alle zu wichtigen Vermittlern der tibetischen Kultur werden. Ganz nebenbei ist es auch ein Buch zum Selbstverständnis der Schweiz, jenes Landes, das übelwollender Markierung als kaltschnäuzigen Bankenlands zum Trotz doch nun schon seit einem dreiviertel Jahrhundert Fluchtpunkt und Hoffnung für Verfolgte vieler Nationen ist. Der mehrfach geäusserte Wunsch des Dalai Lama, dass Tibet ein freies, neutrales Land nach schweizerischem Vorbild werden könne, ist verständlich.

Manuel Bauers gleichzeitig erschienenes Buch «Flucht aus Tibet» mit 89 unkommentierten Photoseiten gehört unbedingt zu «Exil Schweiz» dazu. In «Tibet. Der lange Weg», der Ausgabe der Zeitschrift «Du» vom Juli 1995, die noch antiquarisch erhältlich ist, war Manuel Bauers Reportage über die Flucht der sechsjährigen Yangdol und ihres Vaters zuerst erschienen, die der Winterthurer Photograph über den Himalaja begleitet hatte. In Buchform wirken die teilweise gleichen Aufnahmen entrückter und kunstvoller, was ihren exemplarischen Wert zu verstärken scheint. Die Verlorenheit der beiden fliehenden Tibeter auf der weiten Fläche des Nangpa-Passes auf der Flucht nach Nepal und Indien, aus der Ferne kaum grösser als Kieselsteine und doch immer als Menschen erkennbar, ist die Verlorenheit aller Heimatlosen. Die persönlichen Aufzeichnungen Manuel Bauers am Ende des Bandes zeigen, wie Menschenschicksale sich trotz aller Fremdheit und Bedrohung durch gemeinsames Erleben wie von selbst verbinden und die ursprüngliche Gleichheit aller Menschen durch Mitgefühl sichtbar wird.

Christian Schmidt & Manuel Bauer: «Exil Schweiz. Tibeter auf der Flucht. 12 Lebensgeschichten». Zürich: Limmat, 2009

Manuel Bauer: «Flucht aus Tibet». Zürich: Limmat, 2009

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