Thurgau? – Wag es getrost!

Ohne die Liebe zu «Land und Leuten», ohne eine «feinere Art von Natur- und Landschaftssinn» lasse sich die zugegebenermassen spröde Schönheit der Mark Brandenburg nicht erkennen. Das jedenfalls behauptete Theodor Fontane. Wieviel leichter hat es Albert M. Debrunner da doch mit seinem Gegenstand. Um Nachsicht für eine erkennbar verspätete Kultur braucht er seine Leser nämlich nirgends zu bitten. Schliesslich ist der Thurgau seit je Teil des uralten Kulturraumes rund um den Bodensee. Als eine profilierte Literaturregion hat man ihn dennoch bisher nicht unbedingt wahrgenommen. Mit seinen literaturgeschichtlichen Wanderungen zwischen Kreuzlingen, Arbon und Frauenfeld tritt der Verfasser nun an, dies zu ändern. Und es gelingt ihm auf eine sehr sympathische Weise.

Mag man auch darüber streiten können, ob kantonale Grenzen den kulturgeschichtlichen Realitäten am Ende nicht doch zuwiderlaufen, hier erweisen sie sich als entschieden zweckdienlich, weil wahrnehmungsschärfend. Ohne Berührungsängste zeigt Debrunner Dichter und Dichterin in der Thurgauer Landschaft: wenig verwunderlich also, dass sich der für solche Zwecke sozusagen obligatorische Schweizreisende Goethe gleich mehrfach findet. Wichtiger aber für dieses Vorhaben sind wohl die Porträts jetztzeitiger Verleger und Autoren und dort ansässiger Exilanten des 19. und 20. Jahrhunderts.

Bei all den grossen Namen geraten dem Verfasser auch eher regional bedeutsame Grössen, wie die vielgelesene Maria Dutli-Rutishauser, oder literarische Zirkel, wie die um Emanuel Stickelberger oder das Ehepaar Weidenmann in Kesswil, niemals aus dem Blick, ebenso wenig im übrigen wie der Uttwiler Urstandort von Eduard Mörikes legendärem «Turmhahn». Wie schon Hugo von Hofmannsthal vor bald einhundert Jahren geht Debrunner dabei davon aus, dass Literatur untrennbar an «Landschaft und Luft» «hängt» und von beiden unverkennbar geprägt wird. Damit spürt er der literarischen Provinz im positiven Sinne nach. Das Bewahren von regionalem Wissen, wenn dieses so sachkundig aufbereitet wird wie hier, ist dabei womöglich heute wichtiger denn je. Nicht zuletzt deshalb, weil sich die akademische Germanistik, eingedenk ihrer diesbezüglichen ideologischen Fehltritte zwischen 1918 und 1945, weitestgehend von diesem Arbeitsfeld zurückgezogen hat und dazu neigt, es als eine Art von vorwissenschaftlichem Zeitvertreib geringzuschätzen. Der liebevoll gestaltete, interessant illustrierte und durch reiche Literaturangaben auch zum intellektuellen Nachvollzug auffordernde Band lädt zum Flanieren durch Ostschweizer Gefilde. Mit Fontane möchte man daher sagen: «Wag es getrost, und du wirst es nicht bereuen.»

vorgestellt von Anett Lütteken, Bern

Albert M. Debrunner: «Literaturführer Thurgau. Frauenfeld». Frauenfeld: Huber, 2008

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Rainer Hank, «FAZ»-Kolumnist,
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