«Three to Tea»

Die amerikanische Tea-Party-Bewegung wird medial als Auffangbecken libertärer bis urkonservativer Aussenseiter mit antiquiertem Weltbild karikiert. Doch das Bild vom protestfreudigen Hinterwäldler ist falsch. Die Bewegung hat starke feminine Wurzeln.

Im Juni 2010 fragte der Economist, was mit der politischen Rechten Amerikas nicht in Ordnung sei. Und gab mit der Wahl der
Titelillustration gleich die Antwort: Die berühmteste Teegesellschaft der Literaturgeschichte bat zu Tisch, jene aus Lewis Carrolls Kinderbuch «Alice im Wunderland». Den Part der Alice übernahm Sarah Palin, als verrückter Hutmacher fungierte das einstige Fox-News-Aushängeschild Glenn Beck, und als Märzhasen sah man Rush Limbaugh, einen konservativen Radiomoderator. «We’re all mad here», sie seien alle wahnsinnig, erklärt Carrolls Hutmacher der verdutzten Alice: das gelte, so nicht nur der Economist, auch für die amerikanische Tea-Party-Bewegung als Ganze. Die Bilder von Protestierenden in Kostümen aus der Zeit der Amerikanischen Revolution, die homophobe Hetze des Tea-Party-Aushängeschilds Michele Bachmann und das erneute Getöse um eine Sarah Palin liessen, so viel sei zugestanden, auf den ersten Blick kaum einen anderen Schluss zu. Mark Lilla, Professor an der Columbia University, schien es in seinem Kommentar in der New York Review of Books auf den Punkt zu bringen: «Willkommen zur Politik des libertären Mobs.»

Doch die grelle Fassade und der schrille Ton, ihre Heterogenität und Führungslosigkeit verbergen die eigentlichen Motive der Bewegung. Ein kurzer Exkurs in die jüngere Vergangenheit mag dies illustrieren. Zu einer eigentlich schlechten Sendezeit tat am 19. Februar 2009 der CNBC-Börsenberichterstatter Rick Santelli seinen Unmut über die Regierung Obama kund, die jene «Verlierer» finanziell unterstütze, die ihre Hypotheken nicht mehr bezahlen könnten. Unter Beifall und Gejohle der umstehenden Händler an der Chicagoer Börse rief Santelli zum Protest auf und schlug eine Wiederauflage der Bostoner Tea Party von 1773 vor, die einst den Beginn der Amerikanischen Revolution markierte, als Bostoner Bürger in den Hafen eindrangen und drei Ladungen Tee von Schiffen der britischen East India Trading Company ins Hafenbecken kippten. Der Aufruf fand seinen Weg zu YouTube, und kaum war der Clip online, lud eine Webseite zur ersten Tea Party ein. Ihr war nur Tage zuvor eine ähnliche Veranstaltung vorangegangen: The Anti-Porkulus Protest. Mit dem namensgebenden Schweinchen spielte die Urheberin des Protests, die dreissigjährige Keli Carender, auf Pork Barrel Politics an, jenes Streben nach bundesstaatlich finanzierten Projekten, die nur einer bestimmten geographischen Einheit, praktischerweise einem Wahlkreis, zugute kommen. Durch ihren Blog, den sie in Anspielung auf die 1776 erklungene Freiheitsglocke «Liberty Belle» benannte, hatte die junge Frau aus Seattle eine Schar Gleichgesinnter gefunden – im Zuge der Tea-Party-Bewegung wurde sie gleichsam zum nationalen Vorbild.

Und sie ist nicht allein: Im Zuge des Erfolgs der Bewegung wird offenbar, dass sich immer mehr Frauen hervortun, um tragende Rollen für die vielen Tea-Party-Splittergruppen zu übernehmen. Die streitbare republikanische Präsidentschaftskandidatin Michele Bachmann aus Minnesota oder die allgegenwärtige Sarah Palin aus Alaska sind dabei nur die bekanntesten Gesichter. Nicht zuletzt diese Entwicklung verhilft auch den «drei Furien für die Freiheit», dem Libertarian Chick Triumvirate, wie ein libertärer Frauenblog keck meinte, oder, etwas würdevoller, den «Gründermüttern des Libertarismus» zu einer Renaissance: Ayn Rand, Isabel Paterson und Rose Wilder Lane.

«John Galt Speaking»
Ayn Rands Konterfei ziert die Büroräume von FreedomWorks, der bekanntesten und einflussreichsten unter den NGOs, welche die heterogene Tea-Party-Bewegung unterstützen; Zitate aus ihrem Werk prangen auf den Plakaten der Protestierenden vor dem Weissen Haus: ihr Roman «Atlas Shrugged» hat sich allein 2009 über 500 000mal verkauft. In einer Umfrage unter amerikanischen

Lesern wurde der 1957 erschienene Roman zudem als das einflussreichste Buch nach der Bibel genannt. Zu seinen prominentesten Anhängern zählen der ehemalige Vorsitzende der US-Notenbank Alan Greenspan, der Wikipedia-Gründer Jimmy Wales oder CNN-Gründer Ted Turner: Ayn Rand, in Europa praktisch unbekannt, ist unbestreitbar Teil der politischen Kultur Amerikas.

Geboren als Alisa Rosenbaum, Tochter einer jüdischen Apothekerfamilie im russischen St. Petersburg, erlebt sie in ihrer Jugend, wie ein sozialistisches Regime die persönliche Freiheit beschränkt, dem Individuum, wie Alisa es empfand, die Luft abschnürt. Ihrem Vater wird ein faktisches Berufsverbot auferlegt, die Ausbildungsmöglichkeiten der Kinder werden aufgrund ihrer vorrevolutionären Lebensumstände stark eingeschränkt. Alisa muss sich zum Schutz ihrer selbst und ihrer Familie zwingen, ihrem Ärger über die Parteidiktatur nicht Luft zu machen. Sie will raus. Im Alter von 22 Jahren erhält sie tatsächlich ein Ausreisevisum und verabschiedet sich mit Ziel USA – nicht ohne vorher ihren Eltern zu versichern, bei ihrer Rückkehr werde sie berühmt sein. An Rückkehr dachte sie später nicht mehr – indessen wurde sie in ihrer neuen Heimat so berühmt, dass die amerikanische Post ihr Portrait 1999 auf eine Briefmarke bannte.

Ihr Aufstieg unter dem Namen Ayn Rand beginnt in den Studios von Hollywood als Drehbuchautorin, doch daneben werkelt sie unermüdlich an ihren eigenen Projekten und legt 1936 ihren Debütroman, «We the Living», vor. Es sollte als einziges ihrer Werke in Russland spielen und das Leben ihrer Familie nach der sozialistischen Revolution reflektieren. Rand beschreibt, wie das neue Regime den einzelnen in seiner Entwicklung lähmt, Leistung bestraft, den kritischen Geist knebelt und entmündigt. Ironischerweise wird just dieser Stoff im Italien Mussolinis verfilmt und gar als antibolschewistisches Manifest ausgezeichnet: Ohne das Wissen der Autorin verfilmen die Scalera Studios das Buch 1942 als Zweiteiler, der die Nachfrage nach dämonisierenden Feindportraits decken soll. An der Biennale heimst der Film denn auch den Hauptpreis ein, doch das faschistische Regime erfasst allmählich dessen antitotalitäre Botschaft und verbannt ihn von der Leinwand. Rand selbst erlangt mit ihrem Debüt erste Beachtung als Sprachrohr
gegen den Kommunismus, dessen Popularität in Hollywood die Autorin schockiert.

Der eigentliche Durchbruch gelingt Rand 1943 mit dem Roman «The Fountainhead». Inspiriert vom Schaffen des Architekten Frank Lloyd Wrights schildert Rand Aufstieg und Leben des eigensinnig-genialen Architekten Howard Roark, der lieber im Steinbruch malocht, als seine ästhetischen Ideale und Visionen preiszugeben. In ihm sieht sie den idealen Creator, einen schöpferischen Geist, der im Gegensatz zum parasitär-gefallsüchtigen Durchschnitt, den Second-Handers, Neues erschafft und so zu den wahrhaft produktiven Kräften der Gesellschaft zählt. Ein Second-Hander ist die Figur des Architekten Peter Keating, der nach gesellschaftlicher Anerkennung giert, aber nicht in der Lage ist, Neues zu schaffen. So braucht er denn die Unterstützung Roarks, um ein soziales Wohnprojekt zu konzipieren. Roark verlangt für diesen Dienst einzig, dass an seinen Plänen nicht das Geringste verändert und das Projekt nach seinen Vorstellungen verwirklicht wird. Als diese Bedingung nicht respektiert wird, jagt Roark die Wohnanlage in die Luft. Sein Plädoyer vor Gericht wird zum eigentlichen Höhepunkt des Romans: Er bestreite eines jeden Anspruch, so Roark, auf auch nur eine Sekunde seines Lebens – er existiere nicht für andere, sondern nur für sich selbst. Damit postuliert er zugleich einen Kerngedanken Rands, der noch heute Leser zu irritieren vermag – ihre Ethik des rationalen Egoismus: Ayn Rand bezeichnet das eigene Leben, die eigene Existenz als höchsten Wert und fordert zu entsprechendem Handeln und Denken auf, natürlich unter Wahrung der Freiheit und Integrität anderer. «Altruismus» wird für Rand zum Schimpfwort – er, so wiederholt sie immer wieder, fordere Selbstaufopferung, die Preisgabe des Selbst. Sie dagegen verlangt nicht, dass man jeder und jedem Unterstützung versagt, sie fordert, dass das Individuum selbst darüber befinde, wem er oder sie helfen wolle.

Wer Ayn Rands Ethik nachvollzieht, wird leicht ableiten können, welches Gesellschaftssystem sie befürwortet: einen Minimalstaat und damit einen radikalen Laissez-faire-Kapitalismus. Nur unter dieser Bedingung, so ihre Überzeugung, kann der Mensch sich entfalten, seine Kreativität ausleben, ohne Sklave einer Mehrheit zu werden, die auf seine Kosten leben will. Dies führt Rand auch in ihrem Hauptwerk vor Augen: «Wer ist John Galt?», fragt die deutsche Übersetzung des Romans «Atlas Shrugged» von 1957 bereits auf der Frontseite. «John Galt Speaking!» oder «We are John Galt!» entgegnen die Pappschilder der Tea Party und beziehen sich dabei auf eben jene Romanfigur, welche in Rands modernem Klassiker zum Streik der Kreativen und Macher aufruft. Während über einem Jahrzehnt arbeitet Rand am Plot um Dagny Taggard, Erbin eines Eisenbahnunternehmens, die in einem wettbewerbsfeindlichen und gleichmacherischen Staat um das Überleben ihrer Firma kämpft. Gleichzeitig verschwinden in ihrem fiktiven Amerika immer mehr talentierte Erfinder, Unternehmer und andere kreative Köpfe, die nicht länger in einer Gesellschaft arbeiten wollen, die ihren Erfolg und ihre Leistung nicht anerkennt. Diese Sezession der Unternehmer, ein schleichender Massenrückzug in die Unzugänglichkeit der Rocky Mountains, bedeutet für die Wirtschaft des Landes den Kollaps. Das über tausendseitige Epos wird sich, gemeinsam mit dem Namen seiner Autorin, endgültig ins amerikanische Bewusstsein einbrennen und zur Einsteigerlektüre für Konservative und Libertäre werden – wie die Anhänger der Tea Party, die sich vor einer Welt, wie Rand sie skizziert, fürchten und glauben, dass Rands Dystopie über die letzten Jahrzehnte hinweg bedenklich grosse Schritte in Richtung Realität mache.

In den 1960er Jahren ist Ayn Rand auf dem Höhepunkt ihres Ruhmes: als Rednerin gefragt, gibt sie zudem einen Newsletter heraus und entwickelt ihre eigene Philosophie, den Objektivismus. Neben ihrer rationalen Ethik und ihren politischen Positionen formuliert sie ihre metaphysischen und erkenntnistheoretischen Grundlagen, geht gar so weit, ihre ästhetischen Präferenzen von ihrer Philosophie abzuleiten. Sie unterstützt den libertären Präsidentschaftskandidaten Barry Goldwater, ist in den Medien präsent – wird aber zugleich immer unnahbarer und starrsinniger. Weder von Journalisten noch Akademikern oder Anhängern duldet sie Widerspruch und Kritik; sie ätzt gegen Gläubige, weil diese irrational, gegen Libertäre, weil diese Ideendiebe seien. Ihr Anhängerkreis wird immer kleiner, ihr Bild in der Öffentlichkeit immer bizarrer. Entsprechend hart fällt der Kommentar eines der wichtigsten amerikanischen Konservativen des 20. Jahrhunderts, William F. Buckley, Jr., zu ihrem Tod 1982 aus: «Ayn Rand ist tot. Und so ist im übrigen auch die Philosophie, die sie begründete, tot.»

Buckley irrte sich zwar in seiner Einschätzung, dass Rands Ideen ihren Tod nicht überdauern würden, doch sein Befremden ob ihres Auftretens zu Lebzeiten teilten auch ihre einst engsten Freunde. So kokettierte Ayn Rand gerne damit, all ihre Konzepte und Überzeugungen selbst entwickelt zu haben, niemandem Dank zu schulden, und dies, obschon sie in den Jahren 1941 bis 1948 eine Mentorin an ihrer Seite wusste.

«Es gibt kein Kollektiv»: Isabel Paterson
«Die eine Begegnung in meinem Leben, die sich nie wiederholen lässt», mit diesen Worten widmete Ayn Rand «The Fountainhead» ihrer Weggefährtin und Lehrerin Isabel M. Paterson (1886–1961), einer damals längst etablierten Romanautorin, Kolumnistin und politischen Vordenkerin.

Ursprünglich will Ayn Rand die damals weit bekanntere Paterson für den Wahlkampf Wendell Willkies, des republikanischen Präsidentschaftsanwärters von 1940, rekrutieren. Stattdessen erhält sie von ihr umfassende Nachhilfe in Philosophie, amerikanischer Geschichte und Politik, und dies in nächtelangen Diskussionen, Briefen und Leseempfehlungen. «Der Punkt ist», schreibt Paterson ihrer Schülerin 1943, «DASS ES KEIN KOLLEKTIV GIBT. Sprich mir bitte nach: es gibt kein Kollektiv.» Paterson selbst hatte sich ihr Wissen angelesen und erarbeitet, ohne auch nur die High School von innen gesehen zu haben. Aufgewachsen als Kind einer Pioniersfamilie verlässt Paterson das Elternhaus, um sich 1924 in New York niederzulassen. Dort findet sie nicht nur eine Festanstellung als Kolumnistin bei der renommierten New York Herald Tribune, sondern kann auch ihren ersten Roman veröffentlichen.

Ihre wöchentliche Bücherkolumne wird zu ihrem Rednerpult, oder wie sie selbst sagt: «Die Bücher sind nur ein Vorwand.» So spricht sie sich gegen jegliche Zensur aus, verurteilt die Prohibition sowie die damit verbundene Scheinheiligkeit und warnt ihre Leser vor den Risiken der Wirtschaftspolitik des damaligen Präsidenten Franklin D. Roosevelt. Doch nicht nur ihre Kolumne macht sie zu einer der bekanntesten libertären Denkerinnen, ebenso wichtig ist ihr geschichtstheoretisches Werk «The God of the Machine» («Der Gott der Maschine») von 1943, eben jenem Jahr, in dem auch Rand der literarische Durchbruch gelingt. Der unterschiedlichen Natur der beiden Bücher zum Trotz finden sich schnell Parallelen. Paterson versucht, die Erfolgsgeschichte Amerikas zu erklären, und sie gelangt wie Rand – oder vice versa – zur Überzeugung, dass einzig persönliche Freiheit zu technologischem Vorsprung und Wohlstand führt. Sie bedient sich dabei eines mechanischen Bildes der Wirtschaft und beschreibt die technischen Prinzipien, gemäss denen der Fluss produktiver menschlicher Energie sichergestellt werden kann. Schliesslich wendet sie sich auch politischen Problemfeldern ihrer Zeit zu, von der Geldpolitik bis zum öffentlichen Bildungswesen.

Ähnlich wie Rand sieht Paterson im Kollektivismus die grösste Gefahr für den einzelnen und wehrt sich gegen die Vorstellung, das Individuum sei dem Gemeinwohl verpflichtet. In «The God of the Machine» prangert sie sowohl jene an, die «für und durch andere» zu leben trachten, als auch jene, die das Gemeinwohl zum höchsten Gut erklären: «Aber wenn die guten Leute wissen», fragt sie mit Blick auf westliche Anhänger des Kommunismus, «dass innerhalb eines Jahres drei Millionen Menschen wegen jener Methoden verhungern mussten, die sie befürworten – warum verbrüdern sie sich immer noch mit den Mördern? Weil man ihnen sagte, der schleichende Tod dieser drei Millionen würde schlussendlich der Mehrheit zugute kommen.» Und wie ihre einstige Schülerin Rand liebt auch Paterson drastische Bilder: «Das Argument liesse sich genauso gut für den Kannibalismus anbringen.»

Anders als Rands «Fountainhead» wurde Patersons Werk kein Verkaufsschlager, und Rand überflügelte ihre Mentorin in den Annalen des Libertarismus als einflussreichste Frau. Dies allein hätte die Freundschaft der beiden nicht gefährden müssen, Streitigkeiten über Grundsatz- und Ursprungsfragen indes schon. Die Atheistin Rand kann die Haltung der gläubigen Paterson nicht begreifen, auch kommt es zum Konflikt um die Urheberschaft der Idee eines rationalen Egoismus. Nach 1948 beobachtet Paterson die Karriere ihrer einstigen Freundin nur noch aus der Ferne; Rand wird den massgeblichen Einfluss Patersons nie thematisieren, aber immerhin eine Neuauflage ihres Hauptwerks mit einem, wenn auch launischen, Vorwort würdigen.

«Gebt mir Freiheit!»: Rose Wilder Lane
1943 wird nicht nur das Jahr von Rands Durchbruch und Patersons Hauptwerk, sondern markiert auch einen Meilenstein im Schaffen Rose Wilder Lanes (1886–1968). Mit ihrer Abhandlung «The Discovery of Freedom» wird sie zur dritten «Furie für die Freiheit».

Wie Paterson Tochter einer Pioniersfamilie, findet Lane über Umwege zum Journalismus und zur Schriftstellerei. Anders als
Paterson schreibt sie sich quer durch alle Themen, wagt alles vom Fortsetzungsroman über Nähanleitungen und Kochrezepte bis hin zum politischen Pamphlet. Lane formuliert ihre politischen Überzeugungen erst nach längerem Einsatz für das Rote Kreuz in Europa, der sie unter anderem auch in die Schweiz führt. Auf einer Bahnfahrt durch die Westschweiz sinniert sie 1920 über die Unterschiede zu Amerika: «Die Kalifornier sparen Zeit und Arbeit, die Schweizer Land. Denn hier wächst jede Rebe brav geradewegs nach oben, ohne auch nur ein bisschen zu wuchern. Aber denk nur an die Jahre, die man damit zubringt, die Reben mit Stroh zu befestigen.» Politisch prägend ist indes ihre Reise in die Sowjetunion, die sie 1936 zu ihrem Pamphlet «Give Me Liberty»  inspiriert. Noch im Jahre 1919 sei sie Kommunistin gewesen, beginnt Lane ihr persönliches politisches Manifest. Sie habe die Sowjetunion jedoch nicht als Kommunistin verlassen, denn sie glaube an die persönliche Freiheit. Wie alle Amerikaner habe sie diese Freiheit, in die sie geboren wurde, für selbstverständlich gehalten und nicht im Traum daran gedacht, diese verlieren zu können. In «The Discovery of Freedom» wird sie später die historische Entwicklung des Freiheitsgedankens detaillierter nachzeichnen.

Daneben setzt Rose Wilder Lane ihre journalistische Karriere als Verfechterin freiheitlicher Ideen fort und wird Redakteurin regelmässig erscheinender Buchrezensionen, der Economic Council Review of Books, die sowohl Paterson als auch Rand abonnieren. Das unscheinbare Faltblatt wird für Lane zur Plattform, ihre Ideen einem gleichgesinnten Publikum darzulegen, aber auch, um die Bücher ihrer Mitstreiterinnen Rand und Paterson immer wieder ins Gedächtnis zu rufen. Rose Wilder Lane bezeichnete sich in ihren Tagebüchern oft als «Misserfolg», sowohl in beruflicher als auch in privater Hinsicht. Wäre diese Selbsteinschätzung zutreffend, würde man ihren Namen kaum auf libertären Blogs und Foren finden. Nicht zuletzt leben ihre Ideen in der Hinterlassenschaft einer anderen Berühmtheit weiter, ihrer Mutter: Laura Ingalls Wilder (1867–1957) verfasste eine der beliebtesten Kinderbuchserien Amerikas, «Little House on the Prairie», zu Deutsch «Unsere kleine Farm», die in den 1970er Jahren als Fernsehserie ein weltweites Publikum fand. Die autobiographisch geprägte Geschichte der kleinen Laura und ihrer Familie, die als Pioniere auf sich allein gestellt ihr Glück versuchen, ist nicht das alleinige Werk der Mutter. Wie man heute weiss, agierte Tochter Rose als kritische Lektorin, die den Büchern auch ihren Stempel aufdrückte. Der New Yorker fragte sich denn auch, ob man die «Laura-Bücher» nicht mit anderen Augen lesen und darüber nachdenken müsse, welche Ideen sie Kindern vermitteln.

Und wieder John Galt
Persönliche Freiheit, Minimalstaat, Kapitalismus: Die Schlagworte, die auf den Bannern der Tea Party prangen, standen auch für die politischen Überzeugungen Ayn Rands, Isabel M. Patersons und Rose Wilder Lanes. Die drei Frauen propagierten freiheitliche Ideen, als diese wenig populär waren. Nun sind sie in einem ähnlichen Klima zu Ideengebern und Ikonen geworden.

Gerade Ayn Rands Name wird dieses Jahr noch häufiger fallen: Absichtlich auf den als «Tax Day» bekannten 15. April, den Tag der Steuererklärung, fiel die Premiere der seit mehr als dreissig Jahren erwarteten Verfilmung von Rands Hauptwerk, «Atlas Shrugged: Part I». Mit Unterstützung von FreedomWorks gelangte die Low-Budget-Produktion, die ursprünglich nicht als solche geplant, sondern mit Namen wie Angelina Jolie und Brad Pitt in Verbindung gebracht wurde, in immerhin dreihundert amerikanische Kinosäle. Die Kritiken waren teils vernichtend, doch der herannahende Starttermin allein katapultierte den zugrunde liegenden Roman zurück in die Top 10 der Amazon-Verkaufsrangliste. In einem Bostoner Kino applaudierte das Publikum zum Ende der Vorführung und wurde anschliessend von Teilnehmern des sogenannten Free State Project verabschiedet: «Wo ist John Galt? – Im steuergünstigen Staat New Hampshire!» Das Projekt hofft, 20 000 Menschen dazu zu bewegen, in den waldreichen US-Bundesstaat umzuziehen, um dort mit Gleichgesinnten eine Art freiheitliches Rückzugsgebiet zu schaffen. Das Maskottchen der Bewegung ist für einmal nicht der sezessionistische John Galt, sondern ein Eremit aus den Wäldern: das Stachelschwein. Weshalb? «Das Stachelschwein ist ein sanftes Tier – solange du es nicht falsch anfasst.»

«Der beste Journalismus ist der,
den man liest, obwohl einen das Thema bis dahin gar nicht interessiert hat.
Beim MONAT passiert mir das ständig.»
Niko Stoifberg, Schriftsteller und Redaktor bei «getAbstract», über den «Schweizer Monat»