This is your Captain speaking…

Es geht um die Badersdorfer, um die Menschen wie das Dorf. Adrian Naef schafft mit dem Roman «Die Rechenmachers» das Porträt einer Zeit, die kurz nach dem Krieg einsetzt und bis in die Sechzigerjahre reicht. Badersdorf liegt zwischen den beiden grossen Schweizer Flughäfen, zwischen Dübendorf und Kloten, und ist schon bald als Wallisellen zu erkennen – nicht nur weil der 1948 geborene Autor dort aufgewachsen ist.

«Mein Grossvater war ein strenger, zu Jähzorn neigender Viehzüchter, Bauer und Rechenmacher.» Mit diesem Satz beginnt nicht nur der Roman und erklärt schon zu Anfang den Titel, auch setzt Naef – neben dem Ich-Erzähler – gleich die wichtigste Figur in Szene. Ein Patriarch und Familienoberhaupt von altem Schrot und Korn, oder mit anderen Worten: «Wenn in einer Generation eine Gabel auf einen Rechen folgt, wie man bei uns sagt, dann war Grossvater ein Rechen, das heisst, einer der zusammenträgt und aufbaut und das Übernommene nicht verzettet.» Der Leser wird in einen kleinbäuerlichen Familienbetrieb eingeführt, in dem jeder arbeitet, was er kann; für Gross und Klein gilt gleichermassen: «Früe uf und schpat nider, friss gschwind und schpring wider.» Zu den Höhepunkten des Jahres gehörte nebst Weihnachten vor allem die Fasnacht – «schlicht der Ausdruck für den Sinn des Lebens».

Adrian Naef gelingt es mit stupender Leichtigkeit, eine Zeit wiederaufleben zu lassen, die zumindest in Teilen schon dem Vergessen anheim gefallen ist, die aber so lange noch nicht zurückliegt. Eine Epoche, in der Englisch «so unverständlich wie das Evangelium» war, die Jugend jedoch – und mit ihr der Ich-Erzähler – noch unterwegs war in eine «noch intakte» Zukunft. Es gab Bauern und Arbeiter, die dazugehörigen Parteien, dazwischen nichts. Mit einer Ausnahme: «Denn es war die Epoche der Lehrer. Die Schriftsteller waren Lehrer, die Kabarettisten und Filmemacher waren Lehrer, Liedermacher waren Lehrer, die neuen Strassenzirkusse der Stadt wurden von Lehrern betrieben, die im Clownkurs in Paris oder im Tessin gerade Jonglieren gelernt hatten.» Die Konsequenz: «Schuld hatte stets das Kind, nicht der Lehrer, man sah es noch nicht umgekehrt.»

Dem Autor allerdings geht es nicht nur um die Beschreibung dieser «heilen Welt» von damals, es geht ihm insbesondere auch um den Übergang, den wirtschaftlichen Aufschwung, als die Bauern Land und Kühe zu verkaufen begannen, das erste Freibad in Badersdorf eröffnet wurde und jedes Mädchen Hostesse und jeder Junge Pilot bei der Swissair werden wollte: «This is your Captain speaking, sprachen wir zur Welt. Und Badersdorf lag gleich nebenan.» Geschickt spiegelt Naef die übersichtliche Welt des Grossvaters an jenem sich öffnenden Kosmos des erzählenden Enkels, der die Stadt Zürich für sich entdeckt, die wichtigsten Gitarrengriffe erlernt und erst der «Lustseuche» Rock and Roll, dann Jack Kerouac und Boris Vian verfällt.

So sehr «Die Rechenmachers» ein Buch der Erinnerungen ist, die Anekdoten und Geschichten des Romans weisen doch immer in unsere Gegenwart. Oder anders gesagt: Naef erhellt diese unsere Gegenwart auf unerhört präzise Weise, auch weil er sich nicht scheut, die Verluste beim Namen zu nennen, sei es der Tod des Sechstagerennens, oder sei es allgemeiner das Wegfallen von Verbindlichkeiten – zum Beispiel der unentbehrliche Schwatz beim Dorfcoiffeur. Zusammengefasst: «Mit dem Verlust, zur richtigen Zeit nicht das Richtige bekommen zu haben, geht man durchs Leben.» Gleichwohl ist Naef weit davon entfernt, eine Moral der Geschichte zu suchen, vielmehr zeichnet sich dieser Roman durch feinste Zwischentöne aus, Ernsthaftigkeit und Heiterkeit gehen Hand in Hand, und so paart sich beim Leser Nachdenken und Schmunzeln auf wunderbare Weise.

vorgestellt von Markus Bundi, Baden

Adrian Naef: «Die Rechenmachers». Eggingen: Edition Isele, 2006.

«Ein Sprudelbad fürs Hirn!»
Monique Bär, Philanthropin und Gründerin der Arcas Foundation,
 über den «Schweizer Monat»