This Ain’t Capitalism, Stupid!
Rahim Taghizadegan, zvg.

This Ain’t Capitalism, Stupid!

Wer die unerwünschten Begleiterscheinungen des modernen Geldsystems dem Kapitalismus zuschreibt, irrt. Wir brauchen nicht weniger, sondern mehr echte Marktwirtschaft.

Kapitalismus ist ein Kampfbegriff, der geprägt wurde, um moderne Dynamiken zu beschreiben, die den jeweiligen Beobachtern missfielen. Goethe schuf den «Faust», um die Überforderung des modernen Menschen angesichts der Selbstbeschleunigung der wirtschaftlichen Entwicklung kritisch darzustellen. Als am wirkmächtigsten aber erwies sich jene Kapitalismuskritik, der Beschleunigung und Industrialisierung nicht schnell genug gingen: die der frühen Sozialisten. Der Kapitalismus, so deuteten diese Kritiker, sei aufgrund des chaotischen Wettbewerbs, des egoistischen Verfügens über Eigentum und aufgrund fehlender Koordinationsinstanzen ein rückständiges Wirtschaftssystem – immerhin dem Feudalismus überlegen, würde aber bald durch effizientere Zentralpläne hinweggefegt.

Diese Prophezeiung erfüllte sich nicht. Sie schlug aber Schneisen durch das Institut des Privateigentums – mit gewichtigen Folgen. In weiten Teilen der Welt forderten die Experimente zentralistischen Verfügens über die Produktionsmittel einen ungeheuren Blutzoll. In den vermeintlich «kapitalistischen» Teilen der Welt blieb das Privateigentum, hochbesteuert und reguliert zwar, formell erhalten. Doch die wichtigste und weit unterschätzte dieser Schneisen verläuft auch durch den Westen – es ist der Geldsozialismus, die schleichende Ersetzung von Marktgeld durch staatliches Kredit- und schliesslich Zeichengeld. Eine wichtige Motivation bei diesem Prozess war die vermeintliche Kapitalklemme, welche der breiten Masse im kapitalistischen System den Zugang zu den Produktionsmitteln verwehren würde. Kreditausweitung war daher eine wichtige Forderung und wesentliches Programm der Frühsozialisten.

«Freier Kapitalismus bedeutet viele kleine Blasen, aus denen man viel lernen kann. Staatlich regulierter Kreditismus bedeutet wenige grosse Blasen, aus denen niemand etwas lernt.»

Leider führt die monetäre Ausdehnung zu jenem Muster, das heute als Konjunkturzyklus bekannt ist. Die meisten Ökonomen gehen davon aus, dass dieser Zyklus dem Kredit, der menschlichen Psyche, der Natur oder eben dem Kapitalismus inhärent sei. Tatsächlich aber ist der Konjunkturzyklus ein Phänomen des modernen, gemischten Wirtschaftssystems – eines Systems, für das «Kapitalismus» ein denkbar schlechtes Etikett ist. Schliesslich wird nicht das Kapital im eigentlichen Sinne vermehrt: Die produktiven Anlagen – materiell, technisch und geistig – werden im heutigen Westen eher stiefmütterlich behandelt. Die wenigsten Menschen sehen sich dort als Verfügende über Kapital, vielmehr sind die meisten verschuldet und alle sind Konsumenten. Der Konsum gilt gar als Triebkraft der Wirtschaft. Statt von Kapitalismus sollte man hier also eher von Kreditismus oder Konsumismus sprechen.

Nicht alle Blasen sind gefährlich

Zyklizität ist ein natürliches Phänomen – in lebendigen Systemen ist das Auf- und Abschwellen, das Zu- und Abnehmen, das Pulsieren natürlicher als der Stillstand oder die gleichförmige Expansion. Besonders am Konjunkturzyklus ist die Gleichzeitigkeit: die besondere Häufung von positiven Überraschungen in sehr vielen – manchmal nahezu allen – Wirtschaftsbereichen in der Hausse und von Enttäuschungen in der Baisse. Ein Gleichlauf, der sich quer durch Branchen und in der Wiederholung ähnlicher Zyklen zeigt.

Natürliche Blasen finden sich überall, wo sich viele Menschen zugleich täuschen, weil sie noch nicht lernen konnten: bei neuen Technologien, neuen Anlageideen, neuartigen Unternehmungen, bei Ideen, deren «Zeit gekommen ist». Die Masse verfällt leicht Hypes und Trends: Der Mensch ist ein mimetisches, ein nachahmendes Wesen, und doch müssen junge Menschen die Dummheiten selbst noch einmal machen, die ihre Eltern und Grosseltern schon begangen haben, um daraus zu lernen.

Natürliche Blasen dieser Art sind nicht gesellschaftsbedrohend. Massenbestätigung ist auch ein menschliches Gut, wenn plötzlich sehr viele die gleichen Bücher lesen und die gleichen Serien sehen, dann ist das keine Wertvernichtung, auch wenn manche die Trends später belächeln, sich schlimmstenfalls ein wenig dafür genieren. Unternehmerische Hypes, wie sie etwa der Gartner-Hype-Zyklus nachzeichnet (Auslöser, Gipfel der Erwartungen, Tal der Enttäuschungen etc.), sind zwar gewichtiger für Einzelexistenzen, aber gesellschaftlich wenig dramatisch. Eine Blase zieht Geld, Köpfe, Aufmerksamkeit an, und das ist nichts Schlechtes. Entscheidend ist, dass solche natürlichen Blasen sich stets auf Einzelbereiche, etwa bestimmte Industrien, Technologien, Konzepte beschränken und erkenntnisfördernd sind: Sie sorgen dafür, dass Kapital von denjenigen,…

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